Obersiggenthal

Fünf Generationen Schneider: Das Gasthaus zum Hirschen wird 350 Jahre alt

Der «Hirschen» im Obersiggenthaler Ortsteil Kirchdorf erhielt vor 350 Jahren das Tavernenrecht und zählt zu den ältesten Landgasthäusern in der Region. Hier trugen einst Eidgenossen und das Kloster St. Blasien ihren Streit aus.

«Zukunft braucht Herkunft» heisst das Motto des Landgasthauses zum Hirschen im Jubeljahr. Anders gesagt: Wer in der Zukunft als Gasthaus bestehen will, muss sich seiner Tradition bewusst sein. Der «Hirschen» kann sich dabei auf eine traditionsreiche Geschichte berufen – vor 350 Jahren, genauer gesagt am 14. November 1669, erhielt das Gebäude das Tavernenrecht. Die Besitzerfamilie Schneider kann auf fünf Generationen Gastwirtschaft im kleinen Obersiggenthaler Ortsteil Kirchdorf zurückblicken.

Die heutige Generation der Schneiders, das sind die Geschwister Alexa (55) und Felix (54). Alexa ist die Geschäftsführerin des «Hirschen», als Wirtin verkörpert sie das Landgasthaus. «Ich bin hier aufgewachsen, beim Arbeiten fühle ich mich daheim. Das gibt mir Sicherheit», sagt sie. Während sie das Tagesgeschäft verwaltet, macht sich ihr Bruder Felix Gedanken über die Geschichte des Landgasthauses.

Fünf Jahre lang grub er sich durch das Aargauer Staatsarchiv. Als das Altdeutsch zu unleserlich wurde, konsultierte er den renommierten Historiker Max Baumann aus Stilli. Gemeinsam gingen sie dem alten Gemäuer und dem Familienstammbaum auf den Grund.

Zeitweise zwei Wirtsschilder

Die Geschichte geht so: Im 17. Jahrhundert gehören alle Gebäude auf dem Kirchdorfer Dorfplatz dem Kloster St. Blasien im Schwarzwald. Auf dem Gebiet werden immer wieder Streitereien zwischen dem Kloster und den Eidgenossen ausgefochten, denn auch der Badener Landvogt Kaspar Escher erhebt Anspruch auf das Gebiet. Damals kehren Durchreisende wahllos in Höfe ein, Hofbesitzer können sich nach Lust und Laune als Wirt betätigen.

Als dem Abt von St. Blasien aber Beschwerden von Durchreisenden zugetragen werden, dass man sie nicht gut behandelt habe, beauftragt er den Klingnauer Probst mit der Suche nach einem beständigen Wirt für eine Taverne in Kirchdorf.

Mit dem ersten Tavernenrecht kommt auch der erste «Schneider» ins Spiel: Friedli Schneider erhält 1669 die offizielle Erlaubnis zum Ausschank von Wein im «Hirschen» (das namensgebende Tier lässt sich auf das Wappen St. Blasiens zurückführen). Ob er ein Vorfahre des heutigen Schneider-Clans war, ist nicht überliefert. Friedli Schneider hat es nicht einfach, die «illegale» Bewirtschaftung geht weiter.

Der absurde Höhepunkt ist erreicht, als der Kleinkrieg zwischen St. Blasien und Eidgenossen in seiner Taverne ausgetragen wird: Escher, der Badener Landvogt, erteilt seinerseits ebenfalls ein Tavernenrecht für das Gebäude. Zeitweise hängen sogar zwei Wirtschaftsschilder: «Zum Hirschen» und «Zu den Drei Eidgenossen». Jenes zweite Tavernenrecht wird über die Jahre übrigens weitergereicht und besteht heute immer noch – es werde heute vom Riedener Bordell-Club Goldwand beansprucht, erzählt Felix Schneider.

Familienwohnung wird Hotel

Ob der verzwickten Ausgangslage wirft Friedli Schneider 1691 das Handtuch. Nach mehreren Wechseln – das Gebäude wurde mittlerweile privatisiert – erwirbt Joseph Bernhard Schneider 1887 den «Hirschen». Der wohlhabende Landwirt kauft das damals mässig erfolgreiche Gasthaus für seinen erstgeborenen Sohn Johann Friedrich, der zunächst mit dem Vater und später mit seiner Ehefrau die Bewirtschaftung übernimmt. Der «Hirschen» wird der Stammlinie entlang weitergereicht und entwickelt sich zum festen Bestandteil von Kirchdorf.

Aus dem Ortsbild ist er auch heute noch nicht wegzudenken, hier spielt sich seit je das Dorfleben ab. «Wir befinden uns an einem Dorfplatz von nationaler Bedeutung», betont Felix Schneider. Drei von vier Obersiggenthaler Kulturgütern finden sich hier: die Kirche, das Pfarrhaus und die Zehntenscheune, welche der «Hirschen» heute als Magazin sowie ab und an als «Stallbar» nutzt. Ende des 20. Jahrhunderts beginnt Alexas und Felix’ Bruder Paul Schneider über die Dorfgrenzen hinauszudenken: Das Gebäude jenseits des Dorfplatzes, in dem die Familie bis anhin wohnte, wird zum Hotel umfunktioniert, in einem weiteren Anbau entstehen noch mehr Zimmer und ein Seminarsaal.

Übernachten kann man nun nicht mehr nun in 2, sondern in 16 Hotelzimmern. Die vielen Räumlichkeiten sowie auch die Lage sind ein enormer Vorteil für den «Hirschen»: Der Dorfplatz fügt das Landgasthaus in ein ländliches Idyll, für Gäste ist das urbane Baden trotzdem nur ein Katzensprung entfernt. Im neuen Jahrtausend beginnt das Landgasthaus stetig zu wachsen. Seit es die Online-Reiseplattform Booking.com gibt, kommen Gäste aus aller Welt. Messgrösse ist nun nicht mehr nur das Siggenthal, sondern das gesamte Limmattal.

18-Jährige erbt das Gasthaus

Den vorläufigen Stopp der rasanten Entwicklung markiert im Jahr 2007 der unerwartete Tod von Paul Schneider. Als er bei einem Skiunfall ums Leben kommt, steht die Familie unter Schock. Seine damals 18-jährige Tochter erbt den gesamten Besitz. Ihre geschiedene Mutter führt den «Hirschen» weiter, die Familie Schneider ist nicht mehr im Betrieb involviert. «Gerade für unsere Eltern ist es eine brutale Zeit gewesen, da sie zuerst ihren ältesten Sohn und kurz darauf das Landgasthaus verloren hatten», erzählt Alexa Schneider.

Sie bildet sich in jener Zeit zur Geschäftsführerin weiter und leitet eine Bäckerei in Brugg – unter der Bedingung, dass sie sofort kündigen dürfe, wenn sich die Rückkehr in den «Hirschen» anbahnt. 2011 schliesslich kann die Familie das Gasthaus zurückkaufen. «Das war wie Weihnachten», sagt Alexa Schneider. Sie übernimmt die Geschäftsleitung. Der «Hirschen» findet schnell wieder zu alter Form zurück.

Die gesamte Geschichte des Gasthauses steht im Mittelpunkt der Jubiläumsfeier am 30. August. Die Badener Stadtführerin Silvia Hochstrasser wird dann Anekdoten aus 350 Jahren «Hirschen» vortragen. Winzer Peter Hirz und die Badener Traditionsbrauerei Müller warten mit eigens produziertem Jubiläumswein und Jubiläumsbier auf.

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