Coronakrise

«Für die kleinen Lokale ist es brutal»: In Baden regt sich Widerstand gegen die Zwei-Meter-Regel

Nicole Brack klagt über die Folgen der Zwei-Meter-Regel. In ihrer "Walter"-Bar in der Weiten Gasse stapeln sich die unbenutzen Stühle.

Nicole Brack klagt über die Folgen der Zwei-Meter-Regel. In ihrer "Walter"-Bar in der Weiten Gasse stapeln sich die unbenutzen Stühle.

Lange galt die während der Coronakrise vorherrschende Zwei-Meter-Regel als unantastbar. Nun aber regt sich der Widerstand aus der Gastronomie. Unterstützung bekommen die Badener Lokalbetreiber von der CVP-Nationalrätin Marianne Binder.

Nachdem sie in ihrer «Walter»-Bar die Abmessungen für die Umsetzung der erforderten 2-Meter-Regel vorgenommen hatte, machte sich bei der Geschäftsinhaberin Nicole Brack zum ersten Mal Ernüchterung bereit. Der Unmut über die Regel, welche den Gastronomen den Lockdown-Exit ermöglicht hatte, steigt seit Wochen stetig an und mündet nun in offenem Widerstand. «Diese zwei Meter machen mehr aus als erwartet. Vor allem für die kleinen Lokale ist es brutal. Man verliert auf einmal extrem viele Sitzplätze», sagt Brack. So stapeln sich seit der Coronakrise um die 40 Stühle in ihrem Lager.

Dass gewisse Regeln wichtig sind, ist Brack bewusst. So habe sie selbst Eltern, welche zur Hochrisikogruppe gehören. Aus diesem Grund schlägt sie vor, den Abstand beizubehalten, ihn allerdings auf einen Meter zu verkürzen. Schliesslich spiele auch immer die Selbstverantwortung mit. «Wer das Haus verlässt und ein Lokal betritt, der setzt sich bewusst einem Risiko aus», sagt sie.

Wenig Verständnis zeigt sie auch für die Regel, welche den Lokalen vorschreibt, bereits um zwölf Uhr die Tore zu schliessen. «Jetzt sind Leute halt schon um neun Uhr betrunken. Weil sie um Mitternacht noch nicht nach Hause wollen, lungern sie draussen herum», so Brack.

Als Glücksfall bezeichnet sie es hingegen, dass die Stadt Baden den Lokalen erlaubt, im Aussenbereich auf grösserer Fläche als gewohnt eine Bestuhlung vorzunehmen. Trotzdem führt dies nicht zu den eigentlich benötigten Einnahmen. «Wir alle möchten von der Kurzarbeit wegkommen, aber die Auslegung der Regel erschwert uns das», sagt sie.

Nationalrätin Marianne Binder will sich gegen Regel wehren

Nicht von der Zwei-Meter-Regel überzeugt ist auch CVP-Nationalrätin Marianne Binder. In Gesprächen habe sie festgestellt, dass diese viele Bar- und Restaurantbetreiber am meisten beschäftigt. «Für die Wirtschaftlichkeit eines Betriebes ist der Abstand zwischen den Tischen zentral», sagt sie. «Es kann nicht sein, dass man ein Restaurant zwar öffnen darf, dann aber so viele Steine im Weg liegen, dass es kaum rentiert. Wenn in Österreich ein Meter Abstand, in Deutschland eineinhalb Meter gelten, warum dann in der Schweiz zwei Meter?», fragt sie.

Die CVP-Politikerin Marianne Binder ärgert sich über die Auslegung der Regel. Nun will sie gegen diese vorgehen.

Die CVP-Politikerin Marianne Binder ärgert sich über die Auslegung der Regel. Nun will sie gegen diese vorgehen.

  

Der ehemalige Leiter des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), Daniel Koch, habe schliesslich selbst eingeräumt, dass hier eine gewisse Willkür vorherrsche. Vorstellen kann sich Binder einen Abstand von einem Meter. «Auch gilt der gesunde Menschenverstand. Wenn die Menschen sich treffen, kommen sie sich mittlerweile instinktiv weniger nahe», sagt sie. Ihr Anliegen hat Binder in der Fragestunde am nächsten Montag im Nationalrat deponiert. Nun wartet sie auf die Reaktion des Bundesrates. Sollte an der 2-Meter-Regel festgehalten werde, will sie reagieren. «Ich meine, es besteht Handlungsbedarf und da braucht es mehr Druck.»

Ungleiche Rahmenbedingungen für die verschiedenen Branchen

Die Willkür und die fehlende Anpassung an die Abstandsregel im Ausland beschäftigt auch Romina Ettisberger, Geschäftsführerin des Restaurant Piazza in Baden. «Der geforderte Abstand macht uns das Leben schwer, zumal nicht alle Branchen gleich behandelt werden. Die Rahmenbedingungen sollten für alle dieselben sein», sagt sie. So verweist sie beispielsweise auf Kinos, in welchen ab 6. Juni nur jeder zweite Sitz frei bleiben muss, was ihrer Meinung nach nicht mit den Vorgaben für die Gastronomie vergleichbar  ist.

Da im Aussenbereich des Piazza genügend Platz vorhanden ist, spiele die Regel zumindest in diesem Bereich für sie keine Rolle. Im Innenbereich dürfen seit dem Lockdown-Exit allerdings nur die Hälfte der Plätze genutzt werden, was die Gastgeberin vor eine riesige Herausforderung stellt. Für sie würde schon eine Reduzierung des Abstandes viel ändern. «Es stellt sich schon die Sinnhaftigkeit der 2-Meter-Regel. Das höchste Gut ist unsere Gesundheit, jedoch scheinen die Regelungen willkürlich zu sein», sagt sie.

Nach Lockerungen der Coronamassnahmen: Ausgang in Baden (20.05.2020)

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