Baden

Er kämpft im Bäderquartier gegen Vandalen und Einbrecher

Alfred Neuenschwander kennt das Bäderquartier wie kein Zweiter. Er ist seit 2007 hier als eine Art Abwart hier tätig. Und hat dabei einiges erlebt. So wurde er schon von Einbrechern niedergeschlagen oder hat Quellen-Anzapfer erwischt.

Alfred Neuenschwander – oder ganz einfach «Fredy» – sieht alles: «Schaut euch das an, das Fenster hier ist offen, da ist kürzlich wieder einer ins Gebäude eingestiegen», sagt der 60-Jährige und in seiner Stimme schwingen sichtlich Ärger und Frust mit.

Fredy öffnet die Türe zum leeren Römerbad-Gebäude mit einem seiner über Dutzend Schlüssel. Tatsächlich: Drinnen liegen Laub und Efeu, die Eindringlinge mitgeschleppt haben. Fredy schliesst das Fenster, schaut sich um und stellt erleichtert fest: «Dieses Mal haben sie nichts kaputtgemacht, und es scheint auch nichts wegkommen zu sein.»

«Ich wurde schon zweimal überfallen»: Alfred Neuenschwander im Video-Interview.

«Ich wurde schon zweimal überfallen»: Alfred Neuenschwander im Video-Interview.

Fredy weiss, wovon er spricht. Seit 2007 ist er als «Abwart» im Bäderquartier für die Instandhaltung der stillgelegten Gebäude (Verenahof-Geviert, Thermalbad, Römerbad), und das Parkhaus zuständig – ja sogar für die Wartung der Quellen ist er zuständig, aus denen täglich über eine Viertelmillion Liter Thermalwasser ungenutzt in die Limmat fliesst. Er und Investor Benno Zehnder haben sich vor vielen Jahren kennen gelernt. «Fredy kennt das Bäderquartier wie kein anderer; ich habe vollstes Vertrauen in ihn», schwärmt Zehnder. Fredy sei zwar nicht offiziell angestellt – «wir machen alles per Handschlag». Und doch, so Zehnder, würde hier unten einiges aus dem Ruder laufen, wenn Fredy nicht jeden Tag nach dem Rechten schauen würde.

Quellen wurden schon abgezapft

Einen weiten «Arbeitsweg» hat der hauptberufliche Bus-Chauffeur nicht. Denn seit acht Jahren bewohnt er zusammen mit seiner Angela ein kleines Zimmer im Staadhof, dem ehemaligen Ärztehaus. Luxuriös ist das nicht, im Gegenteil. «Der einzige Raum der in diesem Gebäude noch geheizt wird, ist die Empfangshalle», so Fredy. In ihrem Zimmer sei es derzeit rund 9 Grad kalt. «Das härtet ab und macht uns nichts aus», so Fredy. Abgehärtet haben ihn auch all die Erlebnisse und Eindrücke, die er in den letzten Jahren im Bäderquartier unten gesammelt hat. Immer wieder werde eingebrochen, randaliert und gestohlen. «Schon zweimal stand plötzlich einer mitten in der Nacht vor unserem Zimmer», erinnert sich Fredy. Nachdem er jeweils höflich gefragt habe, was dieser hier suche, hätte der Eindringling ihn zu Boden geschlagen.

Doch Fredy erinnert sich auch an harmlose Begegnungen. «Einmal erwischten wir ein paar Kanti-Schüler, die eingebrochen waren. Wir haben sie dann nochmals zusammen mit den Eltern zu uns zitiert und ihnen ein paar Nachtwachen aufs Auge gedrückt.» Am Schluss habe er gar noch eine Grillparty für alle geschmissen, so Fredy. Oder ein anderes Mal hätten ein paar findige Personen eine Quelle angezapft und ein «Guerilla-Bad» betrieben. «Damit hatte ich eigentlich keine Mühe; ich fand die Idee sogar noch originell.» Doch leider hätten sich nicht immer alle Personen an die Regeln gehalten, worauf er das weitere Abzapfen der Quellen und den Betrieb dieses improvisierten Bades habe untersagen müssen.

Aufwertung verschärfte Situation

Das Paradoxe sei, so Fredy, dass sich mit den eigentlich gut gemeinten Aufwertungsmassnahmen der Stadt die Situation gar noch verschlimmert habe. «Durch die attraktiver und grosszügiger gestalteten Wege wurden mehr Leute angelockt, die nicht nur Gutes im Sinn hatten.» Eine Frage muss hier jedoch gestellt werden: Wenn doch Anfang 2016 die Bagger auffahren sollen und ohnehin vieles abgerissen wird, weshalb lässt man die Eindringlinge nicht einfach gewähren? «Wenn jemand aus Neugierde in die Gebäude eindringt und sich umsieht, ist das zwar ärgerlich, aber tatsächlich nicht so tragisch», hält Fredy fest. Doch Vandalismus oder gar Diebstahl könne nicht geduldet werden. «Gerade im Verenahof-Geviert gibt es denkmalgeschützte Objekte; auch wurden schon kostbare Fachwerk-Fenster entwendet.» Investor Benno Zehnder präzisiert: «Diebstähle und Vandalismus hier unten kosten uns jährlich mehrere 10'000 Franken.»

Seit Fredy täglich – und zwar zu völlig unterschiedlichen Zeiten – die Gebäude und das Gelände kontrolliert, habe sich die Situation gebessert. «Die Leute wissen, dass kontrolliert wird; und ich sehe alles.» Doch jetzt im Winter, geschehe ohnehin weniger, erst gegen Sommer ziehe es dann wieder an.

Dass aus Neugierde oder wegen der Suche nach einem Souvenir eingebrochen werde, lässt Fredy nicht gelten. «Man kann uns fragen; wir führen regelmässig Besucher durch die stillgelegten Gebäude.» Und auch wer Interesse an einem bestimmten Souvenir habe, könne sich melden, «dann schauen wir, was sich machen lässt». Letzte Frage an den Abwart: «Sie sind Herr über täglich eine Viertel Mio. Liter 47 Grad warmes Wasser. Weshalb richten Sie in ihrem 9 Grad warmen Zimmer nicht ein privates Spa ein?» Fredy lacht: «Diese Idee hatte ich tatsächlich auch schon. Bis jetzt bin ich aber nicht dazu gekommen, diese umzusetzen.»

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