Ehrendingen
Doppelangriff auf die Gemeinderatsspitze: «So kann es im Dorf nicht weitergehen»

Bruno Schmid und Erich Frei, beide parteilos, kandidieren als Ammann und Vizeammann. «Wir wollen, dass wieder miteinander geredet und zusammen mit der Bevölkerung geplant wird», sagen sie. Vieles laufe derzeit falsch im 5000-Einwohner-Dorf.

Pirmin Kramer
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Erich Frei (links) und Bruno Schmid: «Zu oft wurde die Bevölkerung in den letzten acht Jahren vertröstet und laufend vor neue Tatsachen gestellt.

Erich Frei (links) und Bruno Schmid: «Zu oft wurde die Bevölkerung in den letzten acht Jahren vertröstet und laufend vor neue Tatsachen gestellt.

Sandra Ardizzone

«So kann es im Dorf nicht weitergehen»: Darüber waren sich Bruno Schmid und Erich Frei beim ersten Gespräch einig. «Dann haben wir schnell entschieden: Lass uns aufs Ganze gehen», erzählt Bruno Schmid.

Aufs Ganze gehen, das heisst in ihrem Fall: Sie kandidieren bei den Gesamterneuerungswahlen am 13. Juni als Gemeinde- und als Vizeammann von Ehrendingen. Bruno Schmid will Ammann werden: Er ist in Fislisbach aufgewachsen, 64 Jahre alt, geschieden und hat zwei Kinder. Der Bauingenieur HTL leitet ein Ingenieurbüro in Winterthur. Der 57-jährige Vizeammann-Kandidat Erich Frei ist in Ehrendingen aufgewachsen und Ortsbürger, verheiratet und hat drei Kinder. Der Landwirt betreibt mit seiner Familie unter anderem auch ein bekanntes Hoflädeli.

Die beiden treten als Duo auf, ihr Programm ist deckungsgleich, und beim Gespräch auf dem Bauernhof von Erich Frei kommt es oft vor, dass der eine den Satz beginnt, der andere ihn beendet.

«Der Gemeinderat muss wieder mit der Bevölkerung reden»

Aber was läuft denn schief im Dorf, das nach der Jahrtausendwende und der Fusion der Ortsteile ein beispielloses Bevölkerungswachstum erlebt hat und in dem nun rund 5000 Menschen leben? «Wir wollen einen grundlegenden Kurswechsel herbeiführen. Die Kommunikation muss sich dringend verbessern. Der Gemeinderat muss wieder mit der Bevölkerung reden, zusammen mit ihr planen, gemeinsam gestalten.» Ausschlaggebend für die Kandidatur sei das Hin- und Her des Gemeinderates zur Bau- und Nutzungsordnung (BNO) gewesen. «Zu oft wurde die Bevölkerung in den letzten acht Jahren vertröstet und laufend vor neue Tatsachen gestellt. Wir glauben nicht, dass der amtierende Gemeinderat die notwendigen und seit langem überfälligen konsensfähigen Klärungen zusammen mit der Bevölkerung angeht», sagen die beiden.

Vor wenigen Wochen habe der amtierende Gemeinderat eine Kehrtwende vollzogen: «Er teilte nicht nur mit, dass er die ausserordentliche Einwohnerversammlung zur BNO verschiebt, sondern dass er die bisherige Reihenfolge der öffentlichen Infrastrukturbauten völlig neu priorisiert.» So geniesse jetzt plötzlich die Mehrzweckhalle höchste Priorität. Das sei zwar absolut in ihrem Sinne,– die vielen jungen Menschen im Dorf brauchten eine Mehrzweckhalle –, «aber die Kehrtwende ist doch erstaunlich». Schmid sagt:

«Ich gehe davon aus, das hängt damit zusammen, dass der amtierende Gemeinderat kurz vor den Wahlen noch ein populäres Thema auf die Agenda nehmen und sich so die Wiederwahl sichern will.»

Auf die Frage, wie sich Ehrendingen weiterentwickeln soll, sagt das Duo: «Das möchten wir zusammen mit der Bevölkerung diskutieren. Wir wollen zuerst die Dorfentwicklung gemeinsam klären und erst dann die entsprechenden Anpassungen in der BNO vornehmen.»

Welche weiteren Pläne haben sie für das Dorf? «Selbstverständlich haben wir Ideen», sagt Bruno Schmid. «Erstens sind wir der Ansicht, dass es keine drei Mal eintausend Quadratmeter grossen Einkaufsflächen beim Kreisel Niedermatt braucht. Wenn hier ein Einkaufszentrum entsteht, wird das restliche Gewerbe im Dorf verschwinden.» Stattdessen könnte im oberen Dorfteil eine Tiefgarage erstellt werden, mit der auch noch gleich eine neue Mehrzweckhalle erschlossen würde. Viel Brisanz stecke im Thema Verkehr, so Schmid:

«Der amtierende Gemeinderat hat es völlig versäumt, ein Verkehrskonzept zu entwickeln.»

Es gebe Tempo-30-Zonen, die als Schleichwege missbraucht würden. «Man hätte das Problem viel früher und viel stärker angehen müssen,» sagt Schmid.

Landwirt Frei stört sich an der Haltung des amtierenden Gemeinderats zur Frage, welche Rolle Ehrendingen in der Region spielen soll: «Der Gemeinderat findet, Ehrendingen soll ein Subzentrum im Surbtal sein. Aber was versteht der Gemeinderat darunter, und wer kommt schon von Endingen oder Lengnau hierher einkaufen?», fragt er.

Grundsätzlich, sagen beide, hätten sie eine bürgerliche Grundhaltung. Doch nun treten sie als Parteilose an, um möglichst unabhängig zu sein und sich alleine für das Wohle des Dorfes einsetzen zu können. Das Duo unterstützt auch die Petition, die von 277 Leuten unterzeichnet wurde und in der Sorgen über die Entwicklung im Dorf geäussert werden. Darin ist der Verkehr Stein des Anstosses, und auch die neue Bau- und Nutzungsordnung kommt in der Petition unter die Räder.

Und wie gross sind ihre Chancen auf eine Wahl? «Es wird schwierig», sagt Bruno Schmid. «Wir haben leider auch nicht viel Zeit, um Werbung zu machen. Für mich ist es unverständlich, dass die Wahlen bereits am 13. Juni und nicht wie sonst fast überall im Herbst stattfinden. In meinen Augen ist der Zeitpunkt vom Gemeinderat bewusst so gewählt worden, damit es für Konkurrenten schwierig wird.» Der amtierende Gemeindeammann Urs Burkhard (CVP) erklärt auf Anfrage, dass er sich kommende Woche zu den Kritikpunkten äussern werde. Erst wolle er die Anmeldefrist abwarten, die diesen Freitag enden wird. Dem Ehrendinger Gemeinderat gehören neben Burkhard aktuell folgende Personen an: Vizeammann Markus Frauchiger (parteilos), Gina Kern (FDP), Yvan Mülli (parteilos) und Neide Zimmermann (CVP).