Es herrschte unheimliche Normalität gestern Vormittag im «Himmel» auf dem unteren Bahnhofplatz in Baden. In den Vitrinen werden Backwaren angeboten, das Café ist gut gefüllt. Wie eine Umfrage (siehe unten) zeigt, sind viele der Kunden hier, weil sie diese Woche noch ein letztes Mal ihr Lieblings-Café oder ihr Lieblings-Birchermüesli geniessen wollen. Denn das traditionsreiche Café-Haus hat Konkurs angemeldet; Ende dieser Woche soll der Betrieb nach 170 Jahren eingestellt werden.

Die Reaktionen auf diese Nachricht fielen nicht nur sehr zahlreich, sondern vor allem auch sehr emotional aus. Schnell wurde klar: Mit der drohenden Schliessung des «Himmels» verlieren Baden und die ganze Region ein Wahrzeichen. Da stellt sich die Frage, ob der Gewerbeverein oder gar die Stadt auf eine mögliche Rettung mitwirken. «Als ich die Meldung von der Schliessung des ‹Himmels› letzte Woche las, war ich absolut überrascht. Auch ich hatte absolut keine Ahnung», sagt Robert Sailer, Präsident des Badener Gewerbevereins City Com.

Sailer ist selbst Unternehmer und führt seit 18 Jahren das Papeteriegeschäft im Langhaus –  gleich neben der «Himmel»-Filiale «Delise». Auch wenn für Sailer die Schliessung aus dem Nichts kommt, so habe er sich in letzter Zeit doch einige Fragen gestellt. Auf Nachfrage – Sailer möchte nicht als Besserwisser dastehen – erläutert er diese Fragezeichen.

«Seit der heutige Inhaber Jörg Holstein vor 15 Jahren den ‹Himmel› übernommen hat, ist in Sachen Erscheinungsbild und Interieur bei den ‹Himmel›-Filialen nicht allzu viel passiert. Irgendwie das Ganze etwas eingeschlafen, das gewisse Knistern hat gefehlt», so Sailer. Bestimmt habe sich der Inhaber Mühe gegeben, «doch um ein solches Unternehmen erfolgreich führen zu können, braucht es immer wieder neue Ideen und eine grosse Portion Unternehmertum.»

Kommt mit der Galgenfrist bei den «Himmel»-Stammgästen nochmals Hoffnung auf?

Dass es jetzt wohl zur Schliessung kommt, obwohl die «Himmel»-Cafés immer gut besetzt waren, sieht Sailer nicht als Widerspruch. «Dass der Konsument das so sieht, kann ich verstehen. Doch als Unternehmer weiss ich: Wenn ein Gast während einer Stunde nur einen Kaffee trinkt und eine Zeitung liest, dann reicht das halt nicht.»

Sailer weiss, wovon er spricht, musste er doch bei seinem Unternehmen in den letzten Jahren selber schmerzhafte Abbaupläne durchziehen. «In der Blütezeit gab es fünf ‹Höchli›-Papeterien. Doch als die Umsätze abnahmen, musste ich ein Geschäft nach dem anderen herunterfahren. Zuletzt gab er 2011 den Standort an der Badstrasse auf. «Wenn es nicht mehr läuft, muss man notfalls gesundschrumpfen», so Sailer.

Auf die Frage, ob der Gewerbeverein sich für den Erhalt des «Himmels» einsetzen werde, antwortet Sailer deutlich: «Es ist nicht unsere Aufgabe in einem solchen Fall zu intervenieren; wir leben in einer freien Marktwirtschaft.» Natürlich wäre eine Schliessung sehr bedauerlich, doch das sei der Lauf der Dinge. «Heute ändert vieles so schnell. Sailer wäre aber nicht überrascht, wenn nach einer Schliessung des «Himmels» plötzlich eine neue Lösung auftauchen würde. «Offenbar hat der jetzige Besitzer ja schon im Dezember mit Interessenten Gespräche geführt. Es ist aber auch völlig klar, dass diese damals noch nicht zugeschlagen haben, sondern zuwarten, bis die Geschäfte geschlossen sind», sagt Sailer.

«Dem Markt überlassen»

Auch Thomas Lütolf, Leiter Standortförderung bei der Stadt Baden, steht einer Intervention von aussen kritisch gegenüber. «Noch ist der Konkurs nicht eröffnet. Als öffentliche Hand können wir nicht intervenieren, sondern müssen das dem Markt überlassen.»

Auch für Lütolf kam die Nachricht, dass der «Himmel»-Geschäftsleiter den Konkurs angemeldet habe, letzte Woche völlig überraschend. «Die zahlreichen und vor allem emotionalen Reaktionen zeigen, welchen Stellenwert der ‹Himmel› in der Bevölkerung hat», so Lütolf. Er sei froh, um die Zeichen aus der Privatwirtschaft, denn das eröffne vielleicht Möglichkeiten für neue Lösungen. «Sollte es tatsächlich zum Konkurs kommen, werde die Stadt sicher ihre Vermittlungsdienste bei der Suche nach einer Nachfolgelösung anbieten.»

Das sagten Angestellte und Kunden letzte Woche nach Bekanntgabe des Konkurses:

«Wir hatten schon früh eine Ahnung, dass dieser Moment kommen wird»

«Wir hatten schon früh eine Ahnung, dass dieser Moment kommen wird»

Produktionsleiterin der «Himmel»-Backstube, Nadja Vogt, im Interview mit Tele M1.

«Ich war geschockt»: Das sagen die Kunden im Café Himmel zum drohenden Konkurs

«Ich war geschockt»: das sagen die Kunden im Café Himmel zum Konkurs