Er wäre am Montag, 25. März, gerne nach Israel geflogen – an eine Ausstellung der «Gamaraal Foundation», der von seiner Tochter Anita Winter gegründeten Stiftung, die zugunsten bedürftiger Holocaust-Überlebender und der «Holocaust-Education» international tätig ist. Doch der 96-jährige Walter Strauss weilte krankheitshalber im Spital, wo er einen Tag vor dem geplanten Abflug überraschend verstarb.

«Visionärer Unternehmer und eine prägende Persönlichkeit der jüdischen Gemeinschaft. In seiner Bescheidenheit hat er Grosses vollbracht», so stand es kurz und treffend in der Todesanzeige. Ihn zeichnete eine tiefe Besonnenheit aus, sein über 40 Jahre langes Engagement in der Israelitischen Kultusgemeinde Baden, was ihn laut Yves Kugelmann, Chefredaktor des jüdischen Magazins «Tacheles», zur wichtigen Stimme aller jüdischen Kleingemeinden machte, zum Vertreter der Vernunft im Centralcomité des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), den heute sein Schwiegersohn präsidiert. Der Verstorbene hatte ein grosses Herz für die Familie und alle Bedürftigen – aus Dankbarkeit, dass er nach viel Schrecklichem in ein normales und würdiges Leben zurückfinden durfte.

«Man hat mir Sau-Jud und Dreck-Jud nachgerufen»: Der Badener Walter Strauss erinnert sich an seine Zeit in Nazi-Deutschland zurück

«Man hat mir Sau-Jud und Dreck-Jud nachgerufen»: Der Badener Walter Strauss erinnert sich an seine Zeit in Nazi-Deutschland zurück.

Gedemütigt und beschimpft

Mit Walter Strauss verstarb der bedeutendste Schweizer Zeitzeuge der Reichskristallnacht vom 9. November 1938. Er erlebte sie in Berlin im Alter von 16 Jahren und mit ihr den furchtbaren, vom Nazi-Regime angezettelten Terror gegen die Juden. Stets erwähnte er dennoch neben den schlimmen Augenblicken auch die Menschlichkeit, die er dazwischen angetroffen hatte, denn überlebt habe er nur dank glücklicher Fügungen. «Gott beschützte mich immer», sagte Strauss im Interview zu Enkel Gadi Winter, der im Buch «Dem Tod entronnen» die jüdischen Schicksale seiner Grosseltern während des Zweiten Weltkrieges eindrücklich beschreibt; das Vorwort zum Buch schrieb Ruth Dreifuss.

Walter Strauss kam 1922 in Heilbronn zur Welt als Sohn des Arztes Moses und der Mutter Elsi, in der Stadt Baden geborene Wolf, die ihn das Schweizerdeutsch lehrte. Die glücklichen Jahre waren mit der Machtübernahme Hitlers vorbei. Im Gymnasium wurde Walter gedemütigt und als «Saujude» beschimpft. Da Juden eine akademische Ausbildung verwehrt war, schickten ihn die Eltern erst für zwei Jahre ins waadtländische Bex.

Der Vater musste die Praxis schliessen, und die Eltern flohen mit zwei Geschwistern von Walter nach Schaan in Liechtenstein. Walter erhielt jedoch keine Einreisegenehmigung. Die Eltern schickten ihn nach Berlin zu einem Onkel, der ihm eine Schneiderlehre in einem jüdischen Betrieb vermittelt hatte. In Berlin war aber die antisemitische Hetze massiv. Walter Strauss über damals: «Wenn Sie diesen Hass täglich erleben, fühlen Sie sich irgendwann selber minderwertig.»

Stadtturnverein wollte ihn nicht

Das Ausmass des Terrors erkannte der 16-jährige Walter an den Novembertagen 1938, als jüdische Geschäfte zerstört und Synagogen angezündet wurden, doch niemand eingriff und die Feuerwehr nur die Nebengebäude schützte. Am 10. November ersuchte er in der Schweizer Botschaft auf Schweizerdeutsch um ein Visum, habe er doch seine nächsten Verwandten in Baden. «Wir wollen keine Juden», hiess es barsch. Mit zeitlich beschränktem Visum durfte er nach Liechtenstein. Von dort ging er nach Genf in eine Handelsschule.

Im Mai 1940, als die Schweiz nach Hitlers Einmarsch in Frankreich die Generalmobilmachung ausgerufen hatte, holte ihn Onkel Alfred Wolf von Genf in die Kleiderfabrik Wolf nach Baden, deren Führungspersonal Aktivdienst leisten musste. Den Antisemitismus bekam Walter Strauss auch in Baden zu spüren. Wiederholt drohte ihm die Ausschaffung nach Deutschland. Man nahm ihn nicht im Stadtturnverein auf, und als er von einer Person denunziert wurde, erhielt er die schriftliche Aufforderung, innert 48 Stunden die Schweiz zu verlassen.

Dank guter Beziehungen seines Onkels zu einem aargauischen Nationalrat erhielt er vom Bundesrat die Bewilligung zu bleiben, später einen unbefristeten Ausländerausweis. Es sei eine Zeit der ständigen Angst gewesen, besonders vor einem Einmarsch der Nazi-Truppen, erinnerte sich Strauss immer wieder.

Nach Kriegsende bürgerte ihn die Stadt Baden ein. Sie war Ausgangspunkt seiner politischen Tätigkeit für die jüdische Sache. Er wurde zum Fürsprecher eines Staates Israel, dessen Gründung für ihn als grösstes Ereignis im Leben galt, weil sie allen Juden in der Welt die Freiheit brachte. Wiederholt warnte er vor antisemitischen Tendenzen, in der Schweiz wie draussen in der Welt.

«Der Weg zur Barbarei ist kurz»

1961 lernte Walter Strauss im Tessin in den Ferien die Holocaust-Überlebende Margit Fern kennen, und man heiratete sehr bald. Der Ehe entsprossen 4 Kinder, eine Generation danach 14 Enkelkinder. Die jüdische Erziehung und eine Ausbildung in guter Qualität waren für Walter Strauss und seine Ehefrau Margit ein hohes Gut. Dazu gehörte nebst dem Religionsunterricht auch die Pflege der Traditionen wie des Sabbat, an dessen Tag sein Haus auf der Badener Allmend den Menschen offenstand.

1964 übernahm er die Kleiderfabrik auf dem Gstühlareal. Sie wurde zu einer der grössten Vertretungen Schweizer Textilindustrie mit bis 2000 Mitarbeitenden in ganz Europa. Etwas später wurde sie zur «Strauss AG Kleiderfabrik Baden» und verlegte wegen Platzmangels den Produktionsstandortort nach Spreitenbach. Strauss galt bei Mitarbeitenden wie Geschäftspartnern als hochgeschätzter Patron. Bis zuletzt, als das Unternehmen zur Handelsfirma mutierte, blieb er aktiv für das Geschäft tätig.

Die Welt dürfe nie vergessen, wozu Menschen fähig seien, sagte Walter Strauss immer wieder. Und im hohen Alter erklärte er in einem Gespräch, zwischen Hoffnung und Resignation: «Ich glaube nicht, dass die Menschen aus der Geschichte lernen und gescheiter werden. Ich bin Realist. Der Weg von der Zivilisation zur Barbarei ist kurz.»