Baden

Eine uralte Badener Tradition: Baden unter freiem Himmel – gratis

Unter den Augen der wundertätigen Verena: Kostenloses Baden auf dem Kurplatz – wie hier in einem Thermalbadebecken des Vereins Bagni Popolari. AZ-Archiv

Unter den Augen der wundertätigen Verena: Kostenloses Baden auf dem Kurplatz – wie hier in einem Thermalbadebecken des Vereins Bagni Popolari. AZ-Archiv

Mit dem Heissen Brunnen wird ein bedeutendes Stück Bädergeschichte fortgeschrieben. Falls der Einwohnerrat seinen Segen gibt, wird es wohl ab 2021 wieder ein festes Badebecken unter dem freien Badener Himmel geben.

Am Dienstag Abend muss der Badener Einwohnerrat darüber entscheiden, ob die Stadt Baden nach der Wiederbelebung des Bäderquartiers und dem Neubau des Thermalbads wieder einen «heissen Brunnen» bekommt. Die Badener Ortsbürger haben dafür bereits einen grosszügigen Kredit von 670'000 Franken gesprochen. Die Idee zu diesem Gratis-Thermalwasserbecken stammt vom Verein Bagni Popolari, der in der Vergangenheit und während der laufenden Bauphase in den Bädern schon zahlreiche Kunstinstallationen und provisorische Badebecken installiert hat.

Aus der Luft gegriffen ist diese Idee nicht: Das kostenlose Baden unter freiem Himmel ist in den Badener Bädern eine uralte Tradition, die erst im Laufe des 19. Jahrhunderts allmählich in Vergessenheit geriet. Vermutlich schon in der Römerzeit, sicher aber während des gesamten Mittelalters und der frühen Neuzeit gab es offene Becken auf dem heutigen Kurplatz. Das kostbare Badener Thermalwasser zog stets Wohlhabende, aber immer auch einfachere und arme Leute an. Sie badeten in den offenen Becken des Verenabads, die aus der St. Verenaquelle gespeist wurden. Die Heilige wird bis heute verehrt als Wohltäterin der Kranken und Verwundeten. Hier fanden die sogenannten «Badarmen» körperliche Genesung, und die Reichen konnten mit ihren Almosen etwas für ihr Seelenheil tun, wie die Historikerin und Archäologin Andrea Schaer in der jüngsten Stadtgeschichte schreibt.

Im 15. Jahrhundert wurde das Betteln in den Bädern verboten. Von da an wurden die Bedürftigen allein durch Spenden vermögender Badegäste, der Stadt und kirchlicher Einrichtungen versorgt.

Der Badener Badarmenfonds

1754 schuf dann der damalige Badener Landvogt Franz Ludwig von Graffenried den sogenannten Badarmenfonds. Bis heute erinnert ein schönes Denkmal an diesen aus privaten Spenden geäufneten Hilfsfonds: «Den Wohlthätern der Leidenden in den Bädern zu Baden zum dankbaren Andenken», steht in goldenen Lettern über den beiden Donatorentafeln im ehemaligen Inhalatorium neben dem Limmathof. Die Landvögte beauftragten die reformierten Pfarrer von Baden mit der Almosenvergabe und der Aufsicht über die Armenbäder. Die Pfarrer hatten sonst nicht viel zu tun: Sie waren vor allem für das Seelenheil der Landvögte und ihrer Familien zuständig. Ausser ihnen gab es kaum Reformierte im katholischen Baden.

Die Donatorentafeln sind gut zugänglich, die ehemalige Trinkhalle dient heute als Bäder-Infocenter. Auf den Tafeln sind die Gönner aufgelistet, inklusive Herkunft und gespendetem Betrag. Die Liste beginnt bei Landvogt von Graffenried und reicht über zahlreiche Aargauer, Zürcher und Badener Geschlechter bis zu Namen wie etwa Graf von Robinsky aus Petersburg, Levi Parson aus New York, Madame la Comtesse de Pierrefonds oder Fräulein Alida Rossander aus Stockholm. Letztere war ab 1864 eine der ersten weiblichen Bankangestellten Europas. Sie war verschwägert mit dem Schweizer Politiker und Naturforscher Friedrich von Tschudi und gerne zu Gast in den Badener Bädern.

Mit der Gründung der Helvetischen Republik ging die Armenfürsorge an die Kantone über. Seit seiner Gründung 1803 ist somit der Kanton Aargau für seine Armen zuständig. Was aus dem Badarmenfonds geworden ist, ist nicht ganz klar. In der Badener Stadtkanzlei weiss man nichts über den Verbleib des Fonds. Er wurde vermutlich in aller Stille aufgelöst. Dies, obwohl er immer noch im bis heute gültigen, kantonalen «Dekret über die Sicherung der öffentlichen Heilquellen und das Graben nach solchen in Baden und Ennetbaden» vorkommt. Darin heisst es, dass in den Badarmenfonds einzahlen muss, wer illegal eine neue Quellfassung erbohrt.

Ein Drink im heissen Wasser

Dank dem Verein Bagni Popolari und dem Bäderverein ist die uralte Tradition des Badens unter freiem Himmel wieder aufgeblüht. Vier provisorische Becken laden derzeit im Bäderquartier zum Bade: das Thermalbecken bei der Limmatquelle, das provisorische Ellenbogenbad beim Mercier-Steg, das Fussbad hinter dem Limmathof – und seit Anfang Dezember auch ein mit Schnitzereien verziertes Holzbecken auf der Terrasse des Hotels Blume. Hier kann man sich sogar über die Hotel-Gegensprechanlage direkt einen Drink von der Bar ins heisse Badewasser bestellen – fast wie einst im Armenbad, nur vornehmer. Und wenn der Einwohnerrat am Dienstag Abend seinen Segen gibt, wird es wohl ab 2021 wieder ein festes Badebecken unter dem freien Badener Himmel geben.

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