«Ihr lausigen Landratten! Das ist ein Überfall!», ruft Seeräuber-Kapitän Salem alias Thomy Widmer (48) vom Oberdeck und schiesst mit seiner antiken Vorderlader-Pistole in die Luft. Eine wilde Piratenhorde schwenkt Totenkopf-Fahnen und johlt und zetert lautstark. Mit einem kühnen Satz springt der grimmige Piratenhäuptling an Bord des Motorschiffs Dragon. «Ab sofort übernehme ich hier das Kommando! Ich bin Käptn Salem und kontrolliere die Gewässer der West Lucerne Sea Coast. Wer sich meinen Befehlen wiedersetzt, fliegt über Bord!»

Eben noch waren die Büroangestellten bei Kafi und Gipfeli in die Gespräche mit den Arbeitsgspänli vertieft, als der Kapitän am Fuss des Bürgenstocks die Maschinen stoppt und einen «technischen Defekt» meldet. Da kommt plötzlich ein mit Piraten besetztes Schiff in Sicht und entert das 100-plätzige Schiff. «Ruhe auf den billigen Plätzen!» herrscht der Seeräuberkapitän einen Passagier an, der einen Spruch wagt, und hält dem aufmüpfigen Gast den Säbel an den Hals. Auf Absprache schickt der Korsar von Kehrsiten auch mal einen Firmenboss mit Faustschlag in den Vierwaldstättersee. Nach dem ersten Schock schenken charmante Piratinnen den Ausflüglern karibischen Rum aus. Spätestens jetzt verfliegen Furcht und Schrecken, den die säbelschwingenden Korsaren zuvor verbreitet haben.

Heute sind die Immobilien-Verwalter der Firma Redinvest aus Luzern sowie die Güggeli-Metzger der Firma Bell samt Geschäftsleitung an der Reihe - gleich zwei Überfälle auf Firmenfahrten an einem Tag. Egal, ob Raddampfer Gallia mit 500 Passagieren oder die MS «Lucerne» mit 80 Leuten, das wilde Piraten-Spektakel ist für Seeräuber Widmer längst Routine. Selbst Marcel Vogelsanger, Vierwaldstättersee-Kapitän auf dem MS «Dragon» ist eingeweiht: «Ich bin wohl der einzige Kapitän der Schweiz, der im Voraus weiss, dass er überfallen wird.»
Die Damen schaudert es leicht, wenn der Oberpirat mit einer rauchenden Zigarette beim Armani-Pullover des Bürokollegen zum «Qualitätstest» ansetzt. «Wenns ein Loch gibt, kommt der Pulli aus China!»

Auf hoher See überzeugt Oberpirat Salem alias Thomy Widmer die Vierwaldstättersee-Touristen mit flotten Sprüchen und verblüffenden Kunststücken. Dann gehts volle Kraft voraus nach Kehrsiten am Fusse des Bürgenstocks. Hier lässt der Korsar anlegen. Im Restaurant Baumgarten erhalten die Landratten einen Piraten-Apéro und staunen, wie der wilde Aargauer meterhohe Flammen in den Himmel speit oder sich auf dem Scherbenteppich räkelt. «Ich hab den geilsten Job der Welt!», lacht Thomy Widmer: «Wer kann schon sein Geld verdienen, indem er auf Seen herumfährt und Pirat spielt. Mit der Seeräuber-Rolle lebe ich Bubenträume aus.»

Was an der Strasse von Malakka oder am Golf von Aden vor Somalia bitterer Ernst ist, ist hierzulande ein Spiel. Echte Seeräuber verabscheut er: «Ich bin ein ‹Law and order›-Typ. Echte Piraten würden bei mir in Piranha-Gewässern unter Kiel geholt oder an den Masten aufgehängt.»

Widmer ist mittlerweile Ganzjahrespirat: hier eine Kinderparty, dort eine Jubiläums-Show. In den Party-Clubs Pirates in Hinwil und St. Margrethen tritt er als «Haus-Pirat» auf und unterhält die Gäste, an der Zürcher Street Parade speit er als Seeräuber Feuer von einem Lovemobil. Für DJ Bobos «Pirates of Dance»-Tour trat er 2005 eine Woche lang als Promotion-Pirat auf.

«Wir tun natürlich niemandem etwas Böses an», versichert der Seeräuber aus Oberentfelden und legt seine antike Vorderlader-Pistole auf den Tisch. «Unser Chefpirat ist wirklich der Hammer. Wenn es plötzlich backbords und steuerbords knallt und kracht sind die Leute richtig aus dem Häuschen», ist Robert Gander des Lobes voll über den Seeräuber aus dem Aargau. Der umtriebige Event-Profi mit eigener Firma (GanderEvent), der auch mit Managern auf Innerschweizer Alphütten Holz spaltet und Käselaibe herstellt, hat ein Faible für Action. «Wir möchten Emotionen wecken - unsere Gäste sollen den Tag auf dem schönsten See der Welt nicht mehr vergessen.» Und in der Tat: Der Firmenausflug mit Piratenüberfall wird sicherlich noch jahrelang in der Betriebskantine diskutiert werden.

Grossen Eindruck gemacht hat das Piratenspektakel mit Kanonenrauch auch einem holländischen Touristen: Aus dem Auto beobachtete er bei Beckenried auf der Fahrt nach Süden Rauch auf dem See und rief via Notruf die Polizei: Ein Schiff brenne und sei in Seenot! Mehrere Feuerwehr-Fahrzeuge mit Blaulicht und Sirene rückten an. «Normalerweise sind die Notfalldienste informiert, wenn wir es krachen lassen. Die wissen: Die Piraten sind wieder auf dem See.» Gander bietet seine Piratenüberfälle auf dem Vierwaldstättersee auch via Schweiz Tourismus an. «Weit über 100 Überfälle waren es schon», lacht der sympathische Luzerner, der seinen Aargauer Seeräuber-Kapitän auch auf anderen Schweizer Seen auf Kaperfahrt schickt: «Bielersee oder Bodensee - wir waren fast schon überall. In wenigen Wochen nehmen wir uns die ‹Pantha Rei›, das Flaggschiff der Zürichsee-Flotte, vor!» Ab und zu müssen sogar Anfragen für Kaperfahrten abgelehnt werden: «Wir können nicht an einem Tag auf drei Seen gleichzeitig sein.»