Baden
Harmonie, Melodie und Smalltalk – ein ungewöhnlicher Karfreitag

Die Konzertlesung in der reformierten Kirche am Karfreitag war kein gewöhnlicher Gottesdienst. Der Anlass sorgte aber auch für ein kollektives Innehalten. Ein Einblick in das ausgewogene Wechselspiel zwischen Wort und Musik.

Calvin Stettler
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Flötist Christoph Zimmerlin thront auf dem Balkon - nur die Musik zählt
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Harmonie, Melodie und Smalltalk – ein ungewöhnlicher Karfreitag
Dynamisch und doch konzentriert - Thomas Mathys bei der Lesung
Die Texte behandeln den Karfreitag in aller Ausführlichkeit
Der in der Region Baden augewachsene Leser überzeugt zusammen mit den beiden Musiker
Die ''Wort und Musik''-Reihe existiert seit 1978

Flötist Christoph Zimmerlin thront auf dem Balkon - nur die Musik zählt

Calvin Stettler

«Viele Menschen tun sich beim Smalltalk so schwer, weil sie wissen, dass er leichtfallen soll.» Zwar weilt Johann Peter Hebel seit über 180 Jahren nicht mehr unter uns. Die Worte, die der germanische Schriftsteller und Theologe zu dieser Zeit aber wählte, sollten bis heute eine gewisse gesellschaftliche Aktualität beinhalten. Denn der Smalltalk ist oftmals zäh und vor allem oberflächlich.

Auch am Karfreitag sind kurz vor 17 Uhr solch gemurmelte Gesprächsfetzen innerhalb der dezenten, aber äusserst eleganten reformierten Kirche zu entnehmen. Mächtig ertönende Glocken lassen die Wortwechsel verstummen. Es ist still, sehr still sogar. Ein durchaus beruhigender Moment, wenn man ihn mit der verblüffenden Feiertagshektik rund um den Badener Bahnhof gleichsetzt.

Raus aus der Oberflächlichkeit

Thomas Mathys schreitet zum Altar – und wir aus der Oberflächlichkeit. Nein, das heute ist kein Gottesdienst. Vielmehr wohnen wir einer Konzertlesung mit religiösem Hintergrund bei. «Wort und Musik», so wird die seit 1978 bestehende Veranstaltungsreihe betitelt. Der in der Region Baden aufgewachsene Thomas Mathys ist an diesem christlichen Feiertag für das Wort zuständig. Er liest Texte von Johannes vom Kreuz und vom eingangs erwähnten Johann Peter Hebel. Mathys ist aber nicht alleine: Organistin Verena Friedrich und Flötist Christoph Zimmerli verkörpern die musikalischen Antagonisten.

Kollektives Innehalten

Mal verarbeitet man die diversen Geschichten und Aussagen, mal lauscht man dem gekonnten Wechselspiel zwischen Orgel und Flöte. Unkonventionell ist die Gegebenheit, dass die beiden Musiker über den rund 150 Zuhörerinnen und Zuhörer auf einem Balkon thronen und somit nicht sichtbar sind. Allein die Klänge zählen – eine Seltenheit in unserer übervisualisierten Welt. «So spiele ich am liebsten», wird Christoph Zimmerli später sagen. Er schätzt die Akustik innerhalb des barocken Bauwerks. Generell ist es ein warmes Gefühl der Harmonie, das einem während der gesamten Konzertlesung begleitet. Nicht wenige schliessen die Augen. Ein kollektives Innehalten.

Der Inhalt der Texte beschränkt sich auf die historischen Ereignisse des Karfreitags. Man besinnt sich auf die wahren Gründe des Osterfestes. Diese Botschaft weiss Mathys gekonnt zu vermitteln. Der gelernte Schauspieler verleiht Textstellen in emotionaler Manier eine gewisse Dramatik. Ausgewogene Klänge runden die Veranstaltung demgegenüber ab. Kurzes Schweigen. Scheuer Applaus. Der Smalltalk beginnt, er scheint nicht mehr schwerzufallen. Gott sei Dank.

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