Der helle Ton einer Klangschale bricht das Rauschen der Limmat. Leise ist mittelalterliche Musik zu hören. Die literarische Zeitreise kann beginnen. Gut ein Dutzend kälteresistente Nachteulen haben sich an diesem Abend auf der Thermalbank versammelt, um bei Kälte und Wind den Geschichten aus längst vergangener Zeit zu lauschen.

Auch in diesem Jahr finden während den Vollmondnächten wieder szenische Lesungen im Bäderquartier statt, organisiert und durchgeführt von der Stadt Baden. Der Auftakt macht die Badener Schauspielerin Valérie Cuénod mit einer Erzählung von Poggio Bracciolini, einem einflussreichen italienischen Humanisten und Sekretär mehrerer Päpste. Dieser Text Bracciolinis gilt als der erste und berühmteste Reisebericht, der über Baden verfasst wurde und stammt aus einem Brief an seinen guten florentinischen Freund Niccolò Niccoli.

«Um den Mond hervorzulocken, versuche ich es mit Poesie», sagt Cuénod zu Beginn der Lesung. Ihr aufgemalter Schnurrbart verleiht der Szenerie eine amüsante Situationskomik. «Ich behaupte, dass es nirgends auf der Welt ein Bad gibt, dass für die Fruchtbarkeit der Frauen förderlicher wäre», zitiert Cuénod den italienischen Reisenden. Schnell wird den Zuhörern klar, dass es wohl weniger die Heilwirkung der warmen Quellen als die leicht bekleideten Damen waren, welche Bracciolini so sehr faszinierten. Es muss durchaus frivol zu- und hergegangen sein in den mittelalterlichen Badener Bäder. Auch die Freiheit und Ungebundenheit der Badegäste hinterliessen beim Italiener bleibenden Eindruck. Denn das Wort Eifersucht schienen die Frauen und Männer zu dieser Zeit nicht zu kennen: «Alles, glauben sie, geschehe in gutem und freundschaftlichem Geiste.» Es falle kein böses Wort, auch wenn die Herzensdame einem Fremden schöne Augen machte, stellt Bracciolini fest. Dabei trafen sich vornehme und gewöhnliche Menschen hier bei den Quellen, um das Leben zu geniessen.

Religiöse Skrupel verflogen

Auch Äbte, Mönche und Ordensbrüder liessen ihre Hüllen fallen: «Wenn sie mit den Frauen zusammen im Bad sind und auch ihr Haar mit Kränzen schmücken, sind alle ihre religiösen Skrupel verflogen», liest Cuénod sichtlich amüsiert mit theatralischer Gestik. Und wie die Zuhörer erfahren, wurde auch Bracciolini eingeladen, um mit den Badener zu planschen. Da er aber der lokalen Sprache nicht mächtig war, überwog die Angst, stumm und sprachlos im Bad zu sitzen, sodass er das frivole Treiben lieber vom Trockenen her beobachtete. Seine Aufzeichnungen lassen sich auch in den «Badener Neujahresblätter» vom Jahr 1980 nachlesen.