Modelleisenbahnen

Eine heile Welt aus Blech und Draht: Im Kindermuseum werden alte Eisenbahnen zu neuem Leben erweckt

Seit 25 Jahren stellen die «Tin Platers» ihre aus Weissblech bestehenden Modelleisenbahnen im Schweizer Kindermuseum in Baden aus. Ebenfalls schon ein Vierteljahrhundert lang existiert der Verein - ein Rückblick auf eine lange Ära.

Noch steckt sie in Kisten, Plastikverpackungen und Zeitungspapier. Die heile Welt aus Blech und Draht. Fein säuberlich sind Eisenbahnen, kleine Bäume und filigrane Figürchen verpackt. Von Peter Erni, Peter Sulzer und Armin Winiger konserviert und bewahrt. Kein Staubkörnchen befleckt die Raritäten. Und doch haben die Modelleisenbahnen aus Blech viel erlebt und gesehen. Bahnhof, Hügel, Wald, Tunnel.

Und dann alles wieder von vorne. Bahnhof, Hügel, Wald, Tunnel. Ein ganzes Vierteljahrhundert lang.
Einen grossen Erfahrungsschatz bringen auch die «Tin Platers» mit. Die Senioren haben sich voll und ganz den Modelleisenbahnen verschrieben. Ursprünglich aus vier Mitgliedern bestehend, wurde der kleine Verein 1995 gegründet. Benannt haben sich die Sammler nach ihren aus Weissblech bestehenden Eisenbahnen (Englisch: «tin plate»).

«Wir haben schon von Kindsbeinen an ‹gisebähnlet›, haben uns so kennen gelernt», sagt Winiger. Im Schweizer Kindermuseum Baden fand man schnell einen Partner, von den nahezu jährlich stattfindenden Ausstellungen profitieren beide Parteien. Seit 25 Jahren bringen die Senioren ihre Sammlung den kleinen und grossen Besuchern näher. «Damals haben wir ganz bescheiden unsere erste Anlage vorgeführt. Seither sind wir stets grösser geworden», so Winiger.

Die Begeisterung ist noch immer spürbar

Seit im letzten Jahr ihr Freund Angelo Caduff verstorben ist, sind die «Tin Platers»nun nur noch zu dritt unterwegs. Das Durchschnittsalter von achtzig Jahren ist längst erreicht – und doch ist die Begeisterung noch immer spürbar. Im Blaumann steht Peter Sulzer in der Mitte der Anlage und werkelt emsig an ihr herum. Das Sprechen überlässt er seinen Kollegen, lieber fokussiert er sich auf sein Werk.

Nur manchmal wirft er ein paar Worte ein. Etwa, als es darum geht, warum die Senioren noch immer an ihrer Leidenschaft festhalten. «Das ist wie ein Bazillus», sagt er. Wie Schuljungen brechen die Senioren nach dieser Aussage in Gelächter aus. «Wenn man einmal das Virus hat, dann wird man ihn so schnell nicht mehr los», ergänzt Erni. Schnell kramt er ein Stück Papier hervor, auf dem ein altes und fast schon verblichenes Foto der Tin Platers klebt.

Die drei Herren schwelgen in Erinnerungen, schwärmen von der Badenfahrt vor 23 Jahren. Im Schuppen des alten Güterbahnhofs durften die Tin Platers damals mit Kollegen aus England eine Anlage aufbauen. «Das war das Grösste, was wir je geschaffen haben», sagt Winiger. Seither wurde auch an ihrer eigenen Ausstellung stets gefeilt: «Sie wurde immer noch perfekter und schöner. Jetzt sind wir langsam auf dem Zenit.»

Keine Angst um die Sammlerstücke

Jünger werden sie alle nicht mehr, auch die Anlage nicht – das älteste Stück stammt aus den 1920er-Jahren. Und doch steht jedes noch so kleine Figürchen stolz da. Gerade so, als würde es sehnlichst darauf warten, endlich wieder von Kinderhänden liebkost zu werden. Angst um ihre Sammlerstücke haben die Tin Platers trotzdem nicht. «Die Kinder verhalten sich sehr gut. Damit die Züge richtig fahren können, pflegen wir die Schienen zusätzlich immer wieder», sagt Erni.

Armin Winiger von den «Tin Platers» spricht über die Modelleisenbahnausstellung (Beitrag aus dem Jahr 2018)

Armin Winiger von den Tin Platers spricht über die Modelleisenbahnausstellung

Er verweist auf die Drehscheibe zum Rangieren der Züge und den kleinen Kran, mit dem die Kinder spielen dürfen. Trotz der Digitalisierung verneinen alle unisono, dass die Kinderschar an den Ausstellungstagen abgenommen hat. «Was wir allerdings festgestellt haben, ist, dass die Kinder immer weniger manuelle Fähigkeiten haben. Es hat in all den Jahren ein Wandel stattgefunden», sagt Winiger.

Eine Ära neigt sich langsam dem Ende zu

So hat auch der Verein mit einem Nachwuchsproblem zu kämpfen. «Es ist schwierig. Mit der ganzen Technik ist heute niemand mehr vertraut», sagt Winiger. «Heute ist alles digital und elektronisch. Es ist nicht mehr die elektromechanische Welt, in der wir aufgewachsen sind.» Nachfolger hat das Trio noch nicht gefunden. Dass sich eine glanzvolle Ära langsam dem Ende zuneigt, steht wohl oder übel fest.

«So ist das halt eben», erklingt es aus der Ecke von Sulz, bevor er sich wieder um den Aufbau kümmert. Trübsal wollen die drei nicht blasen. Was zählt, ist schliesslich die Freude an der Sache. «Es ist immer wieder schön, die leuchtenden Kinderaugen sehen zu können», so Winiger.

Auch in einer heilen Welt gibt es manchmal Risse. Doch mit viel Zuwendung und Liebe werden diese gekittet. Bahnhof, Hügel, Wald, Tunnel. Und dann alles wieder von vorne. Bis jetzt hat das immer gut geklappt.

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