An der Badstrasse in Baden verteilen Freiwillige jeweils am letzten Donnerstag im Monat gratis auf Deutsch übersetzte Ausgaben des Korans.

Dabei handelt es sich um eine Version, die einer konservativen Strömung des Islams entspricht – dem sogenannten Salafismus, der eine idealisierte Form des Islams der Frühzeit predigen und einen Gottesstaat anstreben soll.

Herausgeber der Korane ist die deutsche Organisation «Lies!». In Medienberichten wird dieser eine Verbindung zum Islamischen Staat vorgeworfen.

So berichtete das Schweizer Fernsehen Anfang März von einem Thurgauer, der für das «Lies!»-Projekt in Schweizer Städten Korane verteilte, bevor er nach Syrien in den «Heiligen Krieg» zog.

Gemäss einer Erhebung des deutschen Bundeskriminalamts soll jeder fünfte der 378 deutschen Dschihad-Reisenden am «Lies!»-Projekt beteiligt gewesen sein.

In der Deutschschweiz verteilt die Stiftung seit 2012 Korane; damals nur in sechs Städten, darunter Aarau. Seit November letzten Jahres finden auch in Baden solche Verteil-Aktionen statt.

Erika Albert von der Badener Gewerbepolizei bestätigt, zwei Privatpersonen hätten um eine Bewilligung dafür nachgesucht, Herausgeber der verteilten Korane sei «die ‹Lies!›-Stiftung».

Die aktuelle Bewilligung endet im Mai. Da es sich um eine Verteilaktion ohne Stand handelt, darf sie zwölf Mal im Jahr stattfinden. Standaktionen von religiösen Organisationen wären gemäss Verordnung zur Nutzung des öffentlichen Grundes nur zwei Mal im Jahr erlaubt.

Der fürs Ressort Sicherheit verantwortliche Stadtrat Matthias Gotter (CVP) bekräftigt, die Stadtpolizei beurteile jedes Gesuch strikt nach Reglement. «Für alle Glaubensgemeinschaften gelten dieselben Regelungen», sagt er. «Die Stadtpolizei prüft, was die Organisationen vorhaben.»

25 Millionen Exemplare

Die «Lies!»-Aktivisten gehen nicht aktiv auf die Passanten zu. Jeder, der einen gratis Koran mitnehmen möchte, kann von sich aus auf den Verteilenden zugehen und ein Exemplar holen.

Dies ist bewusst so entschieden: Ziel der «Lies!»-Aktion ist gemäss der Website des Projekts denn auch, den Passanten keine Religion aufzudrängen, sondern «den nicht-muslimischen Mitbürgern den Islam näherzubringen».

«Das funktioniert unseres Erachtens am besten durch die wesentliche Grundlage unseres Glaubens, nämlich den Koran, als Geschenk.» 25 Millionen Exemplare stehen Medienberichten zufolge bereit, damit jeder Haushalt im deutschsprachigen Raum mit einem Exemplar des Korans bedient werden kann. Verteilt wurden gemäss der «Lies!»-Website bisher 1,6 Millionen Korane. Finanziert wird das Projekt nach eigenen Angaben «durch Spenden der Muslime Deutschlands».

Verbot kaum möglich

Mit ihrer passiven Vorgehensweise sind die «Lies!»-Aktivisten weitaus weniger aufdringlich als etwa christlich angehauchte Sekten, die von Tür zu Tür gehen.

Auch rechtlich gesehen ist an der Aktion nichts auszusetzen: Religionsfreiheit und Rechtsgleichheit sichern, dass man auf öffentlichem Grund Korane oder Bibeln verteilen kann. Ein Verbot scheint kaum durchsetzbar.

Gegenüber «20 Minuten» gab der St. Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann aber eine Möglichkeit dafür an: Man solle die Fälle sammeln, in denen über das «Lies!»-Projekt Personen für den Dschihad rekrutiert werden.

«So hätte man rechtlich eine Handhabe gegen sie», sagte er. Ob eine Verbindung zwischen «Lies!» und zum Beispiel dem Islamischen Staat (IS) besteht, ist aber gar nicht geklärt.

In einer Videonachricht verteidigt sich der deutsche Salafisten-Prediger Pierre Vogel denn auch: «Wer sagt denn, dass diese Leute wegen dem ‹Lies!›-Projekt in den Dschihad gegangen sind? Ich sässe doch längst im Gefängnis, wenn dem so wäre.»

«Koran als Einstiegsdroge»

Islamexperte Reinhard Schulze von der Universität Bern (siehe Interview unten) sieht keinen direkten Zusammenhang mit der Rekrutierung von potenziellen IS-Leuten.

«2011, als die Verteilaktionen in Deutschland starteten, gab es ja nur die Vorläuferorganisationen des IS», sagt er. «Wohl aber fällt auf, dass einige junge Männer, die im Umfeld der Verteilaktion standen, in ihren Dschihad gezogen sind.»

Im Februar ist ein 18-jähriger Winterthurer mit italienischen Wurzeln nach Syrien gereist, um sich dem IS anzuschliessen. Er sei erst nach den Sommerferien 2014 zum Islam konvertiert. Dahinter werden Salafisten vermutet.

Valentina Smajli, Co-Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, bezeichnete im Schweizer Fernsehen den Koran von «Lies!» als «eine Einstiegsdroge in den gewalttätigen Islam». Das Forum fordert deshalb ein Verbot der Koran-Verteilaktionen.

1953 in Berlin geboren, Professor am Institut für Islamwissenschaft an der Uni Bern. Als Wissenschafter war er in Syrien und im Irak.

Prof. Dr. Reinhard Schulze

1953 in Berlin geboren, Professor am Institut für Islamwissenschaft an der Uni Bern. Als Wissenschafter war er in Syrien und im Irak.