BT-Kolumne

Grenzgängig: Warum italienische Zöllner den ehrlichsten aller Schmuggler mit 84 Weinflaschen laufen liessen

(Symbolbild)

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Daniel Cortellini schreibt in seiner neusten Kolumne über ein kaum zu glaubendes Erlebnis mit italienischen Zöllnern, bei dem es um 84 Flaschen Schweizer Wein ging.

Umziehen ist meist schon nicht lustig, doch wenn man infolge Bergsturz statt 5 Minuten per Auto neu 1 ¾ Stunden für die 2 km Luftlinie braucht, dann wird’s schon fast absurd! Natürlich hat es auch schöne Seiten, beispielsweise führt unsere aktuelle Route von Verdasio zuerst nach Ascona, dann dem Lago Maggiore entlang nach Canobbio und zuletzt bergauf durchs wunderschöne Val Canobine, was ich vor vier Jahren noch per Velo absolvierte – Leser erinnern sich. Nur um dann nach bald zwei Stunden vom Zielort Borgnone her Verdasio wieder von der anderen Seite anzuschauen.

Noch viel schöner sind die zwei Grenzübergänge dazwischen, weil Italien und so... Aber dort nehmen sie ja nie jemanden raus, es fahren 60'000 Fahrzeuge dem Grenzwärter am Füdli vorbei, so auch der liebe Corti mit seiner Karre voller Umzugsware... Aber gopfried­stutz, genau heute hechtet mir der sonst dösende Grenzbeamte fast ins Auto – STOPP! Hei, bin ich erschrocken!

«Was führen Sie mit sich?» «Meine persönliche Habe, ich ziehe um von Verdasio nach Borgnone, aber dazwischen liegt ein Bergsturz.» «Bitte rechts ranfahren...» Backe Bruder, denkt’s in mir, als er meint, ich wolle doch bitte meinen Kofferraum öffnen. Und weil so was ja heute elektrisch geht, schauen wir beide staunend, wie wenn sich ein Theatervorhang heben würde, plötzlich auf 84 Flaschen wunderbaren Wein, dummerweise diskret versteckt unter zwei originalverpackten Form-und-Wohnen-Stühlen...

«DAS ist doch Wein!», fragt er mich ungläubig. Sofort ernsthaft beipflichten, hab ich mal in einem Managerkurs gelernt, «Yesss, gut beobachtet, Herr Korporal, das ist Wein... Ist aber MEIN Wein, den darf ich über die Grenze nehmen, somit kein Problem...» «WAS heisst da kein Problem – das ist illegal!» «Nein, nein, beruhige ich ihn – ist ja mein Eigentum, damit darf ich überall spazieren fahren...»

Die Argumentation bringt ihn durcheinander. Es muss die Chefin ran! Und bald schon schauen mich zwei grosse schöne blaue Augen an mit grossen braunen Locken und einer grossen dunkelbraunen Knarre... Selbstsicher meint sie: «Wir müssen den Wein beschlagnahmen!» Was natürlich in mir Existenzängste auslöst, und ich kontere glaubwürdig: «Sorry, den Wein nehme ich mit – Sie dürfen von mir aus den ziemlich neuen Wagen haben!» Nun gibt’s ein kleines Puff am Zoll und die beiden beginnen sich lautstark zu beraten.

«Öhm – wenn ich Ihnen einen Tipp geben dürfte», bring ich mich nach einer Weile kon­struktiv ein, «ich würde mich laufen lassen, das ist für alle fast am einfachsten...» Doch jetzt schauen mich beide nur noch strafend an... Ich ziehe meinen letzten Trumpf: «Schauen Sie mal, alles Schweizer Wein – kein Italiener würde mir doch 50 Rappen für eine solche Flasche bezahlen.» Touché! Der Zöllner schaut die grossen blauen Augen seiner Chefin an und meint: «Da hat er recht, die kann er hier doch nicht verkaufen...»

Inzwischen sind 59'900 Schmuggler an uns vorbeigezogen und endlich lassen sie jetzt auch den Ehrlichsten von allen laufen. Doch abends, als ich dann beim Einräumen plötzlich noch ein paar fette Bordeaux in den Händen halte, denke ich: War schon bitz grenzgängig!

Puuh – hat auch vier Buchstaben, aber das war es nicht... Mané, wie der weltberühmte Tschütteler, so heisst jetzt mein Grossneffe, glücklich und gesund geboren am 24. Oktober in Baden! So viel zur Auflösung der letzten Kolumne! Ob der für mich mal Wein über die Grenze nimmt?!

Daniel Cortellini betreibt an der Rathausgasse in Baden ein Fachgeschäft für Schweizer Weine. Er ist in Baden aufgewachsen und war während fünf Jahre Präsident der Unteren Altstadt Baden.

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