Martin «Mare» Keller sticht mit seinem Look aus der Masse heraus: Biker-Jacke, verwaschenes T-Shirt, den Hals über und über mit Ketten behängt. Seine dunkelblonden langen Haare lugen unter einem Piratenkopftuch hervor. «Ich laufe immer so rum und mir ist egal, was die Leute denken», platzt es aus ihm heraus. Dann lacht er und seine wasserblauen Augen funkeln spitzbübisch. Genauso markant wie die Erscheinung des 55-jährigen Nussbaumers ist das Lokal mit Namen «Zaarad», das er an der Landstrasse 178 eingerichtet hat.

Nomen est omen: 2350 selbstproduzierte Zahnräder aus Kellers eigener Spenglerwerkstatt kommen in allen Grössen funktional oder dekorativ zum Einsatz. Die Hauptattraktion sind aber die 90 49-Kubik-Töffli, die teilweise auf verschiebbaren Elementen aus Glas und Chromnickelstahl in luftiger Höhe schweben. Auf einem alten Paternoster bewegen sich Mofateile in fast hypnotisierender Endlosschlaufe vorbei. Den grossen Glastisch vor dem Cheminée, in dem zwei Töffli ineinander verschlungen liegen, nennt Keller das «Bumsbett».

«Mare», der gerne geduzt wird, hat seinen eigenen Humor und sagt fadengrad, was er denkt. «Aber ich bin niemals billig», betont er. Tatsächlich ist das ganze Interieur im «Zaarad» vom Feinsten und bis ins letzte Detail ausgeklügelt. Oldtimer-Radios, die alle Räume beschallen, sind inwendig mit «Bose»-Boxen versehen. Die Küche ist wie das ganze Lokal in Rost-Optik gehalten und es gibt sogar eine mit Wasserdampf betriebene Feuerstelle. Selbst der Gang zur Toilette erweist sich als Erlebnis, denn er führt vorbei am Darkroom mit Gummipuppen, Skeletten und allerhand Utensilien aus der Fetischszene. Die stillgelegte Werkstatt vis-à-vis mit Tausenden alter Werkzeuge wirkt unverändert, so, als ob sie gerade vom Mechaniker verlassen worden wäre. Selbstverständlich ist auch das eine Inszenierung von «Mare» Keller.

Lokal ist auch ohne Werbung voll

«Ohne Mithilfe meiner Freunde hätte ich dieses Riesenprojekt niemals stemmen können», sagt er mit Nachdruck. Normalerweise kann das Lokal für Anlässe gemietet werden. Aber jeden ersten Mittwoch im Monat zündet der Inhaber selber die 150 Kerzen an und veranstaltet ein öffentliches Chillout. Und obwohl er das «Zaaraad» erst vor einem Jahr aus der Taufe hob und nie Werbung gemacht hat, ist es immer pumpenvoll.

«Zaarad»-Betreiber «Mare» führt in Nussbaumen die Werkstatt seines früh verstorbenen Papas weiter. Dort stellt er Maschinenteile für den Bau her. Das Geschäft scheint zu laufen. Den Gebäudekomplex an der Landstrasse, in dem der Handwerker seit zwei Jahren am Einrichten seines Lokals ist, kaufte er kurzerhand. Jetzt kann er mit seinen verrückten Interieur-Fantasien das ganze Haus auf den Kopf stellen. In seinem privaten Fuhrpark des umtriebigen Spenglers stehen unter anderem 30 vermietbare Mofas, eine Harley und einen VW-«Hippiebus». Alles Seins. «Ich bin ein Chrampfer, mache jeden Morgen um 6 Uhr meine Werkstatt auf», begründet «Mare» seine reiche Habe.

Zahnrad symbolisiert Lebensmotto

Die 55 Jahre sieht man ihm nicht an. Alkohol und Zigaretten sind für ihn tabu. «Zudem hab ich gute Gene», witzelt er und fügt hinzu: «Früher war ich extrem sportlich, bin Marathons in New York, Amsterdam und London gelaufen. Dann hab ich sämtliche Energie in die Werkstatt gesteckt.» Keller ist mit fünf Schwestern aufgewachsen und selber Vater von fünf Kindern im Alter von 2 bis 27 Jahren, die von drei verschiedenen Frauen stammen. Er hatte wohl ein wildes Liebesleben? «Nein, keinen Fernseher», kommt es wie aus der Pistole geschossen. Dann wird der Spassvogel wieder ernst: «Ich pflege mit allen meinen Kindern ein sehr enges und gutes Verhältnis.»

Ein Weltenbummler sei er, obwohl er wegen der Arbeit oft jahrelang keine Ferien gemacht habe. In Oberterzen gehört ihm ein Maiensäss mit eigener Quelle. Dort zieht er sich gerne in die Einsamkeit zurück. «Alles, was ich besitze, ist hart erarbeitet», verkündet Keller. Träume habe er keine mehr, ausser gesund zu bleiben. «Mein Freund ist mit 49 Jahren tot auf dem Tennisplatz zusammengebrochen. Das hat mich geprägt.» Das Zahnrad symbolisiert «Mare» Kellers Lebensmotto: «Auch wenn es ab und zu einen Stillstand gibt, muss es immer vorwärtslaufen. So wie der Mensch auch.»