Bei der katholischen Stadtkirche versammeln sich um Punkt 16 Uhr nebst einer Hochzeitsgesellschaft auch ein erweiterter Chor des Vocal-Ensembles Baden und ein gespanntes Publikum von 36 Gästen im Alter zwischen 10 und 90 Jahren. Der Dirigent Martin Hobi hat sich schon vor einiger Zeit gefragt, was wohl hinter den vielen Haus-Inschriften in Badens Altstadt für Geschichten verborgen sein könnten. Für den Wortzauberer Simon Libsig war dies die Herausforderung zum Dichten von Reimen, vertont wurden sie von Raphael Holenstein.

Schon hebt der Chor vierstimmig zum ersten Lied an und heisst die Gäste willkommen. Stadtführer Hanspeter Hochuli erzählt die Geschichte vom Engelwirt Samuel Hauri, der vor hundert Jahren als «Bauernfänger» erfolgreich die Bauern am Markttag mit warmer Suppe in seinen Gasthof lockte. Denn diese waren hungrig und verfügten über eine volle Kasse.

Er erklärt: «Im Mittelalter gab es noch keine Hausnummern, deshalb wurden die Häuser nach Tieren und Berufen beschriftet: Etwa zur wilden Ente, garniert mit folgendem Reim: «Zur wilden Ente, die noch auf dem Grill um Hilfe flennte, und aus marinierter Brust ein Wunder beschwor, bis der Koch frustriert den Hunger verlor.»

Von den Vorträgen über wahre und erfundene Geschichten, in Prosa und in Reimen, und den dazu passenden Liedern – aber natürlich auch von den schönen alten Häusern mit ihren Inschriften – lassen sich die Gäste verzaubern und wandern so gespannt hinterher wie die Kinder hinter dem Rattenfänger von Hameln. Stadtammann Markus Schneider sagt: «Ich war neugierig, was sie uns erzählen, und bin begeistert. Sie entführen mich in meine eigene Vergangenheit und erhellen die Gegenwart.» Vor dem gelben Haus des ehemaligen Scharfrichters in der unteren Halde pflichtet ihm Ilse Gabriel aus Ennetbaden bei: «Baden ist doch immer wieder für eine kulturelle Überraschung bereit.»

Beim ehemaligen Gefängnis erzählt der Stadtführer über Bernhart Matter, den früheren Robin Hood und Don Juan der Stadt. Simon Libsig trägt derweil auf einer Bank stehend einen Reim auf die Liebe vor.

Publikum gefällt die neue Art der Stadtführung

Nach kurzweiligen eineinhalb Stunden ertönt der Schlussgesang, der sich kräftig ins Getöse des Kirchengeläutes einfügt: «Wir hoffen, ihr mochtet diesen Stadtrundgang, die Geschichten und Gedichte, untermalt mit Gesang und diesen etwas anderen Blick auf die Bäderstadt», schliesst der Stadtführer. «Es bleibt uns nur noch, Danke zu sagen.» Und die Stimmen im Publikum sind sich einig: «Das war einfach wunderbar. Die Stimmung war einmalig.» Denn alles wurde mit einbezogen: Strassenpassanten, Kinder und Hunde, Feste und Glockengeläut, finden die Anwesenden. «Eine meisterhafte Gesamtleistung.»

Dieses aussergewöhnliche Altstadterlebnis, das alle Sinne berührt und lange nachwirkt, wünscht man sich schon jetzt wiederholt in Badens Kulturkalender. Leider sind die nächsten Führungen bereits ausgebucht.