Nein, es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Die erste Begegnung zwischen dem US-Konzern General Electric (GE) und dem Aargau verlief höchst unerfreulich: Kaum hatten die Amerikaner von der französischen Alstom das Energiegeschäft übernommen, kündigten sie den Abbau von 1300 Stellen an.

Politiker protestierten, Gewerkschafter und Mitarbeiter demonstrierten. Die Unsicherheit war gross. Was kommt als Nächstes? General Electric, der nunmehr grösste industrielle Arbeitgeber im Kanton, liess die Öffentlichkeit im Dunkeln: Verbindliche Aussagen darüber, was man mit den Standorten im Aargau vorhat, gab es keine.

Gestern begründete GE-Topmanager Paul McElhinney in der «Schweiz am Sonntag» das lange Schweigen damit, dass das Unternehmen zuerst mit den Behörden verhandeln und die Pläne für seine Zukunft in der Schweiz entwickeln musste. Am 2. November wird es genau ein Jahr her sein, seit GE das Energiegeschäft von Alstom übernommen hat. Für McElhinney der richtige Zeitpunkt, um die Katze nun aus dem Sack zu lassen. Der CEO des globalen Power-Services-Geschäfts und Chef über 26 000 Angestellte hat nur gute Nachrichten zu verkünden:

– Dritter Hauptsitz: Bereits bekannt war, dass GE zwei Hauptsitze nach Baden verlegt hat: Denjenigen von Power Services und denjenigen des Steam-Power-Systems-Geschäfts (Dampfturbinen für Kohle- und Atomkraftwerke). Neu ist, dass auch die Leitung der Gas-Power-Systems in Baden angesiedelt ist. Diese Verlegung hat zwar nicht die Bedeutung der beiden anderen. Aber McElhinney betont: «Der Chef von Gas-Power-Systems ist permanent nach Baden gezogen. Damit werden auch viele Entscheide hier gefällt.»

– Weniger Job-Abbau: Im Januar gab GE die Streichung von 1300 Stellen im Aargau bekannt. Später wurde die Zahl auf 900 korrigiert. Effektiv werden es nochmals weniger sein. Eine exakte Zahl nennt GE nun nicht mehr.

- Neue Stellen: GE sucht zurzeit 170 Mitarbeiter. McElhinney beziffert den aktuellen Personalbestand im Aargau auf 5500 und kündigt an: «Wir brauchen mehr, um wachsen zu können.»

– Grossinvestitionen: Als Beleg dafür, dass GE langfristig auf die Standorte Baden, Birr, Turgi und Oberentfelden setzt, nennt McElhinney Investitionen von 200 Millionen Franken allein in diesem Jahr. Es gehe um Forschungs- und Entwicklungsprojekte, sagt er. Der Kampf gegen die Erderwärmung berge für GE grosse Wachstumschancen: «Von Baden aus wollen wir Zukunftstechnologien für diese Märkte entwickeln.»

500 demonstrieren gegen Alstom-Abbau

23. Januar 2016: 500 demonstrieren gegen Alstom-Abbau

Rund 500 statt der erwarteten 1500 Personen haben am Samstag in Baden gegen den geplanten Abbau von 1300 Schweizer Stellen bei General Electric / Alstom demonstriert. Die Leitung von GE wurde von mehreren Rednern stark kritisiert.

GE als «Stadt in der Stadt»

Alles nur Schalmeienklänge, um im Aargau nach der kommunikativ missratenen Abbauübung wieder Goodwill zu schaffen? Indirekt räumt der CEO im Gespräch ein, dass der Start von GE unglücklich war. Er wolle aber nicht zurück-, sondern vorwärtsschauen. Letztlich wird man GE an den Taten messen müssen – und diese werden auch von der Konjunktur im Energiegeschäft abhängig sein.

Immerhin: Das Bekenntnis von GE zum Standort Baden ist überaus deutlich und auch emotional: «Die Geschichte reicht über 125 Jahre zurück. Wir sind stolz auf das Erbe von BBC, ABB und Alstom und haben die Chance, die Geschichte weiterzuschreiben.»

In Baden ist GE heute eine «Stadt in der Stadt», nur wenige Einwohner bekommen mit, was auf dem Areal geschieht. Mitarbeiter aus 90 Ländern gehen dort ein und aus. Am letzten Mittwoch glich das Hauptgebäude einem Bienenhaus: Die Kantine wurde in einen Konferenzraum verwandelt – von hier aus wurde ein Webcast (Liveübertragung via Intranet) für GE-Mitarbeiter rund um den Globus gesendet, mit Neuigkeiten aus der Power-Sparte.

Der neue Public-Affairs-Manager Urs J. Näf wird versuchen, den Draht zur Gesellschaft zu verbessern. Die städtischen Behörden erwähnte CEO McElhinney nicht; für Regierungsrat Urs Hofmann (SP) und Bundespräsident Johann Schneider-Ammann fand er lobende Worte. Sie seien «pro business» und gute Partner.