Bezirksgericht Baden

Harte Bandagen: Freundinnen trafen sich als Feindinnen vor Gericht wieder

Zwei Katzenzüchterinnen trafen sich als erbitterte Feindinnen vor dem Bezirksgericht Baden.

Zwei Katzenzüchterinnen trafen sich als erbitterte Feindinnen vor dem Bezirksgericht Baden.

Ein Katzenzüchterin stand vor dem Bezirksgericht Baden. Ihr wurde einfache Körperverletzung und Beleidigung einer anderen Züchterin vorgeworfen.

Im März vergangenen Jahres präsentierten sich im Wettinger «Tägi» die Schönsten der schönen Main Coons, Heilige Birmas, Ragdolls und viele weitere seidenpfotige Vierbeiner. Während Garfield, Valentino und Anna Karenina auf Samt, Plüsch und Seide selig schliefen, wurde auf der Damentoilette eine Zweibeinerin gewürgt.

So jedenfalls ist es in der Anklageschrift zu lesen, über die am Bezirksgericht Baden verhandelt wurde. Beschuldigt der einfachen Körperverletzung und Beschimpfung war die 52-jährige ETH-Absolventin Andrea (alle Namen geändert). Wie sie züchtet auch die Klägerin, die etwa gleichaltrige Hausfrau Bettina, Norwegische Waldkatzen.

Die beiden Frauen leben nicht im Aargau und weit voneinander entfernt. Aus ihrer Leidenschaft für nordische Waldschönheiten hatte sich einst eine Freundschaft entwickelt, die inzwischen zu Feindschaft geworden ist.

Auf der besagten Toilette war es zu einem Streit gekommen, der damit endete, dass Bettina eine Strafanzeige einreichte: Andrea habe ihr am stillen Örtchen beide Hände um den Hals gelegt und zugedrückt. Auch habe Andrea zuvor bereits Bettinas Mann Markus als «blödes Arschloch» tituliert gehabt. Am Institut für Rechtsmedizin in Aarau wurden an Bettinas Hals rote Hautverfärbungen und blaue Flecken festgestellt.

Vor Einzelrichter Peter Rüegg erschienen die Beklagte und die Klägerin mit Anwalt. Im Rahmen einer Vorbemerkung forderte jener von Bettina in einem 30 Minuten dauernden mündlichen Antrag eine Verschiebung der Verhandlung, da die Staatsanwältin den falschen Straftatbestand angeklagt habe. Seine Mandantin leide an einer Niereninsuffizienz, weshalb solche Angriffe zufolge Stress und Aufregung lebensbedrohlich sein können.

Bettina sei nach ihrer Flucht aus der Toilette zusammengebrochen, habe später eine Trauma-Therapeutin aufsuchen müssen. Deshalb müsse Andrea der «versuchten Tötung», zumindest aber der «Gefährdung des Lebens» angeklagt werden. Diesen Antrag hatte der Anwalt bereits schriftlich gestellt. Richter Peter Rüegg hatte diesen abgelehnt, wie nun auch den mündlichen.

Über die Ursache für den Kleinkrieg zwischen den Katzenzüchterinnen war nur zu erfahren, dass es nicht um Neid und Missgunst bezüglich der Frage geht, wer die Schönsten im Waldkatzenland hervorbringt. Im Gegenteil: In der Verhandlungspause gestand Andrea lächelnd ein, dass Bettinas Büsi zu Recht stets höher prämiert werden als ihre. Während der Verhandlung gab Andrea zu, Markus ein «Arschloch, aber kein blödes» genannt zu haben. Bettina gewürgt hingegen habe sie nicht. «Ich hatte sie nur leicht gegen die Schulter gestossen.»

Bettinas Anwalt forderte nebst dem Schuldspruch Schadenersatz, eine Genugtuung von mindestens 3000 Franken und eine Prozessentschädigung, die auch seine Kosten in Höhe von rund 7000 Franken enthält. Die Schilderungen seiner Mandantin bei Polizei und Staatsanwaltschaft seien stimmig und glaubhaft, die im KSA festgestellten Verletzungen hätten ebenfalls damit übereingestimmt.

Dem widersprach Andreas Verteidiger energisch: Der von Bettina geschilderte Ablauf des Geschehens sei unglaubwürdig, auch habe sie widersprüchlich ausgesagt und viele Erinnerungslücken gehabt. Zudem habe der Polizist Bettina als «sehr theatralisch» empfunden und «erhebliche Zweifel» an deren Schilderungen gehabt. Er forderte einen Freispruch und wegen dem «Arschloch» auf den Verzicht einer Strafe.

Für das «Arschloch» kassierte Andrea eine bedingte Geldstrafe von 500 Franken; von der Körperverletzung wurde sie freigesprochen. Es sei, so Richter Rüegg in seiner Begründung, «keine der beiden Frauen glaubhafter als die andere gewesen, doch es bleiben zu viele Zweifel daran, dass Bettina gewürgt wurde.» Die Zivilforderungen wies er ab; die Untersuchungs- und Gerichtskosten sowie ihre Anwaltskosten gehen je hälftig zu Lasten von Andrea und des Staates. Bettinas Anwalt kündigte postwendend einen Weiterzug ans Obergericht an.

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