Bezirksgericht Baden
Eine «Flättere» oder eine Tracht Prügel? 23-Jähriger zu unbedingter Haftstrafe verurteilt

Nach einem Streit vor einem Badener Club verprügelt ein 23-jähriger Schweizer einen 34-jährigen Eritreer. Der Angeklagte kassiert eine unbedingte Haftstrafe.

David Rutschmann
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Das Bezirksgericht am Schulhausplatz Baden.

Das Bezirksgericht am Schulhausplatz Baden.

Walter Schwager

Leichtes Schädelhirntrauma, mehrfacher Bruch des Bodens der rechten Augenhöhle, Bruch der Vorder- und Seitenwand der rechten Kieferhöhle, mehrfacher Nasenbeinbruch sowie oberflächliche Schürfungen und Einblutungen hinter dem rechten Ohr. Soweit die Bestandsaufnahme des Aarauer Kantonsspitals bei Semere (alle Namen von der Redaktion geändert). Er war im März 2019 hinter einem Club in Baden geschlagen worden − besser gesagt brutal zusammengeschlagen, wenn man Zeugenaussagen Glauben schenkt. Denn der heute 34-jährige Eritreer kann sich nicht an diesen Vorfall erinnern, laut der Badener Staatsanwaltschaft leidet er unter Amnesie.

Die Polizei ermittelte den heute 23-jährigen Schweizer Lukas als Täter. Dieser musste sich nun vor dem Badener Bezirksgericht verantworten. Lukas ist gross und bärtig, er hat die Haare zum Man-Bun gebunden. Der legere Anzug kaschiert, wie gut gebaut er eigentlich ist. Der Staatsanwalt reicht dem Gericht Fotos des Angeklagten, die ihn im Boxring zeigen. Es soll zeigen: Wenn so einer einen schmächtigen Kontrahenten ins Gesicht schlägt, sieht der bestenfalls Sterne. Doch was war passiert?

Lukas war in jener Samstagnacht zum ersten Mal in Baden gewesen. Gemeinsam mit einer Kollegengruppe und seiner neuen Freundin war er nach einer Geburtstagsfeier in einem Club in Baden. Kurz vor Clubschliessung nahmen die Ereignisse ihren Lauf: Die Freundin − sie ist nicht als Zeugin vorgeladen und noch nicht mal namentlich in der Anklageschrift erwähnt − will von Semere sexuell belästigt worden sein. Er habe sie bedrängt und ihr von hinten an die Brüste gefasst, da habe sie ihm den Ellbogen ins Gesicht gerammt. Für diesen Vorfall gibt es keine Zeugen, doch Semere ist im Nachgang mit einer blutigen Nase unterwegs. Vor dem Club entspannt sich eine Diskussion, auch die Security-Mitarbeiter beteiligen sich.

Lukas sagt aus, dass Semere seine Freundin bedroht und beleidigt habe, aber auch für diese Äusserungen gibt es keine weiteren Zeugen. Semere reagierte nicht auf die Aufforderungen des Türstehers Markus, nach Hause zu gehen. Stattdessen wollte er wieder rein, weiter diskutieren. Der alkoholisierte Lukas nervte sich zunehmend an der Situation. Zudem sei er von Markus angestachelt worden, Semere in einer Seitenstrasse eine Abreibung zu verpassen. Das bestätigen auch zwei Zeugen, die kurz vor Schliessung des Clubs noch hineinwollen. Der Türsteher sei nicht deeskalierend gewesen, sondern habe die Situation angeheizt. Ein Zeuge spricht zudem von rassistischen Äusserungen einer weiteren Security-Mitarbeiterin.

Diese Vorwürfe weist Markus zurück. Der grosse, schwere Mann spricht mit leiser Stimme, man muss ihn mehrmals zum lauteren Sprechen auffordern. Er arbeitet «quasi seit der Club aufgemacht hat» als Türsteher dort, zusätzlich zu seinem 100-Prozent-Job als Lokomotivführer. Entsprechend müde sei er an diesem «Feiermorgen» gewesen. Der Streit vor dem Club habe ihn schon hässig gemacht. Als erfahrener Türsteher wisse er eigentlich, was er in solchen Situationen zu tun habe: die Polizei rufen. Warum er das in diesem Moment nicht getan habe, könne er nicht mehr sagen.

Welche Schuld trägt der Türsteher des Clubs?

Nachdem Semere nicht gehen wollte, packt Markus ihn (die Zeugen sprechen vom Schwitzkasten sowie stossen) und drückt ihn in einer Seitenstrasse an die Wand, um ihm klarzumachen, dass er nach Hause gehen soll. Markus will vergessen haben, dass Lukas in seinem Groll zuvor in diese Strasse gegangen war. Ebenso streitet er ab, Lukas angeboten zu haben, Semere für die Abreibung dorthin zu bringen. Doch genau so wurde die Situation von Lukas aufgefasst. Er beteuert, Semere dann ein einziges Mal ins Gesicht geschlagen zu haben. Markus, der erfahrene Türsteher, will absolut perplex gewesen sein durch den «plötzlichen Schlag». Er liess Semere fallen, der auf dem Boden aufprallte. Ob noch Schläge folgten, kann Markus nicht bezeugen.

Doch die feierlaunige Gruppe, die vor dem Club gewartet hatte, beobachtet die Szene. Vier Leute sagen später aus, dass Lukas Semere mehrmals massiv ins Gesicht schlug, auch schon, als dieser bereits bewusstlos am Boden lag. «War das eine Angelegenheit Mann gegen Mann?», fragt Gerichtspräsident Christian Bolleter. Der Zeuge stösst einen Lacher aus: «Sehen Sie sich die beiden mal an.» Tatsächlich ordnet der Anwalt des schmächtigen Semere an, dass sich Lukas, Semere und Markus nebeneinanderstellen sollen.

Lukas blieb bei seiner Verteidigungslinie: Eine «Flättere», mehr war da nicht. Das hätten die Zeugen im Dunkeln von weitem gar nicht sehen können und der Türsteher müsste sich doch daran erinnern. Die schlimmen Verletzungen habe sich Semere beim Sturz zugezogen. Oder, wer weiss, vielleicht hat Markus auch noch zugeschlagen. Lukas spricht energisch und so schnell, dass das Gericht ihn manchmal bremsen muss. «Ich würde nie auf jemanden einschlagen, der schon auf dem Boden liegt», sagt er. Während Lukas also wegrannte, als die Zeugen zu Semere eilten, half Markus zumindest, Semeres Kopf aus der Blutlache zu heben und ihn in stabile Seitenlage zu legen. Markus hatte seinen Strafbefehl akzeptiert, er wurde wegen einfacher Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen verurteilt.

Bei Lukas sieht das anders aus: Die Staatsanwaltschaft geht von einer versuchten schweren Körperverletzung aus, fordert eine unbedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren für den wegen Schlägereien vorbestraften Lukas. Die Versuche seines Verteidigers, die einfache Körperverletzung und eine bedingte Freiheitsstrafe rauszuschlagen, bleiben vergebens. Das Bezirksgericht glaubt den Zeugenaussagen und verurteilt Lukas zu 28 Monaten Freiheitsstrafe. Weil das Gericht ihm aufgrund seiner Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren jedoch gute Prognosen ausstellt, setzt sie die Strafe teilbedingt aus: 10 Monate in Haft, 18 bedingt aufgeschoben für zwei Jahre. Hinzu kommen 3000 Franken Genugtuung für Semere.