Offen und tolerant sei Wettingen in Glaubensfragen, heisst es in der Imagebroschüre des Dorfes. Nicht ohne Grund: Neben den drei Landeskirchen sind fünf weitere christliche Glaubensgemeinschaften in Wettingen zu Hause. 

Mit der Baptistengemeinde, der Freien Evangelischen Gemeinde Baden-Wettingen (FEG) und der Pfingstmission Baden-Wettingen sind die Freikirchen vertreten. Hinzu kommen die Mormonen und die Neuapostolische Kirche.

Ursprünglich waren die drei Freikirchen in einer 1920 gegründeten Gruppe organisiert und trafen sich in Baden. Da sie unterschiedliche Auffassungen darüber hatten, wie man den Glauben leben sollte, gingen die drei Gruppen getrennte Wege.

Seit 1949 ist die FEG in Wettingen, aktuell an der Bahnhofstrasse. Die Baptisten zogen 1954 nach Wettingen, sie kauften ein Grundstück an der Neustrasse, wo sie eine Kapelle bauten. Die Pfingstmission hatte zehn Jahre lang ein Versammlungsgebäude beim Banhof Oberstadt. Aufgrund einer Verkehrssanierung musste die Kirchgemeinde in den 50er-Jahren ein neues Gebäude finden. Unter anderem verlegte man die Bahnlinie in den neuen Kreuzlibergtunnel. Auf der Grenze zwischen Baden und Wettingen wurde die Pfingstmission fündig – 1959 weihte sie ihre Kapelle ein, wo heute ihr Gemeindezentrum Bethel steht.

Die Freikirchen fühlen sich wohl im Dorf: «Wir sind sehr verbunden mit Wettingen und der Region», sagt Pastor Michael Ruppen von der Pfingstmission. «In dieser urbanen Region trifft man viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen.» Und Monika Iselin von der FEG ergänzt: «Die Behörden sind sehr offen.»

Auch die Mitglieder der 1909 gegründeten Neuapostolischen Kirche trafen sich zuerst in Baden. Seit 1915 sind sie in Wettingen. Die Mormonen organisierten nach der Gründung ihrer Kirchgemeinde Baden im Jahr 1952 Abendmahlsversammlungen und Sonntagsschulen in verschiedenen Restaurants in der Region, unter anderem im «Stadttor».

1958 bezog die lokale Gemeinde der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, wie die Kirche offiziell heisst, ein gemietetes Lokal in Wettingen. 1977 baute sie schliesslich am Kapellenweg ein eigenes Gebäude, wo sie bis heute geblieben ist. Obwohl der Umzug nach Wettingen wie bei den Freikirchen aus praktischen Gründen erfolgte, fühlen sich auch die Mormonen wohl im Dorf. «Unser Lokal ist gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und via Autobahnanschluss zu erreichen», sagt Pressesprecherin Christina Ghosh.

Unter den Freikirchen herrscht ein reger Austausch. «Wir sind alle in der Evangelischen Allianz Baden-Wettingen und haben viele gemeinsame Projekte, wie beispielsweise die Jugendgottesdienste», sagt Pastor Ruppen von der Pfingstmission.

Zu der Neuapostolischen Kirche und den Mormonen bestehe hingegen kaum Kontakt, wie auch die anderen Freikirchen bestätigen. «Wir sind nicht gegeneinander, aber unser Glaube unterscheidet sich zu stark.» Und Pastor Jürgen Wolf von der Baptistengemeinde ergänzt: «Sie glauben, dass man nur dann gerettet wird, wenn man bei ihnen Mitglied ist.» Und: «Wir in den Freikirchen glauben, dass Jesus Christus als Retter in diese Welt gekommen ist (Weihnachten), dass er freiwillig für die Schuld jedes Menschen gestorben ist (Ostern) und dass jeder, der ihn als seinen Erlöser anerkennt und dann auch nach der Bibel lebt, gerettet ist.»

Die Mitgliederzahlen steigen sowohl bei den Freikirchen als auch bei den Mormonen und Neuapostolen in Wettingen laufend: Vor 15 Jahren besuchten zwischen 180 und 200 Menschen den Gottesdienst der FEG, heute sind es rund 300. Da der Platz am aktuellen Ort deshalb zu knapp geworden ist, zieht die Gemeinde Ende Jahr an die Landstrasse 170. Bei den Baptisten haben sich die Besucherzahlen im Gottesdienst in den letzten vier Jahren von zirka 30 auf knapp 60 mehr als verdoppelt. Bei den Mormonen ist die Mitgliederzahl von einem Dutzend bei der Gründung 1952 auf heute 200 angestiegen. Die Neuapostolen haben 470 Mitglieder.

Die drei Landeskirchen, die in Wettingen vertreten sind, sehen die scheinbare Konkurrenz gelassen. «Es gibt viele, die in Freikirchen mitmachen, aber dennoch bei einer der Landeskirchen Mitglied sind», sagt Pfarrerin Kornelia Baumberger von der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde.

«Das Verhältnis untereinander ist entspannt. Man kennt einander.» Auch Pfarrer Wolfgang Kunicki von der christkatholischen Kirchgemeinde bestätigt: «Wir verstehen uns eigentlich nicht als Konkurrenten, sondern als Mitbewerber.» Mit den Freikirchen funktioniere der Dialog im Allgemeinen gut. In der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, deren kantonaler Präsident er ist, fände mit der Neuapostolischen Kirche ebenfalls seit einiger Zeit ein Austausch statt. Zu den Mormonen hätten sie aber kaum Kontakt: «Bei fundamentalen Gruppen mit Absolutheitsanspruch wird es schwieriger.»

Noch müssen sich die Landeskirchen in Wettingen keine Sorgen machen: Die evangelische-reformierte Kirchgemeinde hat 5100 Mitglieder, die römisch-katholische rund 9000 und die christkatholische immerhin 450 – «Tendenz steigend», wie Pfarrer Kunicki sagt.