Wettingen

Falschinformationen und Wucherpreise: Circus Monti wehrt sich

Aktuell gastiert der Zirkus in Wettingen.

Die Tickethandelbörse «Viagogo» bringt den Circus Monti ins Schwitzen.

Aktuell gastiert der Zirkus in Wettingen.

Der Circus Monti ruft dazu auf, keine Tickets auf der berüchtigten Ticketbörse «Viagogo» zu erwerben.

Täglich melden sich empörte Besucher beim Circus Monti, die ihre Tickets über die Plattform «Viagogo» zu völlig überteuerten Preisen gekauft haben. «Sie merken oft erst, wenn sie das Ticket ausgedruckt haben und den regulären Preis sehen, dass sie viel mehr bezahlt haben als auf dem Ticket steht», sagt Stefan Gfeller, Kommunikationsverantwortlicher beim Circus Monti.

Noch bis Sonntag gastiert der Zirkus auf der Zirkuswiese in Wettingen. Gfeller gelangte an die AZ, weil er die Besucher warnen will: «Auf der Webseite von ‹Viagogo› stand bei manchen Vorstellungen in Wettingen, dass sie ausverkauft seien, obwohl das gar nicht der Fall ist.» Es gebe noch für alle Vorstellungen Tickets, entweder auf der Monti-Webseite, telefonisch oder direkt vor Ort.

Das umstrittene Geschäftsgebaren der internationalen Ticketbörse «Viagogo» mit Geschäftssitz in Genf wird zwar seit Jahren in unzähligen Artikeln und Berichten thematisiert, ist aber noch lange nicht bei allen Nutzern angekommen. «Viagogo» sieht sich jedoch vermehrt mit Klagen konfrontiert, sorgt das Unternehmen doch bei vielen Veranstaltern für Unmut — weltweit. Institutionen wie der Weltfussballverband FIFA oder der Zirkus Knie sind ebenfalls betroffen. 2017 hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) Zivilklage eingereicht: Wegen Verstössen gegen den unlauteren Wettbewerb. Die Klage ist noch hängig.

Unseriös und überteuert

Wie die Tickethandelbörse funktioniert, erklärt Gfeller so: «Viagogo kauft bei Google ‹AdWords›-Anzeigen, damit unsere Veranstaltungen mit Suchbegriffen wie ‹Monti Tickets› gefunden werden. Sie erscheinen so immer als Erstes bei der Google-Suche.» Obwohl mit «Anzeige» deklariert, klicken viele Menschen auf den ersten Vorschlag, der erscheint. Auf der Webseite werden dem Käufer Tickets mit stark überhöhten Preisen angeboten: «Ein Ticket für 25 Franken kostet bei ‹Viagogo› zum Beispiel 68 Franken.» Das sei aber noch nicht der Endpreis: «Mit den Bearbeitungs- und Buchungsgebühren, die am Ende des Bestellvorgangs noch hinzukommen, macht das einen Gesamtpreis von 90 Franken für ein einziges Ticket.» Eine vierköpfige Familie zahle so statt regulär 100 für vier Tickets den stattlichen Preis von 360 Franken.

Sobald die Tickets bezahlt seien, «buchen ‹Viagogo›-Leute Tickets über unser Portal, mit fiktiven Adressen — in der Regel aus dem jeweiligen Gastspielort und mit immer wechselnden Kreditkartennummern.» Zu allem Überdruss käme noch hinzu, dass die potenziellen Käufer mit falschen Bezeichnungen der Kategorien und falschen Saalplänen informiert würden.

Massnahmen mit wenig Wirkung

Gfeller echauffiert sich: «Aus unserer Sicht verbreitet ‹Viagogo› Falschinformationen und betreibt auf professionelle Weise den Wiederverkauf von Tickets zu überrissenen Preisen.» Der Circus Monti versuchte bereits selbst, mit der Ticketbörse Kontakt aufzunehmen — ohne Erfolg: «Unsere Mails wurden bis heute nicht beantwortet. Und telefonisch ist gar keine Kontaktaufnahme möglich.»

Auch bei Google klopften sie an: «Wir sind seit Wochen mit Google in Kontakt. Die Google-Mühlen mahlen aber äusserst langsam. Schlussendlich verdienen sie mit ‹Viagogo› Geld und unterstützen damit das umstrittene Geschäftsmodell. Google ermöglicht ihnen, Kunden abzuzocken und geschäftsschädigende Informationen zu verbreiten», klagt Gfeller an. Die Suchmaschine hat zwar auf frühere Beanstandungen reagiert und letztes Jahr strengere Regeln für Ticket-Wiederverkäufer wie «Viagogo» eingeführt. Mit kleiner Wirkung: «Viagogo und andere Zweitverkäufer von Tickets deklarieren unterdessen klar, dass sie keine offiziellen Vorverkaufsstellen sind, sondern eben Billetbörsen, deren Preise von den offiziellen Preisen abweichen können», schreibt das Schweizer Radio und Fernsehen auf seiner Webseite. Doch aus dem Originalpreis mache «Viagogo» immer noch ein Geheimnis, was eine der Auflagen von Google wäre.

Es regt sich Widerstand

Inzwischen regt sich in Grossbritannien Widerstand gegen Google: Diesen Monat haben verschiedene grössere Verbände aus Musik, Theater und Sport mit einem gemeinsamen Brief die Internetsuchmaschine dazu aufgefordert, kein Geld mehr für Werbung von «Viagogo» anzunehmen.

Gfeller selbst bleibt im Moment nichts anderes übrig, als an seine Kunden zu appellieren: «Am besten die Tickets immer über unsere Webseite oder über Ticketcorner beziehen — ganz sicher nicht über Viagogo.» Der Circus Monti behalte sich vor, gegen das Unternehmen auch rechtliche Schritte einzuleiten, so Gfeller.

«Viagogo» hat sich auf Anfrage der AZ nicht zu den Vorwürfen geäussert. Nicht verwunderlich, zumal die Ticketbörse in vielen kritischen Medienberichten kaum je Stellung bezogen hat. Auch das gehört offenbar zum Geschäftsmodell.

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