Baden

Eine Operette zwischen Betonboden und Kristalllüstern

Argovia Philharmonic und das Kurtheater führen «Die Fledermaus» von Johann Strauss in der Alten Schmiede in Baden auf.

Dass in der Alten Schmiede in Baden Fledermäuse hausen, erschien bis dato eher unwahrscheinlich. Doch jetzt ist mindestens ein Exemplar dabei, sich wohlig einzunisten. Allerdings gehört dieses nicht der Gattung Microchiroptera an. Vielmehr gehört «Die Fledermaus» zur Ordnung der klassischen Operette, zählt als Meisterwerk und ist die wohl bekannteste Operette ihrer Art: Die Handlung ist turbulent, komisch und geistreich; die Musik von Johann Strauss ein Feuerwerk köstlicher Einfälle.

Seit vier Jahren plant das Orchester Argovia Philharmonic, eine Operette ausserhalb der klassischen Variante zu produzieren. Ursprünglich sollte das in der Alten Reithalle in Aarau geschehen. Da diese umgebaut wird, ist nicht nur die Alte Schmiede ein adäquater Ersatz, sondern die zweite Kurtheater-Saison «ausser Haus» auch ein idealer Partner. «Ohne das Kurtheater als absolut gleichwertiger Partner wäre die Fledermaus-Produktion absolut undenkbar», betont Intendant Christian Weidmann.

International und lustvoll

So hat ein illustres Ad-hoc-Ensemble vor geraumer Zeit in der Alte Schmiede Einzug gehalten: Der Regisseur ist Aargauer, der Dirigent Thurgauer, der Bühnenbildner Deutscher; unter Sängern, Sängerinnen und Schauspielern finden sich nebst Schweizerinnen und Schweizern eine Französin, ein Ukrainer, ein Kanadier, ein Österreicher und ein in den USA lebender Deutscher. Sie arbeiten üblicherweise in Deutschland und der Schweiz an namhaften Häusern und nutzen die Gelegenheit, kurz vor Beginn der dortigen neuen Saison, die ehemalige Industriehalle in eine aussergewöhnliche Operetten-Bühne zu verwandeln.

Wobei «Bühne» falsch ist, denn eine solche gibt’s nicht in der langen Halle. Die elfköpfige Kammerorchester-Formation, ergänzt durch eine vierköpfige Band, nimmt auf der einen Schmalseite Platz, wird aber immer wieder szenisch eingebunden. Am gegenüberliegenden Ende der Halle sowie auf beiden Längsseiten werden zwischen 200 und 240 Zuschauer Platz nehmen können. Gespielt wird auf dem rohen Betonboden. An den Seiten hängen grün-weisse, durchsichtige Vorhänge, an der Decke vier Kristalllüster. Weitere, vorläufig noch provisorische Ausstattungs-Stücke lassen vorerst nur erahnen, wie die «Bühne» an der Premiere gestaltet und möbliert sein wird.

In diesen Wochen stecken alle Mitwirkenden tief in der Probenarbeit. Noch nehmen Gabriel von Eisenstein und Gattin Rosalinde, Liebhaber Alfred und Gefängnisdirektor Frank auf mit Kissen bestücken Harassen Platz, noch angeln sie aus den daneben stehenden Koffern undefinierbare Requisiten und Kleidungsstücke. Ein Probenbesuch macht indes rasch klar: Hier ist ein Team an der Arbeit, das nicht nur ausgezeichnet harmoniert, sondern lustvoll, mit Leidenschaft und Spass förmlich für diese «Fledermaus» brennt.

Ein Rap, ein Cajón und viele Ohrwürmer

In Anbetracht der der Hallendimension gibt Regisseur Robert Hunger-Bühler viele Anweisungen über Mikrofon: Er verfeinert Positionen, korrigiert eine Betonung, eine Geste, einen Gang, bis sie genau so sitzen, wie sein Konzept es verlangt. Zeitweise herrscht Chaos, doch auch das hat Methode. Noch sind nicht alle Darsteller restlos sattelfest in den Dialogen – im Gegensatz zu den Arien, Duetten, Couplets: Es sind wunderbare Stimmen, die Ohrwürmer wie «Trinke Liebchen, trinke schnell», «Glücklich ist, wer vergisst» oder «O je, o je, wie rührt mich dies» singen. Was aber soll der Rap mitten in der Handlung? Was der Tänzer im Taubenkostüm? Was das Cajón – die hölzerne Kistentrommel –, das Dirigent Tobias Engeli unverhofft schlägt? Gar manches in dieser Inszenierung ist überraschend und ungewohnt, aber gerade deshalb reizvoll.

Eine «Fröschin» als Frosch

Der Probebesuch weckt die Neugierde: So etwa darauf, was herauskommt wenn Prinz Orlowsky und Gefängnisdiener Frosch von ein und derselben Frau gespielt werden. Die 27-jährige Glarnerin Annabelle Sersch hat das Schauspielstudium an der Zürcher Hochschule der Künste mit dem Master abgeschlossen und ist freiberuflich tätig. Während der dekadente Prinz seit der Uraufführung 1874 von einer Frau verkörpert wird, ist das beim Frosch sehr unüblich.

Sersch findet beide Rollen «gerade angesichts der Genderdebatte» sehr spannend: «Während es relativ oft vorkommt, dass Männer Frauen performen, ist das Umgekehrte eher dünn gesät.» Um Erfahrung zu sammeln sei sie in ihren Kleidern an die Streetparade gegangen, habe sich aber einen Schnauz ins Gesicht geklebt: «Als Mann hat man klar andere Freiheiten denn als Frau.» Die junge Schauspielerin schwärmt von der Arbeit in der Alten Schmiede, das Regie-Konzept begeistert sie. So trifft sich die ganze Gesellschaft zum Schluss nicht etwa im Gefängnis wieder, sondern in einer Art Heilanstalt mit lauter Shakespeare’schen Narren.

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