Ehrendingen

Gérôme Ehrler: «Ich hatte ADS – das Abenteuer-Defizit-Syndrom»

Gérôme Ehrler verliess seine Heimat, um in Wien Schauspiel zu studieren. Nun kommt er mit seinem Soloprogramm «Grüezi Österreich» zurück und gastiert auf der Bühne Heimat. Feuer gefangen für die Bühne hatte er bei Aufführungen der Jubla Ehrendingen.

Es war einmal ein junger gut aussehender Ehrendinger, der eine KV-Lehre mit Berufsmaturität auf einer Bank machte. Der Anfang der Biografie von Gérôme Ehrler klingt unspektakulär. Doch dann wird es spannend: Gerade mal 21, hängt er seinen Job als Bankkaufmann an den Nagel und zieht nach Wien, um ein Schauspielstudium anzufangen. Feuer gefangen für die Bühne hatte der einstige Jungwachtleiter als Laiendarsteller bei Aufführungen der Jubla Ehrendingen. Aber wer macht schon sein Hobby zum Beruf?

Beim Telefoninterview im Vorfeld zu den drei ausverkauften Aufführungen seines Soloprogramms «Grüezi Österreich» auf der Bühne Heimat Ehrendingen wirkt Ehrler aufgestellt und optimistisch. «Ich habe aus einem Bauchentscheid heraus alles auf eine Karte gesetzt», erklärt er auf die Frage, warum er damals eine einträgliche Karriere mit Aufstiegsmöglichkeiten gegen eine unbestimmte und für viele völlig brotlose Laufbahn eintauschte. Die Eltern – sein Vater ist Unternehmens- und Personalberater – machten zwar nicht gerade Freudensprünge, standen aber hinter ihm. Auch, als er statt dem Stellenangebot von der Credit Suisse einen Job als Barkeeper im Kulturlokal Werkk in Baden annahm und an verschiedenen Schauspielschulen vorsprach. Anfänglich erfolglos.

Resignieren wollte Ehrler nicht

«Ich hatte bereits 24 Vorsprechen hinter mir, aber es reichte nie bis ganz nach vorne», erzählt Ehrler über die erste Phase voller Zweifel. Geschockt sei er gewesen. «Da sassen oft Aberhunderte von Bewerbern für weniger als eine Handvoll Studienplätze.» Doch resignieren wollte er nicht. Beim Besuch der Filmfestspiele 2016 in Locarno kam dann der Blitzentscheid, seine Heimat Ehrendingen zu verlassen und nach Wien zu ziehen. Ohne Wohnung, ohne Studienplatz und mit Geld, das gerade mal für zwei Monate reichte. Schnell fand der angehende Mime eine WG. Das Glück schien im hold, denn wenig später ergatterte er auch einen Studienplatz an der MUK (Musik und Kunst Privatuniversität) der Stadt Wien. Dort ist er jetzt im zweiten Jahr seiner vierjährigen Bachelorausbildung zum Schauspieler. 

Die Schweizer Premiere auf der Bühne Heimat in Ehrendingen von «Grüezi Österreich» ist für Ehrler eine grosse Sache. Alle drei Vorstellungen vom 14., 15. und 16. Februar sind ausverkauft. So wie die zwei Erstaufführungen in Wien davor. Damit ihn die Aargauer Zuschauer nochmals live erleben können, steht am 12. Mai eine Zusatzvorstellung im Kulturlokal Werkk in Baden auf dem Programm. Was erwartet das Publikum auf der Bühne? «Ein bunter Mix aus Kabarett, Poesie und Anekdoten aus meinem Leben. Ich führe seit vielen Jahren Buch über besondere Alltagsepisoden und skurrile Begegnungen.» Von seinen letzten Monaten als Bankkaufmann berichtet er auf der Bühne, dass er für seine Mitarbeiter manchmal wie ein Eichhörnchen auf Koks gewirkt habe.

Den ersten Preis eingeheimst

Und Ehrler weiss auch, warum: «Ich hatte ADS – das Abenteuer-Defizit-Syndrom.» Darüber kann er sich heute nicht mehr beklagen. Mit seinem ersten Kurzprogramm, dem Vorläufer zu «Grüezi Österreich», heimste er am 16. Fidelio-Wettbewerb in Wien den ersten Preis ein. 2017 konnte er sein österreichisches Debüt in «Der Vogelhändler» bei den Seefestspielen Mörbisch geben. Und sein Soloprogramm ist viel gefragt. «Speziell für die Theaterbesucherinnen und -besucher im Aargau habe ich eine Überraschung aus Wien im Gepäck», meint er und lacht verschmitzt.

Gérôme Ehrler ist glücklich. «Sobald ich den ersten Schritt aus meiner Komfortzone machte, passierte etwas Magisches», sagt er. Und ist absolut überzeugt: «Es lohnt sich, seinen Traum zu verfolgen.»

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