Wettingen

«Ich bin und bleibe ein Gluri-Suter-Huus-Fan»

Die neue Ausstellung «Furyherz» in der Galerie im Gluri-Suter-Huus ist die letzte unter der Ägide von Museumsleiter Rudolf Velhagen.

Wer kann sich noch an das Weiterschreibspiel aus der Jugend erinnern? Jemand schreibt ein Wort auf einen Zettel, faltet diesen um, sodass es nicht mehr ersichtlich ist. Der nächste Spieler schreibt ein weiteres Wort dazu, und so weiter. So entsteht am Schluss ein zufällig zusammengewürfelter Satz.

Im Surrealismus wird dieser Zufall bei der Entstehung von Text und Bildern «Cadavre Exquis» genannt. Spiritus rector dieser Bewegung war André Breton (1896-1966), der als wichtigster Theoretiker des Surrealismus gilt.

Die beiden Kunstschaffenden Gabi Fuhrimann aus Ennetbaden und Christian Herter aus Luzern pflegen seit einem gemeinsamen Studienaufenthalt in Graubünden im Jahr 1988 einen solchen Austausch. Statt Wörter sind es in verschiedenen Techniken gemalte Motive auf einer halben A4-Seite, die sie verdecken und dem anderen jeweils per Post senden. Der Empfänger des Blatts ergänzt anschliessend die noch leere Seite rein nach Gefühl mit seinem eigenen Motiv.

Zeichnungen zum Weiterspinnen

Erst beim Auffalten des Blattes entpuppt sich das Gesamtwerk. Entstanden ist auf diese Art ein malerischer Dialog mit Hunderten von überraschenden, zweiteiligen Bildkompositionen. Einige davon sind in der neuen Ausstellung «Furyherz» bis zum 23. Juni in der Galerie Gluri-Suter-Huus in Wettingen zu sehen. Der witzige Ausstellungstitel, der an eine Pferdeserie für Teenies aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren erinnert, stammt aus dem Zusammenfügen der Nachnamen Fuhrimann und Herter. Manchmal wirken die Motive so, wie wenn sich die beiden Künstler miteinander abgesprochen hätten. Als Betrachter denkt man an Gedankenübertragung. Aus einer Hand wird auf der anderen Bildhälfte eine zweite, spiegelverkehrte Hand. Eine Geisha erhält in der weiterführenden Zeichnung einen Kimono und wirkt wie aus einem Guss.

Dann gibt es aber auch völlig willkürliche Kombinationen. Auf einer Hälfte ist eine Tasse zu sehen, auf der anderen der Mond. Oder zwei Menschen, die sich küssen und ein Hirsch, der plötzlich auftaucht. Daraus entstehen neue Zusammenhänge und Geschichten, die der Betrachter weiterspinnen kann. In der zweiten Etage des Gluri-Suter-Huus haben sowohl Fuhrimann als auch Herter je einen Raum, den sie mit ihren eigenen Werken bespielen.

Kniescheiben aus Bronze

Hauptprotagonistinnen in den Bildern der Aargauer Malerin sind Frauen. Entweder schauen sie den Betrachter an, oder wenden sich von ihm ab. Es scheint, als ob sie auf der Suche nach etwas sind. Auffällig ist, dass ihre farbenfrohen Kleider bisweilen mit dem Bildhintergrund verschmelzen. «Es gibt Phasen, in denen man sich wie gefangen fühlt in seinem eigenen Muster. Dann wieder gelingt es einem, sich völlig davon loszulösen», sagt Fuhri-mann dazu.

Herter möchte sich eher als Bildhauer bezeichnen, denn als Maler. In seinem Raum stechen als erstes zwei auf dem Holzboden liegende Objekte ins Auge. Es sind in Bronze gegossene Kniescheiben in siebenfacher Vergrösserung. An der Wand sind reliefartige Collagen zu entdecken, die aus übereinandergeschichteten, geschnittenen, farbigen Papierstücken bestehen. Der Künstler krümmt, biegt und besprayt sie. Daraus entsteht eine subtile Formenwelt, die keiner Worte bedarf.

Herter bezeichnet sich selber als Legastheniker. «In der Kunst habe ich meine eigene Form der Kommunikation gefunden», sagt er. Auch Exponate aus seiner 36-teiligen Serie «Analphabet» sind im Gluri-Suter-Huus zu sehen. Viele Gäste waren überrascht, an der Vernissage von «Furyherz» zu erfahren, dass diese Ausstellung die letzte unter der Federführung von Rudolf Velhagen sein wird.

Nach sechs Jahren als Leiter im Gluri-Suter-Huus wird er im Frühsommer Chefkurator Sammlung und Ausstellungen des Museum Aargau, das unter anderem die Schlösser Lenzburg, Hallwyl, Habsburg und Wildegg sowie das Kloster Königsfelden umfasst. Kunsthistoriker Velhagen, der bisher Leiter der Historischen Sammlung des Museums Aargau war, wird in seiner neuen Funktion auch für den gesamten Ausstellungsbereich dieser Häuser verantwortlich sein. Letztes Jahr setzte er den altehrwürdigen Räumen auf Schloss Hallwyl mit dem schmelzenden «Karamellzimmer» der Künstlerin Ursula Palla erstmals eine zeitgenössische Position entgegen. Und machte damit Furore.

Ehre, wem Ehre gebührt

Verabschiedet wurde Velhagen vom Wettinger Gemeinderat Philippe Rey mit Blumen und den Worten: «Cui honorem, honorem» (Ehre, wem Ehre gebührt). «Ruedi Velhagen hat jahrelang einen Superjob gemacht im Gluri-Suter-Huus. Leider haben das auch andere gemerkt», meinte der Politiker. Velhagen lobte die Zusammenarbeit als Kulturschaffender mit der Gemeinde in den höchsten Tönen und meinte: «Ich bin und bleibe ein Gluri-Suter-Huus-Fan.»

Die freigewordene Stelle ist bereits ausgeschrieben und wird ad interim vom Wettinger Kultursekretär Stefan Meier übernommen. Wegen seiner neuen Funktion wird Velhagen auch das Eduard-Spörri-Museum verlassen, in dem er zehn Jahre als Kurator tätig war. An der Vernissage zur Ausstellung «Im Fluss – neuer Blick auf die Sammlung» wird er am 12. Juni (ab 19 Uhr) offiziell vom Stiftungsrat verabschiedet – und sein Nachfolger vorgestellt.

Furyherz – Werke von Gabi Fuhrimann und Christian Herter, bis 23. Juni in der Galerie im Gluri-Suter-Huus in Wettingen.

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