Baden

Freitodbegleiterin: «Viele haben eine Eile zu sterben»

«Die Leute sind dankbar für das bewusste Abschiednehmen», sagt A. Strebel. Emanuel Freudiger

«Die Leute sind dankbar für das bewusste Abschiednehmen», sagt A. Strebel. Emanuel Freudiger

Seit 2003 ist A. Strebel* Freitodbegleiterin – für sie selber wäre der Freitod auch eine Option. Wichtig für Strebel ist das Wissen, dass die Betroffenen sich zu 100 Prozent für den Freitod entschieden haben.

Warum wird man Freitodbegleiterin? Und wie sieht eine Freitodbegleiterin überhaupt aus? Viele Fragen gehen der Journalistin durch den Kopf. In nur wenigen Minuten trifft sie auf die Freitodbegleiterin A. Strebel.

Im Kopf der Journalistin bildet sich das Bild einer einsamen Frau, deren Gesichtszüge zeigen, dass sie schon viel erlebt hat.

«Warum ich Freitodbegleiterin bin? Nun als ich mit 64 Jahren pensioniert wurde, suchte ich eine Tätigkeit, die mir einen Sinn verleiht. Ich entdeckte ein Stelleninserat in dem nach Freitodbegleiter gesucht wurde», sagt A. Strebel und nimmt einen Schluck Kaffee.

Seit Jahren Mitglied bei Exit

Wie A. Strebel aussieht? Obwohl sie 70 Jahre alt ist, sieht sie eher wie 60 aus. Ihr Haar ist etwa schulterlang, sie trägt eine Brille. «Mein Mann und ich sind schon seit 20 Jahren Mitglieder bei Exit.

Damals entscheiden wir uns wegen der Patientenverfügung dazu», so Strebel. Als sie das Stelleninserat sah, meldete sie sich nach einer längeren Bedenkzeit schliesslich bei Exit.

Nach mehreren Gesprächen wurde sie dazu eingeladen, eine Freitodbegleitung zu besuchen. «Ich war sehr nervös», sagt Strebel. Zusammen mit der Exit Leiterin Heidi Vogt besuchte sie einen schwer kranken Mann.

«Was mich am meisten überraschte, war die Eile, die der Mann hatte. Er konnte es kaum abwarten.» Was damals für sie sehr überraschend war, trifft Strebel heute, als aktive Freitodbegleiterin, nicht selten an.

«Bei einem grossen Teil der Menschen, die ich in den Tod begleite, treffe ich diese Eile an», sagt sie.

Seit fünf Jahren Freitotbegleiterin

Seit fünf Jahren ist A. Strebel als Freitodbegleiterin für Exit tätig. Viele Personen hat sie schon in den Tod begleitet. Doch nicht alle Personen, die Strebel betreut, wollen sterben.

«Es gibt auch solche, die sich informieren möchten. Ich betreue zum Beispiel schon seit einem halben Jahr eine Frau, die unheilbar an Krebs erkrankt ist. Jeden Monat geht sie ins Spital und erhält dort eine schmerzlindernde Spritze.

Dadurch kann sie mehr oder weniger normal leben.» Diese Frau habe sich bei Exit gemeldet, um vorbereitet zu sein, falls die Schmerzen zu stark oder die durch den Krebs verursachte Behinderung zu gross wird. «Menschen wie sie wollen vorbereitet sein, falls nichts anderes mehr hilft», so Strebel.

Auch für Strebel wäre der Freitod eine Option. «Momentan bin ich kerngesund und denke noch nicht ans Sterben, aber wenn ich unheilbar krank wäre, würde ich mir diese Option sicher offenhalten.»

Ihr fällt die Tätigkeit nicht schwer

«Eine Freitodbegleitung ist etwas Feierliches», sagt Strebel. Es sei die Überzeugung und die Gefasstheit jedes Einzelnen, die eine Freitodbegleitung zu etwas Intensiven mache.

«Viele sind auch dankbar für das bewusste Abschiednehmen von den Verwandten.» Zu einem gewissen Grad könne Strebel auch Emotionen zulassen. «Sei es der letzte Abschied oder die Umarmung der Tochter, nachdem alles überstanden ist.»

Obwohl die meisten Betroffenen jünger seien als A. Strebel, fällt ihr ihre Tätigkeit nicht schwer. «Die Menschen, die ich begleite, sind in einer solchen schlechten Verfassung, in der ich auch nicht sein möchte», sagt Strebel.

«Ich finde, es ist nicht das Alter, sondern der Leidensstand, der entscheidend ist.» Wichtig für A. Strebel sei auch das Wissen, dass die Betroffenen sich zu 100 Prozent für den Freitod entschieden haben.

«Als Freitodbegleiterin muss man immer wieder nachfragen, ob der Betroffene sich sicher sei.» Doch noch nie habe sich jemand umentschieden.

*Name von der Redaktion geändert.

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