Kanti Wettingen

Freistellung eines Lehrers macht Schüler betroffen: «Er hat immer an uns Schüler geglaubt»

Ein Lehrer an der Kantonsschule Wettingen soll einer Schülerin offenbar zu nahe gekommen sein.

Ein Lehrer an der Kantonsschule Wettingen soll einer Schülerin offenbar zu nahe gekommen sein.

Die Freistellung eines Lehrers an der Kanti Wettingen löst bei Schülern Betroffenheit aus – kreativ und charismatisch sei er gewesen.

Die Nachricht sorgte diese Woche schweizweit für Schlagzeilen: Die Kantonsschule Wettingen hat einen Lehrer wegen «unangemessener Kommunikation» freigestellt. Was genau zur Trennung geführt hatte, ist bis heute nicht öffentlich bekannt. Der Lehrer soll in der Vergangenheit Schülerinnen gegenüber wiederholt anzügliche Sprüche gemacht haben. Schliesslich sei es offenbar zur Freistellung gekommen, nachdem er im öffentlichen Raum mit einer Schülerin intim geworden war. Rektor Paul Zübli will auch drei Tage nach der Freistellung nicht auf die genauen Gründe eingehen. Ganz offenbar müssen sie aber derart gravierend sein, dass die Schulleitung keine andere Möglichkeit sah, einen beliebten Lehrer auf die Strasse zu stellen.

Dass er beliebt war, beweisen die Rückmeldungen, welche die Redaktion erhalten hat. So lautet der Grundtenor nicht etwa, dass man froh sei, endlich einen «Grüsellehrer» losgeworden zu sein. Vielmehr reagieren zahlreiche Schülerinnen und Schüler traurig, betroffen und fassungslos auf die Freistellung des Lehrers. Stellvertretend für viele Schüler gibt eine Schülerin – sie möchte nicht namentlich genannt werden – der Redaktion gegenüber Auskunft. «Wir können noch gar nicht glauben, dass er nicht mehr hier ist. Er war ein Lehrer, der uns als Menschen gesehen hat und nicht nur als Schüler.» Er habe gewusst, wie man den Unterricht lebhaft gestalten konnte und wie man die Schüler mitreissen konnte. «Er hat immer aktuelle Themen mit uns besprochen. Auch kontroverse Themen, die manchmal zu hitzigen Diskussionen führten.»

«Auch im Kollegium polarisiert»

In den Pausen sei er zudem nicht einfach nach draussen gegangen, sondern habe sich Zeit genommen, mit den Schülern über Schule, Freizeit, Gott und die Welt zu sprechen. «Man wusste, dass man immer zu ihm gehen konnte, wenn man ein Problem hatte.» Er habe immer an die Schüler geglaubt und «uns stets motiviert, auch wenn wir selbst an unserem Erfolg zweifelten. Kurz: Er half uns immer und ging individuell auf uns ein.» Und: «Wir haben noch nie einen Lehrer gehabt, der so kreativ, so charismatisch war.» Er sei ein Lehrer gewesen, der polarisiert habe. Mit seiner lauten, extrovertierten Art habe er aus der Reihe der sonst eher strengen, distanzierten Lehrer getanzt. «Er polarisierte deshalb wohl auch im Kollegium. Die einen konnten es gut mit ihm, andere weniger.»

Als Lehrer sei er in den Augen vieler Schüler einfach fantastisch gewesen und habe den mit Abstand besten Unterricht geboten. «Wir werden seinen Unterricht extrem vermissen; die Stunden gingen immer so schnell vorbei.» Es werde auf alle Fälle schwer sein, ihn zu ersetzten – menschlich wie auch schulisch, so die überwiegende Meinung.
Dass der Lehrer bei den Schülern sehr gut ankam, beweise nicht zuletzt die Tatsache, dass sehr viele Schüler bei seinem Theaterprojekt mitmachen wollten. «Früher gehörten der Gruppe zirka 15 Schüler an. Dieses Jahr waren es 35. Es war unglaublich, zu sehen, wie viel Zeit, Energie und Freude er in das Theater steckte. Er hat es jede Woche geschafft, einen Raum von 35 müden, gestressten Kantischülern zu einem kreativen, lachenden, schauspielernden Haufen zu verwandeln.»

«Habe mich nie belästigt gefühlt»

Umso grösser war am Dienstag das Erstaunen, als man von der Freistellung gehört habe. «Wir waren völlig aufgewühlt. Unverständnis und Verwirrung machten sich breit, denn auch wir wussten nicht, was genau vorgefallen war.» Der Schock sass umso tiefer, als man erst vier Tage zuvor am Freitagabend mit grossem Erfolge und tosendem Applaus die letzte Theatervorstellung gefeiert habe.

Die Schülerin stellt klar: «Uns geht es nicht darum, unseren Lehrer in Schutz zu nehmen oder als Opfer darzustellen. Wir sind einfach nur unendlich traurig, dass er nicht mehr da ist.»
Auf der anderen Seite seien viele auch wütend und verwirrt, da ihr geschätzter Lehrer offenbar Grenzen überschritten habe. «Es gab in der Vergangenheit schon das eine oder andere Gerücht, dass er offenbar Schülerinnen schon mal zu nahe kam. Doch bei uns in der Klasse ist nie etwas in diese Richtung vorgefallen», betont die Schülerin. Sie habe sich nie belästigt gefühlt. «Wir wissen nicht, was genau passiert ist, aber die Schulleitung wird sicher nicht ohne Grund gehandelt haben. Wir vertrauen darauf, dass die Schulleitung richtig und natürlich auch zum Schutz der Schüler entschieden hat.» Was immer auch vorgefallen sei: «Auch wenn man ein toller Lehrer ist, darf man Schülern – verbal oder körperlich – nicht zu nahe kommen, ansonsten man die Konsequenzen zu tragen hat», sagt die Schülerin.

Rektor: «Seelische Verletzungen»

Kanti-Rektor Paul Zübli kann gut nachvollziehen, dass die Freistellung eines «beliebten und zugänglichen» Lehrers die Schüler fassungslos und traurig macht. «Doch als Schulleitung nehmen wir eine andere Perspektive – nämlich die der Opfer – ein.» So habe denn auch bei diesem schwierigen Entscheid die Beliebtheit des Lehrers keine Rolle spielen dürfen. Aber ist es wirklich Zufall, dass der Lehrer just drei Tage nach der rauschenden Theater-Derniere freigestellt wurde? Zübli: «Den Zeitpunkt der Kommunikation haben wir bewusst gewählt.» Und ja, die für alle Mitwirkenden wichtige Derniere habe eine Rolle gespielt. Gleichzeitig stellt Zübli klar: «Erst als wir alle Fakten zusammen hatten und mit dem betroffenen Lehrer gesprochen hatten – und das war erst Anfang dieser Woche der Fall –, haben wir den Entscheid gefällt.»

Wie gestaltet sich der Schulalltag nach einem solch einschneiden Ereignis? Zübli gibt unumwunden zu: «Es gibt in der Tat Begegnungen mit Schülern, die vorher herzlich waren und jetzt irritierend sind.» Und auch im Kollegium laufe gerade ein «bewegender Prozess». «So weit wie möglich habe ich meinen Kollegen von den seelischen Verletzungen der Opfer erzählt, aufgrund derer uns nichts anderes übrig blieb, als den Lehrer freizustellen.» Man habe zuerst bewusst zurückhaltend informiert. «Nächste Woche ist eine grössere Informationsversammlung für die Schüler geplant», so Zübli. Doch damit sei das Ganze nicht abgeschlossen. «Entscheidend wird sein, dass wir als Schule die richtigen Lehren aus diesem Vorfall ziehen, damit dies nicht wieder passiert.»

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