Wettingen

Ein Duo, das sich anfangs nicht kannte, dann perfekt ergänzte

Madlen Bärtschi (l.) und Margrit Wahrstätter haben die Heilpädagogische Schule 13 Jahre geleitet. Sandra Ardizzone

Madlen Bärtschi (l.) und Margrit Wahrstätter haben die Heilpädagogische Schule 13 Jahre geleitet. Sandra Ardizzone

Heute verabschieden sich Margrit Wahrstätter und Madlen Bärtschi von der Heilpädagogischen Schule (HPS) in Wettingen. Lange haben sie die Schule geleitet. Jetzt erzählen sie, wie sich diese verändert hat.

In diesen Wochen werden an so manch einer Schule in der Region langjährige Lehrer, wenn nicht gar Rektoren, in den Ruhestand verabschiedet. Dass aber gleich eine Co-Schulleitung aufhört, und dies nach 14 Jahren an der gleichen Schule, kommt nicht alle Tage vor.

Margrit Wahrstätter (62) und Madlen Bärtschi (64) werden heute zum letzten Mal ihr Büro an der Heilpädagogischen Schule (HPS) in Wettingen betreten. Am Mittag steht dann der grosse Abschiedsapéro an. Es ist nicht übertrieben zu sagen, das Duo Wahrstätter/Bärtschi habe der Schule in den letzten Jahren ein Gesicht gegeben und massgeblich zum guten Ruf der Institution beigetragen.

Wenn die beiden das jetzt lesen, werden sie entgegnen: «Die wichtigsten Bezugspersonen für die rund 110 HPS-Schüler waren immer die Lehrer und Heilpädagogen. Wir haben lediglich dafür gesorgt, dass die Lehrpersonen bestmögliche Rahmenbedingungen vorfinden.» Dass dem so ist und war, bestätigen die Schulleiterinnen indirekt, wenn sie sagen: «Wir hatten das Glück, über viele Jahre mit den gleichen Mitarbeitenden arbeiten zu dürfen, was die Arbeit natürlich ungemein erleichtert und auch die Qualität des Unterrichts gesteigert hat.»

«Hatten anfangs keine Ahnung»

Auch wenn beide «erst» seit 2002 zusammen die HPS-Schule geleitet haben, so kamen beide schon viel früher mit der Schule in Kontakt. So erhielt Wahrstätter bereits 1976 eine Anstellung als Hauwirtschaftslehrerin. Später folgte dann aufgrund von Familie und Politik eine Auszeit (von 1988 bis 2001 war sie für die EVP im Einwohnerrat Wettingen, den sie 2000/2001 gar präsidierte).

2001 gab sie dann ihr HPS-Comeback, ehe sie ein Jahr später zur Schulleiterin gewählt wurde. Bärtschi wurde 1985 als HPS-Lehrerin in Wettingen angestellt. «Als wir 2002 zusammen als Schulleiterinnen begannen, haben wir uns faktisch nicht gekannt», sagen beide. Bald hätten sie feststellen dürfen, dass sie sich sehr gut ergänzen.

«Dank meinem Netzwerk lag es an mir, die Schule nach aussen zu vertreten», sagt Wahrstätter. Und mit Madlen Bärtschi habe sie eine absolute Fachperson zur Seite gehabt, welche die Heilpädagogik von Grund auf gekannt habe. Madlen Bärtschi ergänzt: «Mir kam diese Aufgabenteilung sehr entgegen; ich exponiere mich nicht so gerne.»

Was hingegen für beide Neuland war und somit eine grosse Herausforderung, war das Führen einer Schule. «Wir hatten am Anfang keine Ahnung, wie man eine Schule leitet», erinnern sich beide. Dank vielen guten Ausbildungen und der Arbeitserfahrung hätten sie dieses Defizit nach und nach wettmachen können.

Fördern, nicht hüten

Weil sie sich so gut ergänzt hätten, seien sie von Lehrkräften auch als Einheit wahrgenommen worden, ist das Schulleiter-Duo überzeugt. Und nicht zuletzt habe die Co-Leitung den Vorteil gehabt, belastende Dinge und Probleme immer auf zwei Schultern verteilen zu können. Auf die Frage, ob sie privilegierte Schulleiterinnen gewesen seien, weil anders als an der Regelschule der klassische Leistungsdruck nicht gegeben ist, antworten sie: «Privilegiert deshalb, weil wir mit vielen langjährigen Fachpersonen arbeiten durften, die für die Sache gelebt haben.»

Anderseits habe gerade das Fehlen von klassischen Leistungskriterien das Unterrichten und Definieren von Förderzielen auch anspruchsvoller gemacht. «Wir hatten vereinzelt Lehrpersonen, die damit Mühe bekundet haben und wieder an die Regelschule wechselten», sagt Bärtschi.

HPS spürt Spardruck

Wie die Regelschulen spürt auch die HPS den Spardruck im Bildungsbereich. «Wir haben teils Schülerinnen und Schüler mit sehr hohem Betreuungsbedarf.» Und Bärtschi ergänzt: «Die Situation ist zwar noch nicht alarmierend. Aber es ist schon so, dass wir da und dort Angebote zurückbuchstabieren müssen und unseren Ressourcen-Einsatz noch mehr optimieren müssen.»

Unter dem Strich müsse man sich einfach bewusst sein, was der Auftrag der HPS ist. Bärtschi hat eine klare Meinung: «Förderung. Ab einem gewissen Punkt ist diese nicht mehr möglich. Dann hüten wir die Schüler hier nur noch, von Förderung kann dann nicht mehr die Rede sein.» Menschen mit Einschränkungen zu fördern, sei nicht nur eine ethische, sondern nicht zuletzt auch eine volkswirtschaftliche Aufgabe.

«Wir fördern die Schüler in ihrer Selbstständigkeit. Einige Schüler können eine Ausbildung absolvieren und so später einen Teil ihres Lebensunterhalts selber bestreiten», sagt Bärtschi. Und Wahrstätter ergänzt: «Dank Förderung stärken wir das Selbstwertgefühl dieser Menschen und auch ihre Fähigkeit, sich in der Gesellschaft zu integrieren.»

Neue kommen gut an im Team

14 Jahre haben Wahrstätter und Bärtschi die HPS geleitet. Wie hat sich die Schule und damit auch ihre Arbeit verändert? «Wie auch an der Regelschule haben Professionalität, aber auch das Wissen zugenommen. Und natürlich auch die Ansprüche.» Ansprüche, welche die beiden bald nicht mehr zu kümmern haben.

Denn nach den Sommferien übernehmen Nicole Merkli und Rainer Kirchhofer hier das Zepter. Das Team hat beide schon kennen gelernt, Kirchhofer hat sich bereits seit Februar einen Morgen in der Woche an der HPS eingearbeitet. «Wir spüren, dass die Mitarbeitenden Vertrauen in das neue Duo haben», bestätigen Wahrstätter und Bärtschi.

Heute noch Schulleiterin einer wichtigen Schule, morgen Rentnerin. Wie gross ist die Angst vor dem Bedeutungsverlust? «Da mache ich mir keine Sorgen, auch wenn mir klar ist, dass ich ab heute hier nicht mehr dazu gehören werde», sagt Wahrstätter. «Auf der anderen Seite fällt ab dem heutigen Tag auch sehr viel Belastung weg.»

Auch Bärtschi freut sich auf den nächsten Lebensabschnitt: «Die Leere, die jetzt dann entsteht, kann ich nun nach Lust und Laune mit dem füllen, was mich erfüllt.» Auch wenn sich die beruflichen Wege trennen, einig sind sich beide: «Wir werden sicher auf die eine oder andere Art in Kontakt bleiben und uns nicht aus den Augen verlieren.»

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