Wettingen
Drei Brüder und ihr Cousin treten zum härtesten Rennen der Welt an – im Ruderboot über den Atlantik

Drei Brüder aus Wettingen und ihr Cousin treten 2021 zum härtesten Rennen der Welt an – noch trainieren sie auf dem Zürichsee.

Andreas Fretz
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Atlantikerprobt: Boot Heidi liegt noch im Hafen Wollishofen. Familienclan: die Brüder Peider, Georg und Sebastian Stocker und Cousin Matthias Odermatt (v.l.).

Atlantikerprobt: Boot Heidi liegt noch im Hafen Wollishofen. Familienclan: die Brüder Peider, Georg und Sebastian Stocker und Cousin Matthias Odermatt (v.l.).

zVg Bild: zVg

Heidi ist derzeit die Attraktion auf dem Zürichsee. Sie ist 9,5 Meter lang und wiegt eine knappe Tonne. Sie hat drei Ruderplätze und vorne und hinten eine Kabine zum Schlafen. Heidi wurde gebaut, um über den Atlantik zu rudern. In knapp einem Jahr, am 12. Dezember 2021, ist es so weit.

Dann starten die Wettinger Brüder Georg (26), Sebastian (23) und Peider Stocker (18) und ihr Cousin Matthias Odermatt (21) zum vielleicht verrücktesten und härtesten Rennen der Welt: die Talisker Atlantic Challenge (die AZ berichtete). 1,5 Millionen Ruderschläge führen ans Ziel. Die Her­ausforderung: Im Ruderboot den Atlantik überqueren. Die 5000 Kilometer lange Route führt von La Gomera auf den Kanarischen Inseln nach Antigua in der Karibik.

Heidi hat den Atlantik bereits einmal überquert

Im Gegensatz zum Aargauer Familienclan hat Boot Heidi den Atlantik bereits einmal überquert. 2019 nahm das vierköpfige Frauenteam Swiss Ocean Dancers an der Atlantic Challenge teil. Nach 45 Tagen, 2 Stunden und 18 Minuten hatte es mit Heidi das Ziel erreicht. Nun haben die Aargauer Jungs vom Team Helvetic Waves das Boot von ihren Vorgängerinnen gemietet. Seit Oktober liegt es im Hafen in Wollishofen. «Die Leute sind neugierig, sie wollen es anschauen und Fotos machen», sagt Georg Stocker, «viele kennen Heidi aus dem Fernsehen.»

Wenn das Team auf dem Zürichsee trainiert, zieht es die Blicke auf sich. Bereits dreimal haben die Aargauer eine 24-stündige Rennsimulation auf dem See absolviert. Zwei rudern, zwei ruhen sich aus. Im Zwei-Stunden-Takt wird gewechselt. Knapp zwei Umrundungen waren jeweils möglich. Demnächst sollen auch mehrtägige Fahrten folgen. «Diese Trainings sind für uns äusserst wichtig», sagt Georg Stocker. «Bereits das erste 24-Stunden-Training hat uns gezeigt, was wir an der Bootseinrichtung noch verbessern können, wie unser Essverhalten aussieht und womit wir uns motivieren können.»

Seit Helvetic Waves über das Boot verfügt, hat das Projekt, das vor rund zwei Jahren von Georg Stocker lanciert wurde, an Fahrt gewonnen. «Das Boot hat uns mental zusammengeschweisst», sagt Georg Stocker. «Nun wissen alle: Wir meinen es ernst.» Auch die Sponsorensuche, die durch den Lockdown im Frühling ausgebremst wurde, hat wieder Aufwind bekommen. Rund 125'000 Franken beträgt das Budget von Helvetic Waves.

Training mit verrücktem Weltrekordhalter

Im Februar erhalten die vier Aargauer zudem prominenten Besuch. Mark Slats gilt als der verrückteste und wildeste sei-ner Zunft und hat einen schier unfassbaren Rekord aufgestellt: Der holländisch-australische Doppelbürger kam bei der Atlantic Challenge nach unglaublichen 30 Tagen als Vierter over-all und erster Einzelkämpfer ins Ziel. Wenig später wurde er beim Golden Globe Race der Solo-Weltumsegler Zweiter.

Slats ist aber auch der Konstrukteur von Heidi. Und den Aargauern bringt er die neuen Ruder mit. Gemeinsam mit Slats will der Familienclan einen Tag auf dem Zürichsee verbringen und von den Tipps und Tricks des Weltrekordlers profitieren. Im August reisen die Schweizer nach Holland, um mit Slats eine Woche auf dem Atlantik zu trainieren. «Die Hilfsbereitschaft unter den Ruderern ist enorm», sagt Georg Stocker. «Zudem ist es wichtig, Erfahrungen mit hohem Wellengang zu sammeln, um zu wissen, wie das Boot und der Körper darauf reagieren.»

Die Vorfreude auf die Naturgewalt

Im September folgen in England Kurse in Navigation, Meteorologie, Kommunikation und Erster Hilfe auf dem Wasser. Auch zwei Tage Ozean-Rudern stehen auf dem Programm. Bis es so weit ist, gilt es aber, nach wie vor fleissig Sponsoren und Gönner zu finden, unzählige Stunden im Fitnesscenter, auf dem Boot, beim Joggen und auf dem Ergometer zu verbringen, Dokumente durchzuackern, das Boot einzurichten und Trainings auf dem Meer und dem See zu absolvieren. Und das alles neben Beruf und Ausbildung.

«Das Bewusstsein, dieser Naturgewalt ausgesetzt zu sein, zu erahnen, wie klein wir in dieser Welt sind, muss unglaublich sein», freut sich Georg Stocker auf das Atlantik-Abenteuer. Drei Jahre Vorbereitung werden die vier auf dem Buckel haben, wenn es im Dezember 2021 mit 35 weiteren Booten in verschiedenen Kategorien an den Start geht. Vor zwei Jahren sassen die drei Brüder und ihr Cousin erstmals gemeinsam in einem Ruderboot. Am Rennen wollen sie vorne mitfahren, vielleicht sogar ein Wörtchen um den Sieg mitreden. «Aber es gibt viele Komponenten, die man nicht beeinflussen kann. Das Wichtigste ist, dass wir es gut miteinander haben. Die Rangierung darf nicht wichtiger sein als die Freundschaft», sagt Georg Stocker.