Das Violoncello kommt der menschlichen Stimme am nächsten: Das sagen nicht nur Musiker, sondern auch Zuhörer, die sich von dem ebenso kernigen wie zarten Klang dieses Instruments berühren lassen – so, wie am Wochenende in der Klosterkirche Wettingen. Dort spielte das Cello die zweite Hauptrolle neben der menschlichen Stimme in einem denkwürdigen Konzert, zu dem das Vocalino (Ehemaligenchor der Kantonsschule Wettingen) eingeladen hatte.

Das unter dem russischen Titel «Svyati» stehende Programm des Dirigenten David Rossel war anspruchsvoll – entsprechend den Gepflogenheiten des mit 22 Sängerinnen und Sängern besetzten Ensembles. Die Werke von John Tavener, Gion Antoni Derungs, Pavel Chesnokov und Ola Gjeilo – lauter Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts – kreisen um den Tod, vielmehr um die Frage, ob es ein Leben danach gibt. Verinnerlichung und Konzentration auf knappe, dafür umso stärker nachhallende musikalische Mittel stehen gleichsam als ungeschriebenes Motto über den Stücken für Chor und Violoncello (wann hört man diese Kombination schon?)

Nicht effekthascherisch

Das Verweben von Cello- und Gesangsstimme ist jedoch nicht die einzige Besonderheit. Die andere ist die Verknüpfung von Derungs Missa pro defunctis mit Sculthorpes Requiem for cello alone: welch eine sinnstiftende Dramaturgie. Schweigt der Chor, setzt das Cello mit einer getragenen, herben Klage ein, die sich nur einmal, beim Libera me, eruptiv aufbäumt. Mit einer sich von Ton zu Ton tastenden Celloweise hatte bereits das erste Stück, John Taveners Svyati, begonnen. Ein berührender Auftakt, da zu erleben war, wie ein Klang nicht abrupt, sondern gleichsam von langer Hand vorbereitet, an die Ohren drang. So eindringlich das Spiel des Cellisten Martin Merker; so empfindsam, durchsichtig und kraftvoll (Gjeilo) war der Gesang des Vocalino, dessen Sängerinnen und Sänger: das war effektvoll, aber nicht effekthascherisch, sondern Ausdruck eines in jeder Beziehung klug «komponierten», erlesenen Konzertabends.

Das Vocalino wiederholt sein Programm am Samstag, dem 16. Juni bei einem Nachtkonzert mit Lichtkunst in der Klosterkirche Königsfelden; Beginn ist um 21.30 Uhr.