Baden ohne «Himmel» kann man sich nicht vorstellen. Man kann es nicht anders sagen: Wenn der «Himmel» stirbt, stirbt ein Stück Badener Seele. Das Café und die Konditorei waren immer da. An der Ecke, wo der Eisenbahnweg von der Badstrasse zum Bahnhof abzweigt. Und jetzt soll er also verschwinden – «der Himmel».

Wie schmerzlich ist bis heute der Verlust des Tea Room Disler in die Erinnerung der Badenerinnen und Badener eingebrannt. In meiner Kindheit waren «Disler» und «Himmel» das verbliebene Duett der Badener Traditionscafés. Als das Café Disler im April 2000 und ein Jahr später der Laden in der Stadtturmpassage für immer ihre Pforten schlossen, war die Bestürzung gross. Es blieb nur noch der «Himmel». Und jetzt also auch er. Die Stadt wird nicht mehr dieselbe sein ohne dieses Stück Badener Kultur.

Ein Stück Heimat

Wobei, man hat es ja kommen sehen: Die Tortenstücke und die Gipfeli wurden in den letzten Jahren immer ein bisschen kleiner, die Preise blieben hoch. Der Café Crème aus dem Vollautomaten schmeckte bisweilen eher nach heissem Wasser als nach kräftig geröstetem Bohnenkaffee. Und renoviert wurde in den letzten 30 Jahren im Stammhaus kaum mehr etwas.

Aber genau das machte auch einen Teil des Charmes aus: Nicht immer allen Trends hinterherrennen, am Alten, am Guten festhalten. Wenn nur der Kaffee etwas besser geschmeckt hätte. Der «Himmel» war ein Hort der Kontinuität und der Sicherheit. Vielen war dieses Altmodische wohl zuwider. Für viele andere war es ein Stück Heimat. In meinen Kindheitserinnerungen ist der Himmel das Café schlechthin.

Mit den goldenen Lampen, den Spiegeln und den mokkabraunen Ledersofas war er stets noch eine Spur eleganter als der «Disler». Eines hatten die beiden gemeinsam: Nirgendwo auf der Welt – und schon gar nicht im Rest der Schweiz – gab es so gute und frische Gipfeli. Beim «Himmel» gab es sie in zwei Varianten: Die klassischen runden, halbmondförmigen. Und die dicken, geraden Himmel-Gipfel.

Die Truffes-Torte konnte es früher locker mit der von Sprüngli aufnehmen. Aber auch in der Himmel-Confiserie ging es bergab: Zuletzt schmeckte die klebrige Mandarinentorte eher nach Zucker und Fett, aber nicht unbedingt nach Mandarinen. Das war vielleicht mit ein Grund für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Aber sicher nicht der einzige. Der Himmel war eigentlich eine Goldgrube an allerbester Lage.

«Ich war geschockt»: Das sagen die Kunden im Café Himmel zum drohenden Konkurs

«Ich war geschockt»: das sagen die Kunden im Café Himmel zum Konkurs

Früher, vor dem Umbau der Neunzigerjahre, als der Kaffee noch im Kännchen serviert wurde, trafen sich die feineren Badenerinnen hier zum Kaffeekränzchen. Viele von ihnen hatten ihren festen Stammplatz. Am Samstag versammelten sich hier die Geschäftsleute. Im Sommer auf dem Bahnhofplatz vor dem «Himmel» Kaffee zu trinken, das war bis zuletzt immer ein bisschen wie an den Champs-Élysées oder an der Piazza Grande: Sehen und gesehen werden. Hier sass tout Baden.

Drei Verluste auf einen Schlag

Das «Delise», die Filiale im Langhaus, und das «Bijou» an der Wettinger Landstrasse waren eine beim Publikum willkommene und beliebte Ergänzung zum Stammhaus am Bahnhofplatz. Aber auch in diesen beiden Niederlassungen wurde man in letzter Zeit das Gefühl nicht los, dass es irgendwie nicht mehr so war wie früher. Und trotzdem: Auch «Delise» und «Bijou» werden schmerzlich fehlen, wenn es sie plötzlich nicht mehr gibt.

Viele Fragen bleiben im Moment unbeantwortet: Was passiert mit dem Interieur im Stammhaus? Was passiert mit dem Deckengemälde von Theo Wetzel, oben an der schönen alten Holzdecke, gegen den Bahnhof hin, wo früher der kleine Nichtraucherbereich war. Was passiert mit den steinernen Engelsfiguren an der Säule, die stets in aller Seelenruhe über das Treiben im Café wachten?

Wenn man durch den Hintereingang in den «Himmel» kam, schlug einem immer derselbe wunderbare Duft entgegen: der Geruch nach frischer Confiserie, nach Blätterteig und Buttercreme. Als ob einen Petrus höchstpersönlich verführen wollte...

«Wir hatten schon früh eine Ahnung, dass dieser Moment kommen wird»

«Wir hatten schon früh eine Ahnung, dass dieser Moment kommen wird»

Produktionsleiterin der «Himmel»-Backstube, Nadja Vogt, im Interview mit Tele M1.

Die letzte kalte Schoggi

Als Kind durfte ich im «Himmel» immer eine kalte Schokolade bestellen. Sie war tatsächlich himmlisch – im hohen Cocktailglas serviert und mit Strohhalm. Gestern habe ich hier meine vorerst letzte kalte Schoggi getrunken. Es herrschte eine seltsame Stimmung im Café: Trauer, Melancholie, Ratlosigkeit. Viele Badenerinnen und Badener, aber auch Gäste von weit her kamen, um Abschied zu nehmen. Im Laden herrschte eine fast gespenstische Stimmung. Die letzten Gipfeli gingen am Morgen über den Ladentisch, die letzten «Himmel-Schnitten» und Torten kurz vor dem Mittag.

Es gibt viele Orte, um in Baden einen Kaffee zu trinken. Seit einiger Zeit sogar mancherorts wieder richtig guten. Aber ein richtiges Kaffeehaus wird bitterlich fehlen, wenn es den «Himmel» nicht mehr gibt. Eine der Mitarbeiterinnen, die gestern – notabene freiwillig und ohne Aussicht auf Lohn – flink wie immer ihren Dienst tat, sagte mit Tränen in den Augen und mit einer Prise Sarkasmus: «Es ist einfach himmeltraurig, das Ganze.» Es bleibt zu hoffen, dass ein guter Nachfolger gefunden wird für diese Badener Institution. Vielleicht kommt ja doch noch alles gut.