Wettingen

Helvetia heisst auch «Strubeli»

Kenner unter sich: Im Tägerhardsaal gibt es reichlich Gelegenheit, um zu stöbern und sich auszutauschen.

Kenner unter sich: Im Tägerhardsaal gibt es reichlich Gelegenheit, um zu stöbern und sich auszutauschen.

Zum 100. Geburtstag des Philatelistenvereins Baden-Wettingen gabs eine Philexpo.

Mit flinken Fingern blättert der ältere Herr durch die Mäppchen und beugt sich über die Schachtel. Ein Sekundenbruchteil genügt seinem geschulten Auge, um zu entscheiden, ob die Briefmarke auf dem Umschlag interessant ist. Ab und zu zieht er ein Mäppchen heraus, senkt den Kopf um über den Brillenrand zu sehen und studiert das Exemplar, bevor er es zurücklegt oder mit Kopfnicken dem Händler zu verstehen gibt, dass er fündig geworden ist.

Für ein Wochenende ist Wettingen das Mekka für Briefmarkensammler – oder Philatelisten, wie es in der Fachsprache heisst. Im Tägerhard konnten die Besucher der Philexpo aufwendige Briefmarkensammlungen bestaunen, und Händler boten ihre Ware feil. Zeitgleich fand die Versteigerung einer heiss begehrten «Basler Taube» statt.

Szene mit Zusammenhalt

Während sich die einen in die Angebote der Händler vertiefen, sind andere in Gespräche vertieft. Es werden Hände geschüttelt und Neuigkeiten ausgetauscht. Man kennt sich in der Szene. In einer Zeit, wo es an Nachwuchs fehlt und die Briefmarken immer seltener im Einsatz sind, halten die Philatelisten zusammen. «Jeder hat sein Spezialgebiet», erklärt Händler Roger Günther. Darum konkurrenziere man sich meist nicht direkt. Günther konzentriert sich auf Briefmarken aus dem 2. Weltkrieg. Anders Roland Herzog: Seine Spezialität ist nicht die Briefmarke, sondern ein Stempel: der OAT-Stempel (Onward Air Transmission). Diesen gab es in England am Flughafen, wenn die Post direkt weitergeflogen wurde. Weil jeweils nur der oberste Umschlag jedes Briefbündels gestempelt wurde, sind sie heute umso seltener und beliebter.

Hinter alten Briefmarken stecken oft spannende Geschichten: So wurden früher Umschläge um die ganze Welt geflogen und manchmal sogar vom Piloten unterschrieben, was sie zu wertvollen Sammlerstücken macht. Briefmarken erzählen aber auch die Geschichte ihres Herkunftslandes oder derjenigen, die eine Postkarte oder einen Liebesbrief verschickt haben. Es gibt auch Geschichten über die Briefmarken selbst. Zum Beispiel die sitzende Helvetia, deren Lorbeerkranz auf dem Kopf wie ein Wirrwarr aussah und ihr den Übernamen «Strubeli» eintrug. Heute ist das «Strubeli» sehr begehrt unter den Sammlern. Genauso die Basler Taube, welche die Basler Stadtpost im Juli 1845 herausgegeben hat. Eine «Dybli» wurde während der Philexpo auf Ricardo live versteigert. 7779 Franken betrug das höchste Gebot für den Rolls Royce unter den Briefmarken. Vor 170 Jahren kostete die Basler Taube übrigens gerade mal zweieinhalb Rappen.

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