Baden

Ein regelrechtes Wechselbad der Gefühle am Festival «One of a Million»

Die Zuhörer lauschten im Badgasthof zum Raben den Klängen von Oussema Gaidi und genossen das warme Thermalwasser.

Die Zuhörer lauschten im Badgasthof zum Raben den Klängen von Oussema Gaidi und genossen das warme Thermalwasser.

Der zweite Auftritt von Oussema Gaidi alias YNFL-X am Badener Musikfestival stand im Zeichen der Badekultur.

«Der zweite Auftritt von Oussema Gaidi nach dem ersten im Werkhof sollte bewusst ein ganz anderes Liveset sein», sagt Kathrin Doppler vom Verein Bagni Popolari, die mit Maria Bänziger die Ausstellung unter dem Titel «Körper.Baden.Flow» kuratiert. Bevor diese zu Ende geht, erfährt sie in Kooperation mit dem Musikfestival «One of a Million» (OOAM) eine neuerliche, bereichernde Facette. Das Festival und Bagni Popolari spannen zusammen und bieten dem Publikum im Badgasthof zum Raben einen Kunstgenuss, den die meisten bislang so noch nie erlebt haben.

Zwischen 15 und 20 Personen haben sich dazu entschlossen, Gaidi im Thermalwasser zu lauschen. Nur wenige sitzen noch vollends angezogen im Trockenen. Räucherstäbchen verströmen ihren betörenden Duft. Kerzen säumen den hölzernen Beckenrand, auf dem die einen sitzen und die anderen Gläser und Flaschen abstellen. Was Gaidi eigens für diesen Donnerstagabend zusammengestellt hat, ist nicht gerade typische Chill-Musik, kein «easy listening» zum Entspannen. Manchmal tönt es mitunter bedrohlich, düster, alarmierend beim Klang von Polizeisirenen. Dennoch: Viele legen den Kopf auf den Beckenrand, schliessen die Augen, vergessen Raum und Zeit. Doch dann schmerzen wieder die Pfeiftöne in den Ohren. Der Tunesier schickt seine Zuhörer durch ein Wechselbad der Gefühle.

Konzertbesucher Charly Büchi aus Zürich geht nach dem Konzert duschen. Und sagt: «So eine Location habe ich bislang noch nie erlebt, auch nicht bei uns Zuhause.» Aber: «Mir war es manchmal bei 39 Grad echt zu warm. Deshalb bin ich auch manchmal aufgestanden.» Büchi kennt den «Raben» noch aus der Zeit, als dort regulär Badbetrieb stattfand. Bis 1996 hat er in der Badener Römerstrasse gewohnt. Er findet: «Zum Chillen hätte die Musik ein wenig ruhiger sein müssen, aber es war trotzdem inspirierend für mich.» Anna Roth aus Turgi hat das rund 50-minütige Konzert ebenfalls genossen: «Anfangs etwas fremd, habe ich es dann doch als angenehm empfunden. Für mich eine tolle Meditation.» Auch die Enge des Wasserbeckens war für sie kein Problem: «Das war ganz entspannt, wie als hätte ich den Raum für mich allein, überhaupt nicht aufdringlich.» Kathrin Doppler hat die Performance genauso gut gefallen: «Für mich war das schon fast hypnotisch, tranceartig.»

Auch Oussema Gaidi denkt, dass ihm das Element Wasser, für ihn der «Kontakt zum Universum», dabei geholfen hat, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. «Wer im Wasser liegt, ist entspannt und hat so einen besseren Zugang zur Musik.» Bezüge zu den orientalischen Badestellen in seinem Heimatland, den Hamam, habe er mit seinem Konzert herstellen wollen, erzählt er. Aber nicht nur das. «Ich habe musikalisch eine Geschichte erzählt», nicht frei von Aggressivität und Spannungen. So ist es eine akustische Reise ins Ungewisse, in fremde Welten, die nicht nur dahinplätschern soll, sondern auch gerne mal Wellen schlagen. Das dürfte sein zweiter OOAM-Auftritt erreicht haben.

So tiefenentspannt im heissen Thermalwasser waren die Badener dem nordafrikanischen Künstler gute Botschafter der Schweiz. «Ich bin zuvor noch nie in der Schweiz aufgetreten», sagt Oussema Gaidi. «Aber was ich jetzt von den Schweizern weiss, ist, dass sie ‹amazing› sind – gastfreundlich, offen, tolerant. Wir haben uns hier gleich wohlgefühlt.»

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