Ist Musik aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert auf historisch korrekte Instrumente angewiesen, um betörende Wirkung zu entfalten? Nein, wie das Rezital von Kit Armstrong in der Druckerei Baden beweist. Eines hält sein Programm nicht feil: Publikumsträchtiges Virtuosenfutter. Bachs formal und ausdruckmässig solitären «Goldberg-Variationen» setzt Armstrong Kompositionen von Byrd («Hughe Aston’s Ground»), Sweelinck (Variationen über «Mein junges Leben hat ein End») und die 30 Veränderungen über das Thema «Walsingham» des Engländers John Bull gegenüber: Lauter Preziosen, die in Armstrongs Interpretation so klingen, als ob sie schon damals für den modernen Flügel geschrieben worden seien.

Ihre vermeintliche Einfachheit täuscht vorerst über ihre Strukturiertheit und Logik hinweg, die – bei Bach – zuweilen fast unerbittlich anmutet. Diese Musik kommt der 24-Jährige entgegen. Denn dieser Pianist, der auch Mathematik studiert hat, ist ein Analytiker: Klanglich und artikulatorisch erkundet er die «Goldbergvariationen» mit einer Tiefe, die einen mitunter kaum atmen lässt. Armstrongs Tempi sind anfänglich gemässigt; die Aria erklingt unter seinen Händen völlig ruhig. Doch Armstrong weiss um die Wechselbäder von Bachs Partitur, weshalb er dem Gemässigten bald Lebendigkeit entgegensetzt. Diese versieht der Pianist mit kräftigen, aber auch hingetupften Akzenten, die wie aus der Laune des Augenblicks aufblitzen.

Man leistet ihm Gefolgschaft

Am Ende dann wieder die Aria: Erneut lässt Armstrong die ersten Töne ganz behutsam aus der Stille entstehen; so, als ob er jeden Ton erst erfinden und ihm nachlauschen müsste. Das ist schlicht und ergreifend schön: Kit Armstrong lässt so die Zuhörer unmittelbaren Anteil nehmen an dem, was er spielt. Also leisten sie ihm willig Gefolgschaft – selbst bei den strukturell komplexen Werken eines Byrd, Sweelinck und Bull. Schön, dass am Ende nicht sogleich geklatscht wird: die Stille ist klar als Reverenz vor einem grossen Pianisten zu verstehen.