Am 1. April hat Geri Müller das Amt als Stadtammann angetreten. Die Bilanz der ersten Wochen seiner Amtszeit zieht er in seinem Büro im Badener Stadthaus. Den Gästen bietet er Wasser, Kaffee und Kirschen an. «Damit sie wissen, dass mit dem Stadtammann gut Kirschen essen ist.»

Geri Müller, wir sitzen im Stadtammann-Büro. Was haben Sie hier verändert, seit Sie eingezogen sind?

Geri Müller: Gar nichts.

Warum nicht?

Das Büro umzugestalten, war nicht meine erste Priorität. Dafür haben Zeit und Musse gefehlt. In den ersten Wochen wollte ich aus dem Büro raus, um die Abteilungen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung kennen zu lernen.

Hat Ihr Vorgänger Stephan Attiger den Schreibtisch aufgeräumt hinterlassen?

Ja, das hat er. Und auch die Übergabe der Ämter hat bestens geklappt, obwohl dies unter absolutem Hochdruck geschehen musste. Denn es blieb nur ein Monat Zeit zwischen meiner Wahl und dem Amtsantritt.

Als ehemaliger Vizeammann dürften Sie gewusst haben, was auf Sie als Stadtammann zukommt. Gab es dennoch Überraschungen?

Überrascht hat mich die Tiefe mancher Dossiers. Beim Thema Bäderquartier beispielsweise lief viel sehr vertraulich ab, etwa die Frage nach dem Investor. Selbst als Vizeammann habe ich den Namen nicht gekannt. Erst jetzt, da ich die Details kenne, wird mir bewusst, wie komplex das Dossier ist und wie viel Arbeit noch bleibt.

Was hat Sie in den vergangenen 100 Tagen positiv überrascht?

Die gute Qualität der Verwaltungsleiter. Stephan Attiger hat immer betont, wie gut die Leute hier in Baden sind, jetzt habe ich das selber erfahren dürfen. Die Zusammenarbeit hat vom ersten Moment an funktioniert. Ich habe Vertrauen gespürt, das war sehr berührend.

Vertrauen Ihnen auch die Stadträte, die im Wahlkampf noch Ihre Gegner waren?

Ich würde sagen, die Zusammenarbeit ist gut. Aber ich glaube, zu Beginn war im Stadtrat doch eine gewisse Angst vor mir da und die Frage: Was passiert jetzt unter Stadtammann Geri Müller? Wird jetzt Geld zum Fenster rausgeworfen? Gerade in dieser Frage hat der Stadtrat, der ja neu von einer linken Mehrheit dominiert wird, das Gegenteil bewiesen: Wir haben Massnahmen getroffen, um den Nettoaufwand zu senken. Ich habe den Kollegen im Rat beweisen, dass sie mir als Ammann vertrauen können.

Dafür gibt es Stimmen von linken Wählern in der Stadt, die von Ihnen enttäuscht sind. Es sei noch keine Handschrift von Geri Müller und dem linken Stadtrat erkennbar.

Ich vertrete als Stadtammann alle Bürgerinnen und Bürger, und die sind im Zentrum. Aber viele Projekte befinden sich seit langem in der Umsetzungsphase, etwa der Schulhausplatz. Ich kann jetzt nicht einfach den Schalter umlegen. Aber ich werde Akzente bei neuen Geschäften setzen können.

Warum haben Sie Vorstösse der Linken nicht unterstützt?

Es gab einen Antrag, der nicht umsetzbar war. Ein Ja zur freien Fahrt für Velofahrer in der Tunnelgarage wäre ein Entscheid für die Galerie gewesen, hätte aber nicht realisiert werden können. Wir haben einfach vernünftig entschieden. Im Einwohnerrat gab es Diskussionen, den Steuerfuss bei 95 Prozent zu belassen und nie zu erhöhen. Dagegen habe ich mich gewehrt, der Antrag wurde dann auch zurückgezogen. Denn wir machen ein sauberes Budget.

Im vergangenen Wahlkampf im März ...

... den habe ich schon fast wieder vergessen (lacht) . . .

… wurde berichtet, ein Geheimdienst habe Sie mit einem Detektiv beschatten lassen. Wissen Sie mehr?

Dazu kann ich nichts sagen.

Wieso nicht?

Es geht um meinen persönlichen Schutz. Die Geschichte hat eine bedrohliche Komponente.

Die Detektivgeschichte ist für Sie also noch nicht abgeschlossen.

Nein, sie ist noch nicht abgeschlossen. Es ist heikel, wenn meine Biografie verdreht wird und dies in den Geheimdiensten gewisser Länder so vermerkt wird.

Sie sprechen wahrscheinlich Israel an. Während des Wahlkampfes wurden sie vom Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Baden scharf angegangen. Gab es eine Aussprache?

Ja, eine mit dem Präsidenten, in der ich anbot, mit der Gemeinde zu reden. Es kamen aber auch Menschen jüdischen Glaubens auf mich zu, die sich für die Attacken entschuldigten.

Kommen wir zu einem Wahlversprechen: Sie haben angekündigt, als Stadtammann Gemeindezusammenschlüsse zu forcieren. Haben Sie schon entsprechende Gespräche geführt?

Als Erstes muss Baden fusionsbereit werden. Wir müssen unseren Einwohnern bewusst machen, dass die klassische Zusammenarbeit, nämlich Dienste für andere Gemeinden anzubieten, zu einem Ungleichgewicht von Bürgern führt. Delegierte Kompetenzen können nicht mehr mitbestimmt werden. Baden wird daher skeptisch angesehen.

Das tönt kompliziert.

Immer mehr Menschen wollen bei uns wohnen und bei uns ihr Geschäft haben, wir stossen an Grenzen. Die Grenzen müssen also mit Zusammenschlüssen verschoben werden. Im Gegenzug müssen die Orte, in denen die Menschen hauptsächlich leben, nämlich die Quartiere, in wichtige Fragen mehr einbezogen werden.

Nochmals: Gab es schon konkrete Gespräche?

Ich war in den ersten zwei Wochen meiner Amtszeit mit praktisch allen Gemeindeammännern der Region in Kontakt. Ein Problem ist, dass manche von ihnen ihr Amt ab Herbst zur Verfügung stellen. Darum wollen wir gemäss Legislaturplan erst 2014, wenn die neuen Ammänner im Amt sind, die wichtigen Pflöcke für Fusionen einschlagen.

Zu reden gab im Frühling, dass die Stadt von der hohen Kindergärtler-Zahl überrascht worden ist. Sie haben sieben Jahre das Ressort Schule geführt und müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, diese Entwicklung verschlafen zu haben.

Wir hätten schon länger die Rechtfertigung gehabt, beispielsweise den Kindergarten auf der Allmend auszubauen. Wir haben sogar an die Wiedereröffnung der ersten zwei Primarklassen gedacht. Ein kombiniertes Projekt hätte also Sinn gemacht. Aber als wir nicht wussten, wie es mit dem Projekt sechs Jahre Primarschule und drei Jahre Oberstufe weitergeht, machte ein Ausbau keinen Sinn. Wir wussten und sagten immer, dass wir mit Provisorien arbeiten müssen.

Sie wehren sich also gegen den Vorwurf, die Entwicklung der steigenden Kinderzahlen verschlafen zu haben?

Noch 2005 gab es die Tendenz, dass Familien mit Kindern die Stadt verlassen. Dann haben wir in Baden Tagesstrukturen lanciert, und damit kehrte der Trend: Es gab eine nicht zu erwartende Zunahme von Familien mit Kindern, die in die Innenstadt zogen. Mit so einer grossen Zunahme konnten wir nicht rechnen.

Werfen wir einen Blick voraus: Im August starten Vorbereitungsarbeiten für den Bau des Schulhausplatzes ...

... richtig los gehen die Bauarbeiten dann nächstes Jahr. Fakt ist, es wird für den Verkehr eine Beeinträchtigung von rund 30 Prozent geben, das ist viel. Die Leute müssen intelligentes Mobilitätsverhalten an den Tag legen und sich überlegen, ob sie für jede Fahrt in die Stadt das Auto brauchen. Es ist wichtig, dass Handwerker und Serviceleute in nützlicher Zeit in die Stadt fahren können. Der Bus wird eine zentrale Rolle spielen, bei gewissen Linien werden wir den 6-Minuten-Takt einführen.

Eine Alternative sind Fahrten ins Zentrum mit dem Velo. Es gibt dort aber nicht genug Veloparkplätze.

Da gebe ich Ihnen recht, davon gibt es zu wenige. Es gibt einen Vorstoss, auf dem Territorium des geplanten Südhauses ein Provisorium für Veloparkplätze zu errichten. Wir müssen uns auch überlegen, Parkplätze an Bushaltestellen zu schaffen.

Im Herbst finden Gesamterneuerungswahlen statt. Rechnen Sie noch mit einem Gegenkandidaten?

Ich bin nicht nervös. Ich will auf diese Frage weder mit Ja noch mit Nein antworten, aber ich gehe davon aus, dass ich nach den Wahlen weiterhin Stadtammann bin.

Sie verdienen als Stadtammann zusammen mit dem Nationalratsamt rund 300 000 Franken im Jahr. Was machen Sie mit dem Geld?

Meine Berechnungen ergeben nicht diese Zahl, ich rechne maximal mit 280 000 Franken. Ich habe mehrere Patenschaften. Einen Finanzplan habe ich noch nicht gemacht. Ich werde vor allem auch ein ganz anderer Steuerzahler.

Haben Sie weniger Freizeit, seit Sie Stadtammann sind?

Die Situation hat sich entschärft, weil ich nur noch zwei Arbeitsplätze habe, Baden und Bern. Meine Work-Life-Balance war nie besonders gut, aber sie ist leicht besser geworden. Gefreut hat mich, als mein Sohn sagte: «Dieses Stadtammannamt ist ja gar nicht schlimm, ich sehe Dich mehr als vorher.»