Im Untergrund

Hier schäumt unser Duschgel weiter: ein Spaziergang durch Badens Abwasserkanäle

Hier schäumt unser Duschgel weiter: ein Spaziergang durch Badens Abwasserkanäle

Der Abwasserverband Baden Wettingen lud zur Besichtigung des Stollens beim Kraftwerk und der Sanierungsarbeiten im Kanal im Bäderquartier.

Risse, geplatzter Beton, Rost – die Badener Abwasserstollen müssen saniert werden. Das ist ein zeit- und kostenintensives Projekt. Um aufzuzeigen, weshalb diese Investitionen nötig sind, hat der Abwasserverband Baden Wettingen die Journalisten zu einem ungewöhnlichen Spaziergang geladen.

Vorsichtig waten wir durch das trübe, fast schwarz verschmutzte Wasser. Der Boden unter den Gummisohlen ist uneben. Steine, Kies. Wer weiss was. Manchmal ist das Wasser so hoch, das es in die Stiefel zu schwappen droht.

Wir sind unter der Erde, gekleidet in Ganzkörper-Schutzanzüge und ausgerüstet mit Lampen und Gaswarngeräten. Vor wenigen Metern sind wir beim Kraftwerk Roggenboden durch einen Dohlendeckel in einen zwei mal zwei Meter grossen Abwasserschacht geklettert.

2'850 Liter pro Sekunde

Hier fliesst das Abwasser der Region Baden und Wettingen Richtung Abwasserreinigungsanlage Laufäcker in Turgi. Bei trockenem Wetter sind es 250 Liter in der Sekunde, wenn es regnet 2'850 Liter pro Sekunde.

Der Stollen ist in zwei Kanäle aufgeteilt, der eine ist extra für unseren Besuch mehr oder weniger trocken gelegt worden, daneben fliesst das Abwasser in beträchtlichem Tempo. Es sprudelt und schäumt, aber es riecht weit weniger stark, als uns prophezeit wurde.

Aber bei unserem Spaziergang herrschen auch keine üblichen Bedingungen: Für die Begehung des Abwasserstollens ist nicht nur das Wasser umgeleitet worden, die Wände sind auch von Dreck befreit, der Kanal ist entlüftet worden. Normalerweise geht es hier weniger schön zu und her.

Risse und Rost

Aus den Augen, aus dem Sinn. Das passiere mit allem, was wir den Abfluss in der Dusche oder das WC hinunterspülen, sagt Roger Huber, Präsident des Abwasserverbands der Region Baden Wettingen, kurz ABW. Das, woran wir nicht mehr denken, ist in Baden ein 7,5 Kilometer langer unterirdischer Stollen von Neuenhof bis Turgi. Hier sammelt sich alles Abwasser der Region. Quer durch die Stadt hindurch wird es geleitet, über weite Strecken der Limmat entlang.

Nach der Gründung des regionalen Abwasserverbands 1963 hat der Bau des Badener Abwassersystems begonnen. Mittlerweile sind die Stollen rund 50 Jahre alt und zeigen entsprechende Alterserscheinungen: aufgeplatzter Beton, Risse, rostende Armierungseisen. Dass um jeden Preis vermieden werden muss, dass das schmutzige Abwasser aus dem Kanal in die Erde gelangt, versteht sich von selbst.

Eine Herkulesaufgabe

Das alternde Betonbauwerk muss saniert werden, das ist der Grund, weshalb Geschäftsführer und Präsident des Abwasserverbands am Dienstagvormittag die Journalisten eingeladen haben, sich ein Bild davon zu machen. Denn die Vertreter des Abwasserwasserverbands hoffen so, die Einwohner der Region für etwas zu gewinnen, an das sie eben so gut wie nie denken: Für alles, was sie in den Ausguss und das WC hinunter spülen. 

Denn die Sanierung der Kanalisation ist eine Herkulesaufgabe. Ihr zugrunde liegt eine Untersuchung mit dem Titel «Zukunftsstudie 2040». Bis dahin sollen nicht nur die Stollen saniert sein, die Kanalisation soll auch ausgebaut werden.

Gemäss der Studie des Abwasserverbands stösst das Badener Abwassersystem spätestens 2025 an seine Kapazitätsgrenzen. Sämtliche Arbeitsplätze eingerechnet, können die Stollen und Pumpwerke aktuell das Abwasser von 80'000 Personen aufnehmen, in Zukunft soll es für 125'000 Personen reichen.

Das kostet. 1,9 Millionen Franken sind budgetiert für die Sanierung eines ersten, rund 500 Meter langen Teilstücks im Bäderquartier. Auf den weiteren Abschnitten muss laut Thomas Schluep, Geschäftsführer des Abwasserverbandes, erst der Zustand ermittelt werden, bevor man die Kosten errechnen kann.

Im Bäderquartier geht es los

Im Bäderquartier haben die Sanierungsarbeiten bereits begonnen. Hier, wo rundherum gebaut wird, ist der Einstieg in dieses gigantische Projekt – auch wortwörtlich – ein leichter. Hier, wo sowieso neue Leitungen verlegt werden müssen, und wo der Boden alle paar Meter aufgerissen ist. Und hier, wo nicht nur Ab- sondern auch Thermalwasser in die Kanalisation fliesst. Dieses greift den Beton besonders stark an.

Der Zugang zum Stollen versteckt sich in einem Baucontainer. Unten spitzen die Arbeiter Beton ab und verteilen frischen Mörtel auf die ausgewaschenen Wände. In nur von wenigen Lampen erhellter Dunkelheit und direkt neben dem vorbeifliessenden Abwasser. Es ist eine Arbeit am offenen Herzen. Denn abstellen kann man diese wichtige Lebensader nicht. Nie. 

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