«Jetzt stricken wir eine Mütze», sagt Urs Landis (29) und hantiert mit geübter Hand an seiner Strickmaschine. «Welche Farbe nehmen wir?» – «Blau.» – «Und was schreiben wir drauf?» – «Schwicky, in Gelb, wenn das geht.» Landis lacht und meint: «Es geht alles, wenn man nur will.» Am Bildschirm gibt Landis den gewünschten Schriftzug ein. Der Strick-Profi setzt blaue und gelbe Garnrollen mit Merino-Wolle auf die Maschine, spannt Fäden ein. Dann geht es los: Ratternd und schnell fahren die automatischen Fadenführer hin und her. Reihe um Reihe entsteht der Strickblätz inklusive Schriftzug. Nach dreizehn Minuten stoppt die Maschine.

Jetzt müssen die beiden aneinandergestrickten Mützen-Hälften zusammengenäht werden. Hierfür setzt sich Landis an die Kettelmaschine – mit dem Faden wird die Naht zugenäht oder eben gekettelt. «So! Fertig ist die Schwicky-Mütze!» Mit dem Bügeleisen dämpft Landis noch fachmännisch die Naht und überreicht stolz dem überraschten Reporter seine persönliche Strickmütze. «Das ist Fashion Made in Turgi!»

Was so einfach scheint, war für Urs Landis mit nächtelangem Tüfteln, viel Akribie, jahrelangem Durchhaltewillen und Fleiss verbunden. Und überhaupt, wie kommt ein junger Mann, der Schriften- und Reklamegestalter gelernt hat, zum Stricken? Und das in Zeiten, wo die Schweizer, ja Europas Textilindustrie, nahezu ausgestorben zu sein scheint? «Dass Stricken mal mein Beruf sein würde, hätte ich mir bis vor drei Jahren nicht im Traum vorstellen können», sagt Landis und lacht. «Ich habe früher höchstens meinem Grosi zugeschaut, wie sie Deckeli oder Socken lismete.»

Der Lebenslauf von Urs Landis hört sich bunt und vielseitig an wie ein aufwendiges Strickmuster. In der Armee wurde Landis zum Lastwagenfahrer ausgebildet. «Nach der RS fuhr ich Kies und Sand für die Firma Lehner in Turgi.» Später sammelte Landis als Güselwagen-Chauffeur den Kehricht am Rohrdorferberg und die Grünabfuhr der Stadt Baden ein. «Und nach einem Australienaufenthalt fuhr ich für SVP-Nationalrat Ueli Giezendanner im Tank-Sattelschlepper Aceton oder Methylethylketon zwischen Genf und Romanshorn ans Ziel.» Dann servierte der Turgemer als Barista im Badener «Spettacolo Café» Cappuccini und Espressi. «Das wurde mit der Zeit zu langweilig.» Landis heuerte beim Skater-Shop «Maverick’s» in Regensdorf an: «Ich verkaufte Skateboards und Snowboards, betreute den Onlineshop und half im Lager.» Hier kam Landis vermehrt mit Textilien in Berührung. «Ich wunderte mich, dass Marken-Shirts bei uns im Verkauf 50 Franken kosten, wo der Produktionspreis in Bangladesch nicht einmal ein Fünfzehntel davon beträgt.»

Urs Landis begann, sich für die Zusammenhänge der Textilbranche zu interessieren. Könnte man nicht auch hier in der Schweiz erfolgreich Kleider herstellen? «Ich rief bei der Schweizerischen Textilfachschule in Wattwil an und erkundigte mich nach den Möglichkeiten.» Der Schulleiter habe ihn gewarnt vor viel Chemie und Mathe. «Doch für mich gab es kein zurück: Ich wollte Textiltechniker werden!»

Bei seiner Abschlussarbeit kam er mit der schuleigenen Strickmaschine in Berührung. «Den Faden oben einspannen und unten kommt etwas Gestricktes heraus – das faszinierte mich total.» Bald war für Urs Landis klar: Statt der geplanten Weltreise sollte es eine eigene Strickmaschine sein. «Zuvor hatte ich eine schlaflose Nacht. Schliesslich investierte ich mein ganzes Vermögen in diese Maschine.» Die Herstellerfirma Stoll im deutschen Reutlingen verhalf dem Turgemer zu einer zahlbaren Gebrauchtmaschine. Neue Strickmaschinen kosten schnell einmal 80 000 Franken. Nächtelang pröbelte er. «Ich hatte niemanden, der mir alle Kniffe und Tricks zeigen konnte.» Irgendwann aber entstanden die ersten Schals und Pullis. «War ein Pulli zu klein geraten, habe ich ihn einfach meiner Freundin Noëmi geschenkt», sagt Landis und lacht.

Dort, wo einst seine Grosseltern eine Gärtnerei betrieben und im Treibhaus Geranien züchteten, strickt Landis heute Pullis, Mützen und Schals. Diese verkauft er unter seinem Label «herr urs» («Meine Freundin nennt mich scherzhaft so»). Die Mützen gibt es in Zürcher Lifestyle-Boutiquen oder direkt bei ihm zu kaufen. In seinem Showroom zeigt Landis seine Prototypen, Musterungen und Kleinserien. «Alles ist möglich – in Merino- oder auch mit Kaschmirwolle.» Und vielleicht bald auch mit Wolle von Walliser Landschafen aus Untersiggenthal.

«herr urs» hat noch viele Ideen. Vielleicht auch solche, mit denen er die Billigkonkurrenz aus Fernost aushebeln kann: «Mich nervt, dass eine Kappe aus China hier fünf Franken kostet. Würde ich nur den Stundenansatz eines Gipsers oder Malers ansetzen, würde ein Pulli im Handel schnell 1000 Franken kosten. Einheimische Arbeit wird nicht mehr wertgeschätzt.» Immer mehr Leute schätzen aber nachhaltige Schweizer Qualität. Darum gibt Landis, als einziger Massstricker der Schweiz, Garantie auf alle Produkte: «Geht ein Pulli kaputt, kann ich einen neuen Ärmel wieder annähen.»

Für Schweizer Labels wie «RS Hader» oder «Anna + Juan» strickt Landis gewünschte Kleidungsstücke und Schals im Auftrag. «Letzthin war eine dänische Designerin eine Woche Gast bei mir. Zusammen strickten wir 20 Wollkleider.» Gerade entstehen 1000 Wintermützen für eine Gebäudeunterhalts-Firma.

Landis ist stolz auf seine Strickwaren Made in Switzerland. Sein Label «herr urs» will er weiter bekannt machen – etwa an der Verkaufsausstellung «Tatsachen» für Handwerk und Design aus der Region am letzten November-Wochenende in der Stanzerei Baden. «Einen Business-Plan brauche ich nicht. Ich will einfach stricken. Vielleicht auch mal eine Hängematte oder einen Bikini.»