Leviathan

Es ist längst nicht alles Gold, was glänzt: Auf «Parzelle 5554» steht die steilste Beiz der Badenfahrt

Kein Fake: Die Aussicht von der «Parzelle 5554» auf die Stadt ist grandios – auch wenn sie für den Verein Leviathan zweitrangig war.

Kein Fake: Die Aussicht von der «Parzelle 5554» auf die Stadt ist grandios – auch wenn sie für den Verein Leviathan zweitrangig war.

Der Verein Leviathan, Gewinner des Beizenwettbewerbs am Stadtfest 2012, hat dieses Jahr ein fiktives Terrassenhaus hoch über der Limmat gebaut. Die Aussicht auf die Stadt ist grandios – aber sonst überrascht der Verein mit viel «Fake».

Eine Fassade aus Gold, ein Swimmingpool mit grandioser Aussicht auf die Stadt und ein Küchentresen aus feinstem Marmor. Das erwartet den Gast, der im Terrassenhaus des Vereins Leviathan zu Besuch ist. Der Boden und die Wände sind mit edlen Fliesen gekachelt. Durch das grosse Oblicht strömt Licht ins Haus und im Kamin knistert ein Feuer. Auch der Garten bietet eine herrliche Aussicht. Kurzum: Wer bei dieser Immobilie auf der letzten grünen Wiese der Stadt nicht zuschlägt, ist selbst schuld.

Auf den zweiten Blick allerdings merkt der badenfahrende Gast, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Die Beiz «Parzelle 5554», neben der Hochbrücke rechts der Limmat, steht zwar tatsächlich auf einer der letzten grünen Wiesen der Stadt Baden. Was die Bauherren des Vereins Leviathan den Festbesuchern hier präsentieren, ist aber fast alles Fake. Didier Balissat, auch im Privatleben Architekt, hat das Gebäude zusammen mit Berufskollegen aus dem Verein entworfen. Balissat sagt: «Wir wollen die Gäste in unserem Haus überraschen und dazu verleiten, genauer hinzuschauen.» Eine spielerische Referenz an das postfaktische Zeitalter.

«Die Leute sollen aus dem Staunen nicht mehr herauskommen»

«Die Leute sollen aus dem Staunen nicht mehr herauskommen»

Der Verein Leviathan und seine Beiz im Beitrag von Tele Züri.

Die steilste Beiz der Badenfahrt

Ein Baugrundstück ist die Wiese in der Realität nicht. Die «Parzelle 5554» ist aber vermutlich die steilste Beiz der Badenfahrt. Die Parzelle, die im Katasterplan tatsächlich die Nummer 5554 trägt, hat Leviathan-Vorstand Nik Notter vorgeschlagen. Die Wiese am Steilhang war eigentlich gar nicht im Festgebiet vorgesehen. Aber das OK war offen für eigene Vorschläge und sagte zu.

Der Aufwand für den Bau war schon für die Gerüstbauer enorm. In den Hang mussten die Helfer beim Aufbau über 100 Löcher für das Gerüst graben. Die Beiz ist ein gutes Beispiel dafür, wie viel Freiwilligenarbeit für eine Badenfahrt nötig ist. Man könne kaum ausrechnen, was der Arbeitsaufwand kosten würde, sagt Balissat. Aber darum gehe es ja nicht an einer Badenfahrt. Alle, die mithelfen, seien mit Begeisterung und Herzblut dabei. «Die Steilhanglage war ein heiss diskutierter Entscheid im Verein», sagt Balissat weiter. Die Zweifel seien gross gewesen, ob man hier etwas auf die Beine stellen könne. «Auch die Aussicht wollten viele nicht ins Zentrum rücken.» Nach dem ersten Platz im Beizenwettbewerb beim Stadtfest 2012 habe man erneut mit einem einmaligen Konzept überzeugen wollen.

Nun seien mit dem Ergebnis alle zufrieden – und würden sich auch über die Aussicht freuen. Die Liebe zum Detail sieht man der «Parzelle 5554» von Weitem an. Die Tapete im Garten besteht aus grossformatigen Fotografien aus dem Badener Wald. Auf den zwei kleinen Bühnen vor dem Kamin und in der Loggia läuft in den nächsten zehn Tagen ein abwechslungsreiches Musikprogramm.

«Schöne Dinge gibt es dutzendfach»

Inspirieren lassen hat sich der Verein Leviathan auch vom Auszug aus einem Gedicht Erich Kästners: «Schöne Dinge gibt es dutzendfach. Aber keines ist so schön wie diese: eine ausgesprochen grüne Wiese, und ein paar Meter veilchenblauer Bach.» Man könne die «Parzelle 5554» zwar durchaus als kritischen Beitrag zum Städtebau sehen, sagt Balissat. Man denke nur einmal an das geplante Terrassenhausverbot in Ennetbaden. Sozialkritisch solle die Beiz aber nicht sein.

Hat sich der Gast von der überwältigenden Aussicht erholt, fällt ihm auf, dass die goldenen Wände nicht aus Gold sind, die marmorne Küche nicht aus Marmor – und dass man im Swimmingpool nicht schwimmen kann, sondern Sandwiches und Drinks geniessen, die das Leviathan-Team laufend frisch zubereitet.

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