Die Mauer an der frisch renovierten Neuen Aargauer Bank (NAB) war während Wochen hinter Baustellenzäunen und Tüchern verborgen, bevor sie am Samstag mit einem kleinen Festakt enthüllt wurde.

Jetzt prangt hier auf einer Fläche von 13 mal 3,3 Metern Spierenburgs neuestes Werk mit dem Titel «Fliese und Fuge – Tile and Joint». Es besteht aus weissen und hellgrauen Feinsteinfliesen, die je nach Blickpunkt eine dreidimensionale Treppe darstellen. «Die Leute bleiben stehen und schauen gespannt», sagt Spierenburg bei einer Werkbetrachtung vor der Einweihung und lächelt. «Ein älterer Herr hat während des Aufbaus neugierig auf die Plättli geklopft. Er hat mir erzählt, dass er 40 Jahre lang Platten verlegt hat.»

Jede Platte als Unikat in Portugal gebrannt

So einfach die Fliesen auf den ersten Blick aus der Nähe wirken, so aufwendig und intensiv war die Vorbereitung. Keine der fragilen Platten ist gleich gross. Spierenburg hat sie in der Brennerei Viúva Lamego in Portugal brennen lassen – ein Traditionsunternehmen, das die berühmten portugiesischen Azulejos herstellt.

In der Schweiz gibt es keine Brennöfen, in denen so grosse Fliesen gebrannt werden könnten. Die grösste Platte misst allein fast zwei Meter in der Länge, die kleinste nur wenige Millimeter. In Portugal wurden sie zugeschnitten, glasiert und nach Baden verschickt.

Veronika Spierenburg ist in Remetschwil aufgewachsen und hat in Baden die Bezirksschule besucht. Die 38-Jährige hat in Aarau den gestalterischen Vorkurs gemacht und danach in Basel, London und Amsterdam studiert. Sie wohnt heute in Zürich und hat zeitweise auch in Peking, Helsinki und in Brasilien gelebt und gearbeitet. «Mir ist es wichtig, etwas von der Welt zu sehen und den Horizont zu erweitern», sagt Spierenburg. Aber sie kehre auch gerne in den Aargau zurück. 2016 hat sie in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg eine Mosaikwand gestaltet, die nur die Insassen und die Wärterinnen und Wärter sehen. Der Öffentlichkeit bleibt das Werk verborgen.

«Hier in Baden ist genau das Gegenteil der Fall», sagt Spierenburg. «Im Metro-Shop huschen viele Passanten einfach vorbei. Hier ist man nicht richtig drinnen und nicht richtig draussen. Der Ort hat mich nicht mehr losgelassen.» Bei der Konzeption hat sich die Künstlerin auch stark mit der Geschichte des Kurorts Baden beschäftigt. «Es war für mich fast eine Offenbarung, was in der Stadt Baden alles läuft.» Sie sei fasziniert von der reichen Geschichte des Weltkurorts, der sich allmählich zur Industriestadt wandelte.

«Eine Vorlage für die gekachelte Treppe waren die gefliesten Badebecken der Thermalbäder», erzählt Spierenburg. Es gibt auch eine Verbindung zum Mosaik im Kurbrunnen von Karl Otto Hügin am Ennetbadener Hirschenplatz. «Stufen, Thermalwasser und Badegäste werden in diesem Mosaik in Szene gesetzt», sagt Spierenburg. In ihrem Werk sind keine Badenden abgebildet, die vorbeieilenden Menschen am Bahnhof übernehmen diese Rolle.

Bis zum Umbau der NAB-Geschäftsstelle hingen an dieser Wand die leuchtenden Porträts des Zürcher Künstlers Christian Vetter. Sie waren 2003 im Rahmen des «Kunst und Bau»-Projekts «Infolge» rund um den neu gestalteten Bahnhof aufgehängt worden. Vetters Bilder waren nach 15 Jahren so stark verblasst, dass die NAB in Absprache mit ihm entschied, einen Wettbewerb für einen neuen «Kunst und Bau»-Beitrag auszuschreiben. Die Kosten für den Wettbewerb hat die NAB übernommen, das Werk haben Bank und Stadt je hälftig bezahlt. Eigentümerin ist die Stadt Baden.

«Ich glaube, ich habe mein Ziel erreicht»

Das Anbringen der «Plättli» in den letzten anderthalb Wochen sei eine riesige Herausforderung gewesen, erzählt Veronika Spierenburg. «Vieles war bei diesem Werk Ausprobieren und Versuchen. Aber wenn ich eine Idee habe, kann ich sehr hartnäckig sein und habe einen starken Glauben, dass es möglich ist», sagt sie. «Es hat geklappt, auch dank der grossen Hilfe meiner Freunde und Projektpartner.»

Und sie freue sich über die ersten Reaktionen. Sie reichen von «Sieht aus wie Kunst» bis zu «Kann man auf der Treppe sitzen?». «Ich glaube, ich habe mein Ziel erreicht», sagt Spierenburg und lächelt wieder.