Baden
Geschichte des Badener Stadtturms: Er lebte Wand an Wand mit Mördern

Seit über 40 Jahren wohnt Sepp Schmid direkt neben dem Stadtturm. Im Gewölbekeller seines Hauses ist die Mauer des Turm sichtbar. Im Interview erzählt er, wie es war, neben Mördern zu leben, und weshalb ihm der Turm ans Herz gewachsen ist.

Stefanie Garcia Lainez
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Sepp Schmid im Gewölbekeller seines Hauses, das an den Stadtturm grenzt.

Sepp Schmid im Gewölbekeller seines Hauses, das an den Stadtturm grenzt.

SEVERIN BIGLER

Herr Schmid, mehr als zehn Jahre lang lebten Sie Wand an Wand mit Schwerverbrechern. Wie erlebten Sie diese Zeit?

Sepp Schmid

Sepp Schmid

SEVERIN BIGLER

Sepp Schmid: Wir hatten unser Schlafzimmer auf der Turmseite. Deshalb hörten wir, wie der damalige Polizist Müller mit seinem Schäferhund und dem Essen um fünf Uhr früh die Treppen hinaufstieg und den Riegel der Gefängniszelle wegschob. Manchmal hörten wir in der Nacht die Insassen auch schreien. Und einer der Burschen war so schmal, dass er durch das Fenster passte und sich an einem Wasserschlauch abseilte. Nur war der Schlauch zu kurz, er fiel und brach sich diverse Knochen.

Und wie war das für Ihre Kinder?

Wir sprachen nicht oft mit ihnen darüber. Deshalb kriegten sie es auch nicht so mit. Nur an Weihnachten oder Ostern fragten sie manchmal, wer denn da so schreit, wenn die Frauen und ihre Kinder am morgen Früh weinend unter dem Turm standen und hinaufriefen ‹Papa, wann kommst du wieder nach Hause?›. Ich antwortete meinen Kindern dann, dass sie den Vater vermissen würden, der nun im Turm sitzt, da er bei Rot über die Ampel gefahren war. Ich konnte ja schlecht sagen, dass da Mörder eingesperrt waren.

War das nicht unheimlich?

Nein, da muss man hart sein. Man darf nicht zu viel daran herumstudieren. Ausserdem ist der Turm das Wahrzeichen der Stadt und wunderschön. Ich habe mit dem Turm schon so viel erlebt, er ist mir richtig ans Herz gewachsen – fast wie ein Freund.

Der einheimische Werkmeister Rudolf Murer erbaute den Badener Staddturm während des Alten Zürichkrieges von 1441 bis 1448.
17 Bilder
Der Badener Stadtturm um 1900: Die Durchgänge für die Fussgänger links und rechts wurden erst in den 1940er-Jahren eingebaut. Historisches Museum, Q.09.3.1.12
Zwischen 1892 und 1925. Historisches Museum, Q.09.3.1.3
Blick aus dem Stadtturm: 1897 führte die Strasse vom Turm in Richtung Brugg direkt über die Gleise. Historisches Museum, Q.12.1.242
Heute ist die Aussicht etwas anders.
Der Stadtturm um 1900. Historisches Museum, Q.09.3.1.13
Die Südfassade ist reicher verziert, hat eine doppelt so grosse Uhr wie auf der anderen Seite und ist mit einer Sonnenuhr ausgestattet.
1846 wurden zwölf beheizbare Gefängniszellen auf vier Stockwerken eingebaut.
Nur die beiden Frauenzellen verfügten über Toiletten.
Auch wenn unterdessen die Farbe von den Wänden abblättert: Noch immer zeugen zahlreiche Malereien, Gedichte und Sprüche in den Zellen vom Leben der einquartierten Mörder, Kriminaltouristen und Kommunisten.
Während die einen nackte Frauen zeichneten, übten sich andere im Reimen: «Lieber Sonne statt Reagan. Lieber Fusspilz als Atompilz.»
Oder sie malten Cowboys.
Ein Italiener schrieb, er sei «innocente», also unschuldig.
Der wohl berühmteste Insasse war Walther Bringolf, Fast-Bundesrat, 35 Jahre lang Schaffhauser Stadtpräsident und von 1925 bis 1971 Nationalrat, zuerst für die Kommunisten, dann für die Sozialdemokraten.
Im Sommer 1933 sass Bringolf im Stadtturm eine neuntägige Haftstrasse ab. Im Stadtturm in Baden war bis 1984 ein Untersuchungsgefängnis untergebracht. Einblick in die Zellen.
Dies wegen einer verbotenen kommunistischen Demonstration, initiiert durch BBC-Lehrlinge.
Stadtführer Fredy Hauser und die Besucher der Stadtführungen werden auch in Zukunft zu den wenigen gehören, die regelmässig den Turm hinaufsteigen.

Der einheimische Werkmeister Rudolf Murer erbaute den Badener Staddturm während des Alten Zürichkrieges von 1441 bis 1448.

Sandra Ardizzone

Zum Beispiel?

An der Badenfahrt 1997 dekorierte ich mit Othmar Zehnder den Stadtturm mit einer Leuchterkette. Wir starteten um vier Uhr morgens, gegen fünf Uhr abends waren wir fertig. Wir fragten zwar nicht um Erlaubnis, aber die Festbesucher hatten Freude. Noch heute erinnern sich einige Badener daran. Zehn Jahre zuvor stellten wir ein Doppelbett in die Damenzelle, damit Festbesucher dort übernachten konnten. Oder während der Bündnerwoche der City-Vereinigung holte ich eine Seilschaft aus Pontresina nach Baden, die sich einmal stündlich aus dem Turm abseilten.

Sie waren es auch, der 2006 initiierte, dass der Badener Stadtturm auf einer Briefmarke erscheint.

Ja, das war ein schöner Moment. Ich war der OK-Präsident der nationalen Briefmarkenausstellung in Baden und suchte das Gespräch mit dem damaligen Post-Chef.

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