Baden

Ein ehemaliger Cowboy als Paartherapeut für Mensch und Pferd

Berni Zambail ist in den USA ausgebildeter Cowboy. Die Arbeit mit Pferden ist seine Berufung.

Berni Zambail ist in den USA ausgebildeter Cowboy. Die Arbeit mit Pferden ist seine Berufung.

Wenn eine Beziehung zwischen Tier und Besitzer nicht mehr funktioniert, hilft Pferdeflüsterer Berni Zambail aus Untersiggenthal.

Ein Hauch Wilder Westen weht im «Farmers Place» in Kleindöttingen: Gross gebaut, ein Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen, eine Weste, Jeans und Cowboystiefel – wenn Berni Zambail einen Raum betritt, dreht sich jeder nach ihm um. «Hi», sagt er mit einem leicht amerikanischen Akzent in die Runde und geht in Richtung Stall.

Zambail ist ein sogenannter Pferdeflüsterer. Er möchte sich selbst aber nicht so nennen: «Der Begriff ist abgenutzt, doch das ist halt der, den die Leute kennen. Aber ich sehe mich eher als Paartherapeut für Pferd und Mensch.» Er zeigt den Menschen, wie Pferde denken, wie sie zu ihnen eine Beziehung haben können und in den Tieren einen zuverlässigen Partner finden.

«Pferdeflüsterer» Berni Zambail: «Ich verstehe mich als Paartherapeuten»

«Pferdeflüsterer» Berni Zambail: «Ich verstehe mich als Paartherapeuten»

Cowboysein ist eine Kultur

Mit Pferden arbeitet der 63-Jährige schon lange. Er ist im Engadin aufgewachsen, wo er im Betrieb der Familie den ersten Kontakt zu den Tieren knüpfte. Später hat Zambail Hufschmied gelernt und ist nach der Lehre in die USA gereist, um auf einer Ranch ein Cowboy zu werden.

«Dort ist das eine Kultur. Die Pferde sind unsere Philosophie. Und Cowboy zu sein, war schon immer mein Traum», sagt er. Auf der Ranch habe er sehr viel gelernt, Positives wie Negatives: «Der Beruf gehört zu der unteren Skala der Gesellschaft. Es ist sehr schwierig, als Cowboy gut über die Runden zu kommen.»

Mit dieser Erfahrung im Gepäck kam Zambail zurück in die Schweiz, um sein eigenes Hufbeschlag-Geschäft zu eröffnen. «Mein Herz hat schon immer den Pferden gehört. Das war meine Berufung», beschreibt er seinen Beruf.

Viele Besitzer bekamen Bauchschmerzen wegen ihm

In den Arbeitsjahren als Hufschmied habe er sehr viel Elend gesehen. Pferde, die körperlich, aber auch seelisch kaputt waren. «Ich habe mich mit vielen Pferdebesitzern gestritten. Einige hatten Bauchschmerzen, weil sie wussten, dass ich komme.»

Meinungsverschiedenheiten habe es immer wieder gegeben, weil die Besitzer ihre Schulpferde vernachlässigt hätten. «Die, die schön aussehen sollen, werden auf Händen getragen und die, die das Geld nach Hause bringen, kamen oft zu kurz.»

Irgendwann habe ihm das gereicht. Zu der Zeit lernte Zambail Pat Parelli kennen. Dieser ist ein amerikanischer Pferdetrainer, der natürliches Reiten praktiziert und das «Parelli Natural Horsemanship»-Programm gegründet hat, eine Schule für die Menschen und deren Beziehung mit dem Pferd steht an erster Stelle.

Wer bewegt wen?

Zambail kam vor 28 Jahren zum ersten Mal damit in Berührung. «Das hat mich so fasziniert, dass ich in die USA bin, um eine Ausbildung zu absolvieren», sagt er. Die wichtigste Frage bei der Ausbildung ist:

«Wer bewegt wen?» Bei dem Programm gibt es bis zu 10 Sterne, welche die Pferdetrainer qualifizieren. Der heute in Untersiggenthal wohnhafte Zambail ist der erste und einzige in Europa, der mit sechs Sternen ausgezeichnet wurde.

..

Das Programm selbst ist in vier Levels eingeteilt. Es ist eine Art «Grundschule», welche die Vorbereitung für spätere Spezialisierungen wie Springen, Fahren, Dressur ermöglicht. Um eine richtige Beziehung aufzubauen, muss der Besitzer viel Zeit einplanen.

«Es gibt Beziehungen, die man nicht retten kann»

«Das ist ein jahrelanger Prozess. Es dauert bis zu drei Monate bis man überhaupt einen sicheren Umgang hat.» Das Parelli-Programm kann den Besitzern aber auch im Privatleben helfen: «Man kann mithilfe des Leaderships sein Leben besser organisieren.»

Da sind aber auch Fälle, die Zambail ablehnt. «Es gibt Beziehungen, bei denen man schlichtweg nicht helfen kann», sagt er. Pferde seien Fluchttiere und der Mensch in ihren Augen ein Raubtier – das führe zu Schwierigkeiten zwischen Mensch und Pferd.

«Es gibt Pferde, die dann auf Menschen losgehen. Das hat der Besitzer aus dem Tier gemacht und dann kann ich nicht helfen. Kein Pferd ist es wert, sein Leben in Gefahr zu bringen.» Das seien aber nur wenige Fälle, bei den meisten habe er es geschafft, dass der Besitzer einen sicheren Umgang mit dem Tier hat.

Über 60000 Pferde waren bereits bei ihm

Bei Zambail und den Pferden merkt man den gegenseitigen Respekt. Der 63-Jährige steht auf dem Trainingsgelände und hält einen weissen Wallach an der Leine. Dieser folgt dem Trainer aufs Wort und bewegt sich nur dann, wenn der Trainer es verlangt.

«Pferde sind sensible Tiere. Sie wissen, wie der Mensch ist, bevor er es selbst weiss», sagt er und streichelt den Kopf des Wallachs. Pferde sind rücksichtsvolle Tiere. Deshalb mache ihm der Beruf so viel Spass.

«In den vielen Jahren sind über 60000 Pferde durch meine Hände gegangen und ich habe Tausenden Beziehungen geholfen.» Ein gutes Beispiel für eine solche Beziehung steht direkt am Rand des Geländes.

Claudia Menotti ist seit vier Jahren Zambails Studentin. Sie habe grosse Veränderungen gemerkt. «Die Pferde freuen sich auf mich. Sie warten jeden Tag darauf, dass ich komme – das merke ich», sagt sie.

Grüne Welle lässt Leute die Tiere respektieren

Mit den Jahren ist das Verständnis für die Beziehung zwischen Mensch und Pferd wichtiger geworden. «Mit der grünen Welle hat sich vieles verändert. Das Tier ist wichtiger geworden und viele Menschen machen sich Gedanken aus der Sicht des Pferds», sagt Zambail.

Trotzdem hätten viele Menschen diesen Gedanken noch nicht. Bis es so weit ist, werde laut dem Trainer noch viel Zeit vergehen. «Das Gehirn des Pferds ist wie eine Orange und ihr Herz wie ein Fussball, beim Menschen ist es umgekehrt – darum ist es so schwer.» Er will aber weitermachen und weiter unterrichten, «bis ich mindestens 100 bin».

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1