Baden

Ein Pianist mit klarer Tonalität und emotionaler Spannweite

Die Liste der Auszeichnungen für das musikalische Schaffen des Pianisten Oliver Schnyder ist lang. Er spielt nicht nur auf den Weltbühnen, sondern jedes Jahr auch im Gartensaal der Villa Boveri für Freunde, Bekannte und Familie.

Den kleinen, aber stilvollen Gartensaal der Villa Boveri in Baden nutzte Walter Boveri bereits zu Lebzeiten für Hauskonzerte. Auch für Oliver Schnyder, der als Pianist schon grosse Konzerthallen in London, Tokio und New York bespielt hat, fühlte es sich am vergangenen Wochenende an, als gäbe er sein jährliches Hauskonzert. Seit 2011 spielt der in Brugg geborene und heute in Wettingen lebende Pianist jeweils zum Jahresbeginn in der Konzertreihe von Marina Korendfeld.

«Es ist das Konzert, das ich Freunden und Bekannten empfehle, die mich fragen, wann ich wieder einmal in der Gegend spiele», sagt er. Weil der Andrang so gross ist wie Oliver Schnyders Repertoire umfassend, wurde das Konzert vor sechs Jahren auf drei Musikabende ausgeweitet.

Von Beginn weg in Bann gezogen

Das Solorezital beginnt Schnyder an diesem ersten der drei «Januarabenden» mit der Sonate Nr. 4 von Carl Maria von Weber. Die frischen Stücke in e-Moll nehmen die Zuhörerinnen und Zuhörer gleich von Beginn weg in den Bann und lassen höchstens die Frage aufkommen, weshalb man dem Namen von Weber nicht schon eher begegnet ist. In seiner klaren Tonalität und emotionalen Spannweite steht er einem Felix Mendelssohn nämlich in nichts nach. Dessen Variations sérieuses spielte Oliver Schnyder denn auch im Anschluss und führte damit die geistige Verwandtschaft der Musiker gleich vor.

Voll dunkler Dramatik liess Schnyder in der zweiten Hälfte des Abends die Sonate Nr. 6 des russischen Komponisten Sergei Prokofiev, die erste der «Drei Kriegssonaten», erklingen. Auf virtuose Weise transportierte er im Allegro Moderato, das sich zuweilen hart an der Grenze zur Dissonanz bewegt, die ganze unheilvolle Energie des Stücks.

Das Allegretto, welches darauf folgte, evozierte mit seinem abgetrennten Akkorden, dem Staccato, eindringlich Bilder eines Marsches herauf. Die Kriegssonate, so erzählte Schnyder später, hatte er bis zur erneuten Einübung fast zwei Jahrzehnte nicht mehr angefasst. Damals lebte Schnyder in Amerika, studierte an der Manhattan School of Music in New York und in der Meisterklasse von Leon Fleisher in Baltimore. 2000 gab er sein Debüt Rezital im John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington D.C., und Prokofievs Stück, das damals in Amerika weitgehend unbekannt war, war Schnyders «Schlachtpferd». «So viele Jahre später ist das Stück immer noch in meinem Bewegungsapparat gespeichert. Aber heute spiele ich es anders. Ich bin älter geworden, habe mich weiterentwickelt. Das fliesst auch ins Spiel ein», sagte Schnyder.

Bei den Zuhörerinnen und Zuhörer jedenfalls löste das Konzert im Gartensaal der Villa Boveri grossen Beifall aus. Gleich zwei Mal musste Oliver Schnyder eine Zugabe geben und bediente sich dabei ex memoria bei Stücken von Johann Sebastian Bach und Johannes Brahms.

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