Baden

Dieses 600 Jahre alte Haus ist ein Herzstück der Stadt – nun wird es renoviert

Das Altstadthaus am Löwenplatz 8 steht seit diesem Jahr als einzigartiger Zeuge der Badener Geschichte unter Denkmalschutz. Nach dem Umbau wird es grosszügige Wohnungen beherbergen.

Fast jede Badenerin und jeder Badener kennt das Haus. Die wenigsten wissen aber, was sich für eine spannende und lange Geschichte dahinter verbirgt: Am Löwenplatz 8, neben dem Löwenbrunnen, steht es und trägt die Aufschrift «Zum Rathauskeller».

Im Parterre und auf dem Vorplatz lockt seit gut dreissig Jahren das Mr. Pickwick Pub – das «PiWi» – mit authentischer englischer Pub-Atmosphäre. Besonders vom Kirchplatz her sieht man dem Haus sein hohes Alter an – es ist eines der ältesten noch erhaltenen in der Stadt.

Es wurde vor 600 Jahren, anno 1419, erstmals schriftlich erwähnt, dürfte aber noch rund 70 Jahre älter sein. Im Februar wurde es von der Denkmalpflege unter kantonalen Schutz gestellt. Mit gutem Grund: Das Haus ist ein einzigartiger Zeitzeuge für die Geschichte der Badener Altstadt.

«Hier hat man gleichzeitig einen Blick in die Vergangenheit, in die Gegenwart und in die Zukunft», sagt Heiko Dobler, Bauberater bei der kantonalen Denkmalpflege. Zusammen mit Hausbesitzer Jürg Schoop und Andreas Hüsler von Walker Architekten aus Brugg, führt er durch das Haus, das in den kommenden Monaten renoviert und mit grosszügigen Stadtwohnungen eingerichtet werden soll.

Die Unterschutzstellung seines Hauses beantragte Schoop selbst, nachdem man sich in früheren Jahren nicht auf einen Denkmalschutz einigen konnte. «Wir haben jetzt einen sehr einvernehmlichen Austausch mit der Denkmalpflege», sagt Jürg Schoop. «Wir wissen, was wir mit dem Haus für einen Schatz haben und möchten, dass es der Stadt erhalten bleibt. Es soll nach dem Umbau wieder der Würde dieses besonderen Platzes entsprechen.»

Als die Zürcher an Heiligabend die Stadt Baden überfielen

Der Hausflur ist derzeit keine Augenweide. Aus dem engen Eingang soll nach dem Umbau eine kleine, elegante Halle mit einer neuen Treppe werden. «Wir müssen das Gebäude vor der Auffrischung auf seine historisch relevante Grundsubstanz reduzieren», sagt Architekt Andreas Hüsler. Und Jürg Schoop ergänzt: «Es wird zwar modernisiert, aber es soll nicht alles wie neu aussehen. Man soll dem Haus auch nach dem Umbau sein Alter und seine Patina ansehen dürfen.»

Im Inneren hat man selbst bei allem Winternebel einen wunderbaren Ausblick auf den Löwenplatz und den Kirchplatz. Auf allen Etagen und im hohen Lichthof atmet man Geschichte. Die Zeit des Hausbaus war entscheidend für die Entwicklung der Stadt Baden: Damals herrschte Krieg zwischen der Stadt Zürich und den habsburgischen Herzögen.

Die ältesten Elemente des Hauses stammen von 1337

An Heiligabend 1351 überfielen die Zürcher unter Bürgermeister Rudolf Brun das kleine, habsburgische Baden. Die habsburgischen Truppen zogen sich hinter die Wehrmauern zurück, die Zürcher brannten dafür die Bäder nieder, am zweiten Weihnachtstag kam es zur Schlacht bei Dättwil.

Als Folge baute die Stadt Baden neue Stadttore und eine neue Mauer vom Brugger Tor zur Halde hinab – die Salzgasse, die heutige Rathausgasse, entstand. Die ältesten Teile des Hauses am Löwenplatz stammen aus genau dieser Zeit, als die hochmittelalterliche Kernstadt erstmals erweitert wurde. Einzelne Balken konnten auf das Jahr 1337 datiert werden.

Einzelne Balken sind weit älter als 600 Jahre.

Einzelne Balken sind weit älter als 600 Jahre.

Vor dem Haus fand bald der wöchentliche Fischmarkt rund um den Brunnen statt, die Weite Gasse diente als Marktgasse, und die Salzgasse wurde zum Zentrum des wichtigen Salzhandels in Baden. Der Löwenplatz war damit die prominenteste Lage in der Oberstadt, die damals noch räumlich völlig getrennt von den Bädern funktionierte.

Prächtige Deckenmalereien aus dem 16. Jahrhundert

Zum ersten Mal namentlich erwähnt wurde das Haus vor 600 Jahren, anno 1419 als Haus zum Schwarzen Ross. Ein paar Jahre später tauchte der Name «zum Rössli» auf. Baugeschichtlich ist es eng mit dem Nachbarhaus «zum Löwen» verbunden, das dem Platz und dem Brunnen den Namen gab.

Ein bedeutender Um- und Aufbau dürfte im Jahr 1596 erfolgt sein. Diese Jahreszahl steht auf einem Fenstersturz zum Kirchplatz hin. Der gut erhaltene Dachstuhl stammt ebenfalls aus dieser Zeit. Die Baustile sind über die Jahrhunderte zusammengewachsen, um 1900 wurde die Fassade teilweise «historisiert», wie es damals Mode war.

Um 1900 wurde die Fassade des «Rathauskellers» historisiert.

Um 1900 wurde die Fassade des «Rathauskellers» historisiert.

«Wann genau welcher Umbau erfolgt ist, müssen wir herausfinden», sagt Dobler. «Teilweise können wir es nur schätzen oder mit dendrochronologischen Untersuchungen eingrenzen.» Bei der Dendrochronologie wird eine Bohrprobe aus dem Holz genommen.

Anhand der Jahrringe kann man das Datum des Holzschlags mehr oder weniger genau bestimmen. «Für mich ist es faszinierend, wie der Werkstoff Holz nach so langer Zeit noch in einem so guten Zustand ist», sagt Jürg Schoop.

Im zweiten Stock haben die Handwerker gut erhaltenes Flechtwerk und prächtige Deckenmalereien entdeckt, die an ganz ähnliche Malereien im Brudersaal des Klosters Wettingen erinnern. Und wie es der Zufall will, wurden im September fast identische Malereien im Badhotel Ochsen in den Bädern entdeckt. Sie könnten vom gleichen Künstler stammen, bewiesen ist das aber noch nicht.

Aus einer ganz anderen Epoche stammt die Rokoko-Stuckdecke im dritten Stock, und zwar aus der Zeit um 1755. Es ist eine der kostbarsten profanen Stuckarbeiten im Aargau. Aus den sogenannten «Rocaillen», den muschelförmigen Formen, die dem Rokoko ihren Namen gaben, wachsen Blätter, Früchte und zwei fein gearbeitete Tauben.

Die Rokoko-Stuckdecke von 1755.

Die Rokoko-Stuckdecke von 1755.

«Der Stuck ist von sehr hoher Qualität, die leider unter den vielen Farbschichten etwas verloren gegangen ist», sagt Dobler. «Aber die Decke ist ein Meisterwerk.» Jürg Schoop freut sich besonders darüber, dass die feinen Beinchen der Vögel erhalten geblieben sind. Auch das ist nicht selbstverständlich.

Die Decke wurde durch Um- und Einbauten von früheren Mietern arg in Mitleidenschaft gezogen. Sie fachgerecht zu restaurieren kostet Zeit und Geld, der Kanton dürfte sich aber nach der Unterschutzstellung und wegen der Einzigartigkeit mit einem Beitrag daran beteiligen.

Jürg Schoop, Andreas Hüsler und Heiko Dobler (v.l.) unter der Rokoko-Stuckdecke.

Jürg Schoop, Andreas Hüsler und Heiko Dobler (v.l.) unter der Rokoko-Stuckdecke.

Das Haus war zusammen mit dem Nachbarhaus zum Löwen nach 1800 im Besitz der Familie von Stadtammann Baldinger, später gehörte es Coiffeur Abraham Hanselmann. Seit dem Jahr 1900 war es im Besitz der Falkenbräu, seit 1906 der Familie Welti, den Eigentümern der Brauerei. Sie richteten eine Gaststube ein und gaben dem neuen Lokal den Namen «Zum Rathauskeller».

1984 wurde das Haus zuletzt einem grösseren Umbau unterzogen. Im ersten Stock war damals ein Fachgeschäft für Orientteppiche, lange war eine Anwaltskanzlei eingemietet. In die Familie von Jürg Schoop kam das Haus über seine verstorbene Frau Gaby Schoop-Welti.

Seit den Neunzigerjahren hegte das Ehepaar den Plan, das Haus umzubauen. «Es schmerzt mich sehr, dass meine Frau den Umbau nicht mehr erlebt», sagt Schoop. «Aber ich freue mich auch, dass ihr Wunsch nun in Erfüllung geht und aus dem Haus wieder ein Schmuckstück wird.»

Ein Umbau mit viel Liebe zum Detail und zur Geschichte

Wie es mit dem «PiWi» langfristig weiter geht, ist noch offen. «Wir haben überhaupt nichts gegen das Pub», sagt Jürg Schoop. Nach dem Umbau müsse man gemeinsam mit der Denkmalpflege prüfen, welche Nutzung sich im Erdgeschoss am besten eignet. So oder so – wenn man die Visualisierungen des Architekturbüros sieht, wird klar: Nach der Modernisierung wird die Stadt hier ein prächtiges Altstadthaus haben, das mit sehr viel Liebe zum Detail und zu seiner Geschichte umgebaut wurde. «Es ist eine sehr schöne Aufgabe, dieses Haus umbauen zu dürfen», sagt Andreas Hüsler.

Und Jürg Schoop betont: «Als Hausbesitzer habe ich eine Verantwortung, die ich wahrnehmen will. Wir sind sehr froh um die gute Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege und der Stadt. So kann hier aus dem Alten etwas Gutes für die Zukunft entstehen.»

Die Badener Altstadt in Bildern

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