Regisseurin

Für Oscar nominiert: «Ich muss zuerst begreifen, dass es wirklich wahr ist»

So entspannt wie auf diesem Foto ist Talkhon Hamzavi in den letzten Tagen vermutlich nicht gewesen. Sie musste nochmals kräftig für ihren Film werben.Keystone

So entspannt wie auf diesem Foto ist Talkhon Hamzavi in den letzten Tagen vermutlich nicht gewesen. Sie musste nochmals kräftig für ihren Film werben.Keystone

Talkhon Hamzavis Kurzfilm «Parvaneh» ist für den Oscar nominiert. Im Interview sagt die Nussbaumerin, was sie in Hollywood kurz vor der Oscar-Nacht erlebt.

Los Angeles 9 Uhr morgens, 15 Grad, sonnig. Regisseurin Talkhon Hamzavi sitzt vor ihrem Computer. Gleichzeitig in Baden, 18 Uhr abends, 0 Grad, es dunkelt ein. Die Online-Telefonverbindung steht. Hamzavi hat nicht viel Zeit für das Gespräch. Um 10 Uhr Los-Angeles-Zeit wartet der nächste Termin. Die Nussbaumerin mit iranischen Wurzeln ist in diesen Tagen eine gefragte Frau in Hollywood.

Frau Hamzavi, Ihr Kurzfilm Parvaneh ist für einen Oscar nominiert, wie war der Moment, als Sie das erfahren haben?

Talkhon Hamzavi: Im ersten Moment war es wie eine Ohnmacht, weil mich die Nachricht so überwältigt hat. Ich habe die Nominierung bei meinen Eltern zu Hause in Nussbaumen am PC per Livestream verfolgt. Dann hörte ich, wie Parvaneh aufgezählt wurde. Ich musste zuerst begreifen, dass es wirklich wahr ist.

Und wie reagierten Ihre Eltern?

Sie freuten sich wahnsinnig, umarmten mich und hatten dabei Freudentränen in den Augen.

«Ich kann es immer noch nicht glauben»: Das sagen die Macher des Kurzfilms «Parvaneh» zur Nominierung.

«Ich kann es immer noch nicht glauben»: Das sagen die Macher des Kurzfilms «Parvaneh» zur Nominierung.

Trotz der Freude bedeutet eine Nominierung vor allem auch Stress. Was erleben Sie im Moment in Los Angeles, so kurz vor der Oscar-Nacht?

Die Tage sind sehr streng. Wir geben immer wieder Interviews. Die Academy hat viele Treffen und Veranstaltungen organisiert, bei denen wir dabei sein sollten. Und dann sind da die kleinen Dinge des Alltags: Ich muss immer schauen, dass ich Wasserflaschen im Kühlschrank habe, weil man hier das Leitungswasser nicht trinken kann.

Das Team der SRF-Sendung «Glanz und Gloria», das vor Ort ist, hat Sie in die Sendung eingeladen. Wie ist es, plötzlich selber ins Rampenlicht gerückt zu werden?

Ich bin nicht so gerne vor der Kamera. Es ist nicht unbedingt meine Stärke. Aber ich merke auch, dass es mir immer leichter fällt. Es gehört einfach auch dazu und ich lasse es geschehen.

Beim traditionellen Nominees Luncheon sassen Sie in einem Saal mit Clint Eastwood, Reese Witherspoon und Oprah Winfrey. Mit welchem Hollywoodstar würden Sie gerne mal einen Kaffee trinken gehen?

Das ist schwierig. Es gibt viele, die ich gerne sehen würde, aber ich gehe nicht auf Promi-Jagd. Meryl Streep ist eine Frau, die mich fasziniert. Mit ihr könnte Kaffeetrinken spannend werden.

Bisher betonten Sie, dass Sie nicht mit einer goldenen Statue rechnen. In Los Angeles durften alle Nominierten für ihre Produktionen nochmals die Werbetrommeln rühren. Wie schätzen Sie Ihre Chancen jetzt ein, nach den ganzen Treffen und Filmvorführungen in Los Angeles?

Ich kann es nicht sagen. Ich denke, letztlich ist es Geschmacksache. Die fünf nominierten Kurzfilme sind alle sehr verschieden. Ich habe aufgehört, Vorhersagen zu machen. Man hat kein Gefühl mehr dafür.

Trotzdem bereiten Sie eine Dankesrede vor. Was wird drin stehen?

Wir haben nur 45 Sekunden. Ich muss mich also beschränken. Ich werde auf jeden Fall der Crew danken und jenen, die das Filmprojekt unterstützt haben.

Sie könnten auch in den USA leben, an der Film-Quelle sozusagen. Ist das eine Option für Sie?

Ich kann mir zwar gut vorstellen, für Filmprojekte länger im Ausland zu leben. Aber die Schweiz ist mein Zuhause. In der Region Baden fühle ich mich wohl und hier ist meine Familie. Vorerst bleib ich also hier.

Und mit dem Fantoche haben Sie hier auch etwas Filmfestival-Feeling.

(Lacht) Ja, es ist immerhin ein international bekanntes Filmfestival. Ich habe vor einigen Jahren auch ein Volontariat beim Fantoche gemacht.

Arbeiten Sie bereits an einem nächsten Projekt?

Ja, ich schreibe an einem Drehbuch für einen Langzeit-Spielfilm – eine Tragikomödie. Ich wollte schon lange eine Komödie schreiben.

Haben Sie schon mögliche Schauspieler für die Figuren?

Bei den Schauspielern bin ich sehr offen. Die Figur muss zur Person passen und umgekehrt. Wenn ich ein Drehbuch schreibe, habe ich ein Bild im Kopf und dem versuche ich, treu zu bleiben.

Gibt es Regisseure, an denen Sie sich orientieren?

Markus Imhoof, der den Dokumentarfilm «More Than Honey» gemacht hat. Er geht seinen Weg und ist sehr authentisch als Person, aber auch in seinen Arbeiten. Auch die Filme von Roman Polanski beeindrucken mich. Sie tragen seine Handschrift und sind trotzdem alle sehr eigen. Auch die Filme von Lars von Trier und Stanley Kubrick sind sehr stark.

Der Trailer zum Kurzfilm Parvaneh

Der Trailer zum Kurzfilm Parvaneh

Was bringen Sie von Los Angeles mit nach Nussbaumen?

Sehr viele Eindrücke, viele Erfahrungen. Schon die Verleihung wird ein einzigartiges Erlebnis sein. Ich freue mich aber auch, wieder nach Hause zu kommen, meinen Partner zu sehen und ein bisschen mehr Freizeit zu haben.

In Los Angeles ist es kurz vor 10 Uhr und zwei Grad wärmer als zu Beginn des Gesprächs. Talkhon Hamzavi muss zum nächsten Termin. In Baden ist es inzwischen kälter und dunkel geworden – Letzteres auch auf dem Bildschirm.

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