Es ist früher Nachmittag, sengend heiss, und die Sonnenbergstrasse in Ennetbaden gähnt leer vor sich hin. Jacques Rolling stand schon um 5 Uhr in seiner Backstube und bereitete Schokoladencroissants und anderes Süssgebäck zu. Seit 19 Jahren führt der gebürtige Elsässer mit seiner serbischen Frau Liljana die Bäckerei-Konditorei und das Café Prestige. «Ich stehe jeden Morgen um 3 Uhr auf», sagt der Hüne von einem Mann gelassen und lacht: «Wenn ich am Freitag und Samstag mit der Arbeit anfange, sehe ich ab und zu Jugendliche, die grad von einer Party nach Hause kommen.»

Der Anfang war harzig

Jacques Rolling ist gelernter Koch und Konditor. Ab 1990 arbeitete er im Wallis als Küchenchef in verschiedenen Gastronomiebetrieben. Dort lernte er auch Liljana kennen, die als Kellnerin tätig war. Einmal einen selbstständigen Betrieb zu führen, war für beide die Erfüllung ihrer Träume. Als das Café Knaus in Ennetbaden seine Türen schloss, und die drei Etagen mit Backstube, Küche, Ladentheke, Café und Privatwohnung zur Miete ausgeschrieben standen, sahen die Zwei ihre grosse Chance und siedelten nach Ennetbaden um. «Am 19. Mai 1999 gingen die ersten eigenen Croissants über den Ladentisch», erinnert sich das Ehepaar. Leicht seien die Anfänge nicht gewesen. «Die Leute waren zuerst nicht begeistert von uns Neulingen. Wir machten französische Pâtisseries mit viel Mousse, sie waren sich an Mohrenköpfe und Nussgipfel gewöhnt.»

Mit der Zeit erfreute sich das Ehepaar jedoch einer zunehmenden Anzahl an Stammgästen und erweiterte sein Sortiment. «Wir fühlen uns mittlerweile hier daheim», sagen die Rollings überzeugt. Die Kinder Nicolai und Lana, heute 14 und 13, wurden beide in der Klinik Sonnenblick in Wettingen geboren.

Gegen alle Widerstände

Jacques und Liljana Rolling sind mit ihrem Café Prestige so etwas wie die «letzten Mohikaner» an der Sonnenbergstrasse. «Als wir hier ankamen, gab es in Ennetbaden noch eine Post, eine Metzgerei und einen Lebensmittelladen», erzählt der stämmige Gastronom. Nach und nach verschwanden sie alle. Viele Passanten stellten ihr Auto ab und kauften bei Jacques Rolling Brot, Gebäck und Pâtisseries ein. Das Café war vor allem sonntags immer gut besetzt. Mit der Eröffnung des Umfahrungstunnels 2006 wurde die Sonnenbergstrasse verkehrsfrei. Die Schiefe Brücke ging zu, die vorher ein praktischer Zufahrtsort von Baden nach Ennetbaden war. Laufkundschaft gab es deswegen kaum noch. Doch die Zwei gaben sich nicht geschlagen. «Wir mussten umdenken, verkleinerten das Brotsortiment und boten mehr Mittagsmenüs an.»

Heute läuft vor allem der Take-away-Bereich mit Suppen, Salaten und Sandwiches gut. Angestellte der umliegenden Firmen und Büros decken sich in ihrer Lunchpause beim Prestige ein. Das Café ist mittlerweile am Sonntag mangels Gästen geschlossen. Kann Rolling mit seiner Familie von den Einnahmen überhaupt noch leben? «Ja, wenn auch bescheiden», bekundet der 48-jährige Franzose, der fliessend Deutsch spricht. Warum ist er noch da, während alle anderen Läden eingingen? Rolling streicht sich über seinen schwarzgrau melierten Bart: «Ich weiss es nicht. Vielleicht sind wir besonders standhaft. Aber wir legen auch seit je regelmässig etwas auf die Seite.» Er habe auch Gewerbetreibende in Ennetbaden erlebt, die ihren ganzen Monatsumsatz im Spielcasino verzockt hätten.

Was ihm Gäste anvertrauen

Jacques Rolling zweifelt daran, dass das Botta-Thermalbad wieder mehr Leben in sein Café Prestige bringt. «In den Bädern selber wird für genügend Verpflegungsmöglichkeiten gesorgt. Ich weiss von Leuten, die jahrzehntelang einmal wöchentlich ins alte Thermalbad gingen und nicht ein einziges Mal in Ennetbaden waren.» Trotzdem bezeichnet er sich als Optimist: «Sonst hätten wir uns nicht selbstständig gemacht und wären immer noch hier», sagt er und lacht wieder. Für Hobbys bleibt keine Zeit. «Ich arbeite täglich 15 Stunden. Danach brauche ich meine Ruhe und liebe es, einfach mal nichts zu tun.» Er kutschiert Sohn Nicolai zum Handballtraining beim HC Ehrendingen und legt viel Wert auf den Familienzusammenhalt. So ruhig und pragmatisch wie er im Gespräch wirkt, sei er auch zu Hause. Handy habe er keines.

Jacques Rolling möchte gerne mit 60 in Pension gehen. «Dann kann ich mit meiner Frau wieder Velofahren, Spaziergänge machen und Tennis spielen. Wie früher.» Gäste, die eine breite Schulter zum Anlehnen brauchten, haben ihm über all die Jahre viel anvertraut. Trennungen, Hochzeitspläne, Krankheiten und Erbstreitereien. Er könnte ganze Bücher darüber schreiben. Aber der stets gelassen wirkende Mann schweigt. «Alles, was mir zu Ohren gekommen ist, bleibt mein Geheimnis», meint er. Dann ruft wieder die Arbeit. Rolling produziert Glacé nach eigenem Rezept. Die ist seit einiger Zeit wieder sehr gefragt.