Die Tendenz sei klar erkennbar, sagt Karin Fleischer von der Mobilitätsberatung «Badenmobil»: «Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto in die Schule oder den Kindergarten bringen, nimmt auch in unserer Region zu.» Die Bemühungen von Behörden und Schulen, etwas dagegen zu unternehmen, sind zahlreich: «Auffallend ist, dass sich die Massnahmen bisher vor allem an die Eltern richten. Sei es mit Flyern, Informationen an Elternabenden oder neu zum Teil auch Halteverboten, die mit Bussgeldern durchgesetzt werden.» Diese Massnahmen zeigten jedoch nur temporär Wirkung und seien wenig nachhaltig, ist sie überzeugt. Schriftliche Ermahnungen an die Eltern hätten oft einen belehrenden, bevormundenden Charakter. «Eltern reagieren zum Teil allergisch darauf.» Und dies, obwohl sie eigentlich wissen, dass es zu einem gesunden Entwicklungsprozess dazugehöre, sich auf dem Schulweg mit dem Verkehr, anderen Kindern und der Natur auseinanderzusetzen.

«Lust am Schulweg wecken»

Die neue Kampagne von Badenmobil – unterstützt von allen Gemeinden des Bezirks sowie Stadt- und Regionapolizeien – richtet sich darum weniger an die Eltern als vielmehr an die 3500 Kindergartenkinder in der Umgebung. Das Ziel: Die Kinder sollen Lust auf den Schulweg erhalten. «Eltern brauchen Druck von der Rückbank», ist Fleischer überzeugt. Die Motivation der Kinder, selbst zu laufen, sei langfristig die wirkvollste Massnahme gegen Elterntaxis. Und gleichzeitig der beste Weg, um Schritt für Schritt an Verkehrskompetenz zu gewinnen.

Die Kampagne trägt den Titel «Ich kann das, ich geh’ zu Fuss». In den vergangenen Wochen verschickten die Schulsekretariate einen Brief an die Eltern, der neben Einteilungsunterlagen auch einen Schulweg-Comic enthielt, illustriert von Globi-Zeichner Samuel Glättli. «Auf den farbenfrohen Seiten werden die Kinder auf die Lern- und Erlebniswelt des Schulweges mitgenommen. Der Comic hebt auf kindergerechte und spielerische Art die Vorteile des Schulweges hervor», sagt Fleischer. Die Eltern und Kinder sollen sich schon vor dem ersten Tag mit dem Schulweg befassen. Das zweite Element der Kampagne ist ein magnetischer Leuchtorden, den allen Kinder nach dem Verkehrsunterricht vom Verkehrinstruktor erhalten. «Der Orden soll die Kinder stolz machen und sie anspornen, den Schulweg unter die eigenen Füsse zu nehmen.»

Aus Sicht von Markus Gilgen, Verkehrsinstruktor bei der Stadtpolizei Baden, ist Prävention grundsätzlich besser als Repression. «Ich erhoffe mir von der Kampagne einen zusätzlichen Mehrwert.» Bei der Verkehrssicherheit sei sehr viel Erziehung notwendig. «Gleichzeitig müssen Eltern auch lernen, Vertrauen zu haben. Bei einigen Eltern sind übertriebene Ängste da. Es gibt Familien, die in die Nähe der Schule ziehen, damit sie ihre Sprösslinge auf dem Schulweg überwachen können.»

Ruth Müri, Stadträtin vom Team Baden, sagt über die Kampagne: «Ich bin total begeistert.» Besonders toll finde sie, dass es sich nicht um eine Mahnfinger-Kampagne handle, sondern dass die spielerischen Elemente im Vordergrund stünden. Wichtig sei auch, dass schon Kinder lernen, dass kurze Strecken sehr gut zu Fuss zu bewältigen seien. «Wer als Kind diese Erfahrung nicht macht, sitzt als Erwachsener auch für kurze Strecken ins Auto, was keine stadtverträgliche Mobilität ist.»

Renate Baschek, Gesamtschulleiterin in Neuenhof, sagte an der Pressekonferenz: «Ich arbeite seit mehreren Jahrzehnten im Dorf. Als ich frisch Lehrerin war, kam es niemandem in den Sinn, die Kinder mit dem Auto in die Schule zu fahren.» Doch von Jahr zu Jahr nehme die Besorgnis der Eltern zu, «vieles wird aus ihrer Sicht immer noch gefährlicher». Sie erkläre den Eltern oft, dass das einzig Gefährliche auf dem Schulweg der Verkehr sei, «böse Männer hinter dem Busch, wie zum Teil befürchtet wird, gibt es dort nicht». Die Kinder müssten vielmehr lernen, sich im Verkehr zu bewegen. Der Ansatz der Kampagne, die Kinder stärken zu wollen, überzeuge sie darum sehr, sagte Renate Baschek. Nicht zuletzt versuche sie den Eltern in Gesprächen klarzumachen, dass der Schulweg auch für sie selber wichtig sei: «Sie werden mit dem nicht einfachen Prozess des Loslassens der Kinder konfrontiert.»