Das Kerzenlichtkonzert in Kaiserstuhl zählt für viele Besucher des Festivals der Stille zu den Höhepunkten. Dieses Jahr mehr denn je: Die ukrainische Pianistin Valentina Lisitsa füllte nicht nur die Kirchenbänke, sondern zusätzliche Reihen im Kirchenschiff, auf der Empore und im Chor.
Allerdings mussten sich die Kunstfreunde gedulden: Ursprünglich war eine Probe von 17 bis 19 Uhr geplant, um 20.30 Uhr ein kurzes Interview. Aber Lisitsa spielte und spielte, mit geschlossenen Augen, ohne Noten, auf dem Bösendorfer Flügel, selbst als die Veranstalter die Kerzen anzündeten. Kurz nach halb neun fragte die künstlerische Leiterin des Festivals, Daria Zappa, ob man die Leute reinlassen dürfe? Ganz erstaunt sah Lisitsa auf die Uhr: «Oh, so spät schon?» Beantwortete dann doch noch kurz Fragen: Nein, sie spiele nicht das erste Mal in der Schweiz. Aber eine Premiere sei es auch für sie.

Chopin bei Kerzenlicht

Seit Jahren wollte sie diese Musik bei Kerzenlicht spielen, aber bis jetzt hätten alle abgewehrt: Feuerpolizei, Sicherheit, viel zu gefährlich. Dass es in dieser wunderschönen Kirche nun möglich sei, mache sie sehr glücklich. Beim Konzert hat der Youtube-Star Noten vor sich und einen Umblätterer an der Seite, spielt aber die meiste Zeit mit geschlossenen Augen. Die Haare fallen ihr ins Gesicht, das erstaunlich leer wirkt – als wäre die ganze Konzentration nach innen gerichtet.

Der YouTube-Star Valentina Lisitsa bezauberte das Publikum in der St.Katharinakirche in Kaiserstuhl – ganz ohne Starallüren.

Der YouTube-Star Valentina Lisitsa bezauberte das Publikum in der St.Katharinakirche in Kaiserstuhl – ganz ohne Starallüren.

Auf der Leinwand über ihr sind es die Hände, die beeindrucken: Gross und kräftig tanzen sie über die Tasten. Die Finger streicheln und schmeicheln, scheinen wie von selbst über weiss und schwarz zu kullern, dazwischen gespannt zu verharren und, in den seltenen Forti, auf die Flügel-Tasten zu hämmern.

Das Publikum ist wie verzaubert. Kaum ein Ton ist zu vernehmen, und als Lisitsa vor der Pause den letzten Ton nachklingen lässt, dauert es eine Weile, bis der Applaus einsetzt.

«Next time, you play for me»

Auf dem lichtergeschmückten Platz vor der Kirche serviert der gemeinnützige Frauenverein von Kaiserstuhl einen Apéro, und eine Jugendliche überschlägt sich vor Dankbarkeitsbekundugen bei ihrer Patentante. Der Konzertbesuch war ein Überraschungsgeschenk an das Mädchen, das selber Klavier spielt und eben den ersten eigenen Flügel erhalten hat. Lisitsa ist ihr Idol, und auch wenn sie wohl nie so gut werde wie diese, möchte sie einmal Pianistin werden. «Das ist der schönste Tag meines Lebens», meint sie, und weiss noch nicht, dass der Tag für sie noch schöner werden wird.
Der zweite Teil des Programms – Lisitsa spielte da schon seit über vier Stunden – verlief genau so packend und eindrücklich. Umso störender war ein Handywecker im Publikum, der während Minuten schrillte, ohne dass der Verursacher etwas dagegen unternommen hätte. Diesmal dauerte die atemlose Stille nach dem Schlussakkord eher noch länger – der Applaus aber auch.
Valentina Lisitsa nahm Blumen und Ovationen mit einer Verbeugung entgegen – immer auch nach hinten, zu den Leuten im Chor – und spielte als Zugabe, mit viel Temperament die Ungarische Rhapsodie. Und dabei flog ab und zu ein Lächeln über ihr Gesicht.
Und dann, kurz nach 23 Uhr, als der Youtube-Star seit fast sechs Stunden hoch konzentriert gespielt hatte, nahm sie sich kurz Zeit für ihren jugendlichen Fan: Ein paar Sätze auf Englisch, ein paar Fotos. Und sagte zum Abschied: «Next time, you play for me.»
Der zweite Teil des Festivals der Stille findet vom 24. bis 26. August statt. Siehe www.festivalderstille.ch