Halb vier Uhr nachmittags. Ein kleines Mädchen sitzt auf einer Bank in Nussbaumen und weint. Eigentlich sollte sie noch von der Tagesstätte «Chinderhuus Goldiland» betreut werden. Doch stattdessen wird die Tochter von Y. Suter eine Stunde früher als abgemacht entlassen und nach Hause geschickt. Und das, obwohl auf dem Betreuungsblatt steht, dass die Mutter sie um vier Uhr abholt. Glücklicherweise trifft ein Freund von Suter auf die Siebenjährige und gibt der Mutter sofort per Whatsapp Bescheid. Diese reagiert umgehend, holt die Tochter ab und packt sogleich alle ihre Siebensachen im «Goldiland». «Natürlich habe ich die Verantwortlichen zur Rede gestellt», sagt die aufgebrachte Mutter. «Sie meinten daraufhin, bei ihnen habe sich ein Fehler eingeschlichen.» Suter ist ausser sich: «Man stelle sich nur einmal vor, was alles hätte passieren können.»

Um «anderen Eltern solche Vorkommnisse zu ersparen», wendet sich Suter an die Aargauer Zeitung. Dies nicht zuletzt, weil es sich bei besagtem Ereignis anscheinend nicht um einen Einzelfall handelt. Das wirft die Frage auf, ob das «Goldiland» personelle Probleme habe und den Anforderungen nicht gerecht werde.

Ereignis ist kein Einzelfall

Es ist nicht das erste Mal, dass Suter mit der Betreuung ihrer Tochter im «Goldiland» unzufrieden ist: «Ich wurde einmal angerufen, dass meine Tochter nicht am Mittagstisch aufgetaucht sei», erzählt Suter. «Das Telefon erhielt ich aber erst, nachdem sie bereits eine Stunde lang in der Betreuung der Tagesstätte hätte sein sollen. Bei solchen Zwischenfällen muss eine Tagesstätte einfach früher reagieren.» Ein anderes Mal habe eine Freundin die Tochter abgeholt. Obwohl die Regeln vorsehen, dass eine fremde Person nur nach einer ID-Kontrolle ein Kind abholen darf, habe man die Tochter der Kollegin einfach mitgegeben. «Da hat die Tagesstätte komplett versagt. Solche Fehler dürfen nicht passieren.»

Als alleinerziehende Mutter sei es für sie wichtig, dass sie ihre Tochter in gute Hände abgeben könne. Der letzte Vorfall habe das Fass schliesslich zum Überlaufen gebracht. So oder so wäre die letzte Woche angebrochen, in der Suters Tochter ins «Goldiland» ging. Denn mittlerweile ist die Familie umgezogen und folglich nicht mehr auf die Betreuung in der Gemeinde Obersiggenthal angewiesen. «Für die letzte Woche habe ich mich anderweitig organisiert», sagt Suter. «Ich wollte meine Tochter auf keinen Fall noch länger in die Obhut dieses inkompetenten Personals geben.»

«Tagesstätte wirkt überfordert»

Sind diese harten Worte gerechtfertigt oder handelt es sich dabei nur die Vorwürfe einer frustrierten Mutter? Andere Familien teilen Suters Meinung: «Die Tagesstätte wirkt völlig überfordert», sagt ein Vater, der anonym bleiben will. «Wir fühlen uns nicht wohl dabei, unsere Kinder in diese Tagesstätte geben zu müssen. Aber wir haben keine andere Wahl.» Denn in Obersiggenthal bietet das «Chinderhuus Goldiland» die einzige Betreuungsmöglichkeit an. Tatsächlich: Die Vorwürfe wenden sich nicht gegen einen x-beliebigen Kita-Betrieb, sondern gegen die im Januar 2017 eröffnete, sechs Millionen teure Institution. Die Gemeinde Obersiggenthal hatte sich dazumal einstimmig für ein Betreuungsangebot ausgesprochen. Finanziert wurde der Bau der Tagesstrukturen durch die Standortgemeinde. Betrieben wird die Einrichtung seither vom eigens dafür gegründeten Verein.

Präsident Benjamin Buser weiss über die geschilderten Zwischenfälle Bescheid und gibt dieser Zeitung gerne Auskunft. «Wann immer uns ein Vorfall gemeldet wird, besprechen wir das im Vorstand und melden ihn der Aufsichtsbehörde», sagt der Präsident. «Schliesslich nehmen wir die Ängste und Bedenken der Familien sehr ernst.» Im Fall der früheren Entlassung von Suters Tochter habe die Tagesstätte schnell festgestellt, dass der Fehler auf ihrer Seite geschehen sei, und sich entschuldigt. «Wo Menschen an der Arbeit sind, muss es einen minimalen Raum für Fehler geben», sagt Buser. «Aber es ist selbstverständlich, dass jeder einzelne Vorfall bedauerlich ist.» Grundsätzlich habe die Tagesstruktur aber kein Qualitätsproblem. Auch in der Qualitätsbefragung der Eltern im letzten Jahr habe das «Goldiland» sehr gut abgeschnitten. Buser dementiert die Vorwürfe zu personellen Problemen. «Wir halten uns an den Stellenplan, der mit der Bewilligung der Gemeinde vorgegeben ist.» Das «Goldiland» habe sogar mehr ausgebildetes Personal angestellt, als vorgeschrieben werde.

Schwierigkeit zu Spitzenzeiten

Der Präsident erkennt aber auch die Schwierigkeiten in den täglichen Aufgaben der Betreuerinnen und Betreuer: «Zu Spitzenstunden werden sehr viele Kinder entweder gleichzeitig gebracht oder abgeholt. Wir haben zwar ausreichend Personal, aber so viel Bewegung stellt trotz allem eine Herausforderung dar.» In einer perfekten Welt hätte man zudem immer gerne mehr Personal. «Schliesslich versuchen wir auch, die Preise tief zu halten, damit sich nicht nur gut verdienende Familien die Betreuung leisten können.»  

Auch zu den anderen Vorwürfen nimmt Buser offen Stellung: «Wir haben standardisierte Prozesse, wie etwa das Kontrollieren der ID. Diese Abläufe werden aber oft ohne böse Absicht durch Eltern oder Kinder gestört.» Da hat beispielsweise ein Vater noch eine Frage, während ein Kind bereits freudig auf eine Person zurennt und sie umarmt. Reagiert ein Kind so, sei schnell klar, dass es die Person kennt und die ID-Kontrolle rücke zugunsten des laufenden Gesprächs in den Hintergrund. «Wir müssen solche Situationen mit den Ressourcen handhaben, die uns zur Verfügung stehen.» Im Nachhinein sei es immer schwierig, solche Vorfälle zu rekonstruieren. «Wenn Eltern unzufrieden sind, sollen sie doch auf uns zukommen, damit wir gemeinsam eine Lösung finden können», sagt der Präsident. «Den Weg über die Zeitung bräuchte es nicht.»