Untersiggenthal

Hausfrau des Jahres und «Mrs. World»-Wahlen: Warum Myrtha Weber (65) heute nicht mehr teilnehmen würde

1986 wurde Myrtha Weber aus Untersiggenthal «Hausfrau des Jahres» – über 30 Jahre später erinnert sie sich gemeinsam mit ihrem Mann Toni an die Wahl

1986 wurde Myrtha Weber aus Untersiggenthal «Hausfrau des Jahres» – über 30 Jahre später erinnert sie sich gemeinsam mit ihrem Mann Toni an die Wahl.

Myrtha Weber aus Untersiggenthal wurde 1986 vom «Blick» zur Hausfrau des Jahres gekürt und flog dann nach Hawaii an die Endausscheidung der «Mrs. World»-Wahlen. So richtig behagte ihr die ganze Angelegenheit aber nicht.

Es war Myrtha Webers Mutter, Wirtin im «Bären» in Untersiggenthal, die ihr 1986 den «Blick» hinstreckte und sagte: «Du bist doch eine gute Hausfrau.» Das war ein schönes Kompliment, das ihr die Mutter gemacht habe, erinnert sich Myrtha Weber 33 Jahre später. Der «Blick» suchte damals die Hausfrau des Jahres.

Es sei «die grosse Chance für tüchtige, hübsche Schweizerinnen», heisst es in einem Artikel, der sich an «alle verheiratete Schweizerinnen» richtete, «die einen Haushalt führen, gerne kochen und ideenreich für die Familie sorgen».

Alles Dinge, die auf die damals 32-jährige Myrtha Weber zutrafen. Also setzte sie sich hin und verfasste – auch ein wenig ihrer Mutter zuliebe – ein Bewerbungsschreiben an die «Blick»-Redaktion.

Sie koche einfach und bürgerlich. Ihre Familie reklamiere beim Essen nie und zu Weihnachten backe sie immer 20 Sorten Guetzli, schrieb Myrtha Weber. Ihr Mann und sie hätten sehr liebe Kinder.

Die beiden Töchter, damals elf und acht Jahre alt, würden ihren Eltern helfen, «wo sie können und müssen». Myrtha Weber beendete den Brief mit den Worten, dass sie noch viel schreiben könnte. Aber die «Blick»-Redaktion soll ja nicht denken, sie sei auch noch ein «Schnöriweib».

In Cocktailkleid und Pumps über den Laufsteg

Es vergingen nur ein paar Tage, bis jemand vom «Blick» anrief und Myrtha Weber informierte, dass sie zu den zwölf Finalistinnen gehöre. Sie hatte sich gegen mehr als 400 andere Hausfrauen durchgesetzt. Die Redaktion erwartete sie am 5. September im Hotel Nova Park in Zürich. Mit einem Cocktailkleid, hellen Pumps und einem Badeanzug.

«Da dachte ich das erste Mal, dass das ja wirklich nichts mehr mit einer Hausfrau zu tun hat», erzählt sie bei Kaffee und einem Stück selbstgebackener Nusstorte. «Ich habe eher erwartet, dass sie mich fragen, wie man Fenster putzt.» Auch die Namen der sieben Bundesräte hatte Myrtha Weber auswendig gelernt. Sicher ist sicher. Danach gefragt, wurde sie aber nie.

Vor der grossen Show in Zürich wurde geprobt. «Das Ganze lief ab, wie eine Misswahl», erinnert sich Myrtha Weber. Die zwölf Hausfrauen präsentierten sich dem Publikum und der Jury zur Musik von «Modern Talking» auf dem Laufsteg. Im Cocktailkleid und im Badeanzug.

«Ich sah aus wie Tina Turner mit den toupierten Haaren. Mein Mann hat fast ein Schlägli bekommen, als er mich so sah. Es hat ihm gar nicht gefallen», sagt sie und lacht. Eine Journalistin des «Tages-Anzeiger» verglich die Show im Artikel mit einer Viehschau. Auch da würden nur die schönsten Exemplare in den Ring geführt.

Gegen die Nervosität habe ein Gläschen Champagner geholfen, sagt Myrtha Weber. «Am Schluss habe ich mich gedreht, wie wenn ich nie etwas anderes gemacht hätte.» Ihr Mann Anton und die beiden Töchter sassen im Publikum und standen dem Moderator Happy Hartmann auf der Bühne Red und Antwort. Anton Weber notierte für sich die Punkte der Kandidatinnen und rechnete. «Ich wusste bereits, dass Myrtha gewonnen hatte, bevor es verkündet wurde», sagt er.

Auch in Untersiggenthal sprach sich ihr Sieg schnell herum. Vor dem Volg stand eine Gratulationstafel und der «Blick» titelte «Schöne Myrtha aus Siggenthal wurde Hausfrau des Jahres!» Mit dem Sieg kamen auch die Neider. «Nicht alle gönnten mir den Titel», sagt Myrtha Weber. Sie versuchte, darüber zu stehen.

«Was kommt wohl noch auf mich zu?»

Die Zeitungsartikel, Fotos und andere Erinnerungen an die Wahl hat Myrtha Weber in einem Ordner aufbewahrt. Auf einem Bild sieht sie müde aus. «Das war am Sonntag nach der Wahl», sagt sie. Über das Foto hatte sie geschrieben: «Was kommt wohl noch auf mich zu?» Sie sollte es schon bald erfahren.

Am 12. September stieg sie ins Flugzeug. Nach Zwischenlandungen in Brüssel, New York und einer Übernachtung in Salt Lake City kam sie schliesslich in Honolulu an. Eigentlich dachte sie ja, ihr würden als Hausfrau des Jahres Ferien in Hawaii winken. Doch anstatt mit ihrer Familie reiste sie alleine nach Hawaii. An die Endausscheidung der «Mrs. World»-Wahl, einem Schönheitswettbewerb für verheiratete Frauen.

Mit im Gepäck eine Tracht, die sie von einer Kollegin im Dorf ausgeliehen hatte, und eine Kuhglocke als Geschenk für «Mr. Hilton», in dessen Hotel die Kandidatinnen wohnten. «Ein riesiges Hotel», sagt Myrtha Weber. Für sie als Landei sei das alles total neu gewesen.

«Ich habe vorher noch nie einen Lift gesehen, der in den 18. Stock fährt.» Auch die Verständigung war nicht einfach. «Ich hatte schon Englisch in der Schule, aber das habe ich doch nie gebraucht.» Das Zimmer teilte sie mit der Kandidatin aus Japan.

«From the Country of Chocolate and Cheese»

Relativ schnell wurde ihr klar, dass die nächsten Tage stressig werden würden. Jeden Tag übten die Kandidatinnen für die grosse Show. Die Choreografie musste sitzen. Sie habe mit der Tracht posieren und ein Verslein über ihr Land auf Englisch aufsagen müssen. «From the Country of Chocolate and Cheese», war ihres.

Myrtha Weber blättert durch die Broschüre mit den Fotos aller Kandidatinnen. Neben einige hat sie «nett» oder «sehr nett» geschrieben, bei einer Kandidatin steht «unsympathisch». Die Box über Myrtha Webers Name ist leer. «Photo not available», heisst es. Warum ihr Foto fehlt, weiss sie nicht genau. Sie vermutet, dass sie womöglich nicht als Siegerin der Schweizer Wahl vorgesehen war und es nicht mehr gereicht hatte, ein Foto nachzureichen.

Die anderen Kandidatinnen seien zum Teil sehr ehrgeizig gewesen. «Und ich habe immer nur gedacht, dass ich ja nicht gewinnen will», sagt sie. Sie sehnte sich nach ihrer Familie. In einem Brief schrieb sie, dass sie sehr traurig sei und am liebsten zu Hause wäre. «Das ist hier alles nichts für ein Landei.»

Auch ihr Mann vermisste sie. «Ich weiss nicht einmal, ob du überhaupt in Hawaii angekommen bist», schrieb Anton Weber. Er könne kaum schlafen, vor langer Zeit und vor Unsicherheit.

Ein Reisegutschein als Wiedergutmachung

Umso mehr freuten sich die drei Daheimgebliebenen, als sie ihre Myrtha am Flughafen endlich wieder in die Arme schliessen konnten. Sie habe «miserabel ausgesehen», erinnert sich Anton Weber. «Dieses Bild vergesse ich nie. Man hat gesehen, dass sie Stress hatte.»

Auch Myrtha Weber sagt, dass sie im Nachhinein wohl nicht mitgemacht hätte, wenn sie gewusst hätte, was damals auf sie zukommt. Sie sei aber auf jeden Fall um eine Erfahrung reicher geworden – und selbstsicherer. «Früher war ich eher eine scheue Frau, heute wehre ich mich, wenn mir etwas nicht passt.»

Auch die «Blick»-Redaktion hatte sich das «Hawaii-Abenteuer» offenbar etwas anders vorgestellt. Deshalb schickten sie Myrtha Weber als Wiedergutmachung einen Reisegutschein. Den könne sie gut gebrauchen, antwortete sie. Sie habe immer noch eine Erholung nötig von Hawaii. «Leider liegen jetzt aber noch keine Ferien drin; ist doch zu Hause viel Arbeit liegengeblieben.»

Myrtha Weber versucht, die positiven Dinge von Hawaii in Erinnerung zu behalten. Zum Beispiel jene an die Freundschaften, die sie in Honolulu geknüpft hat. Mit den Kandidatinnen aus Kanada und Singapur hat sie heute noch Kontakt.

Auch an die nette Schweizerin, die ihr, als die Show endlich vorbei war, doch noch etwas von Hawaii gezeigt hatte, denkt sie gerne zurück. Den Titel «Mrs. World» gewann übrigens die Kandidatin aus Neuseeland. Myrtha Weber hat es nicht unter die ersten zehn geschafft.

In der Region ist sie trotzdem bekannt. Auch heute noch erkennen sie viele als Hausfrau des Jahres. Das erfüllt Myrtha Weber mit Stolz. «Ich würde auch heute noch sagen, dass ich eine gute Hausfrau bin.» Was macht eine gute Hausfrau denn aus? «Sie sollte eine gute Gastgeberin sein, sodass sich die Menschen bei ihr zu Hause einfach wohlfühlen.»

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