Vögel zwitschern, die Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die kahlen Baumkronen. Bärlauch soweit das Auge reicht. Mittendrin: Daniel Meier. 53 Jahre alt, blaue Augen, kurze Haare. «Siehst du den Trampelpfad? Die Tiere haben ihn erschaffen.» Die schmalen, tiefen Abdrücke im weichen Boden stammen von Rehen, die grossen, breiten von den Wildschweinen.

Bei einer Mulde mit Schlamm bleibt Meier stehen: «Hier suhlen die Wildschweine.» Auch an den umliegenden Bäumen sind ihre Spuren sichtbar. «Nach dem Schlammbad reiben sie sich an den Stämmen.» Bei einem abgeknickten Holunderzweig der nächste Stopp: «Hier war ein Rehbock am Werk. Er hat sein Geweih am weichen Zweig gefegt.»

Meier kennt das Verhalten der Waldtiere und kann ihre Spuren lesen. Als stellvertretender Jagdaufseher im Revier Ennetbaden wird das von ihm verlangt. Das ganze Jahr über beobachtet er die Tiere, überwacht ihren Gesundheitszustand und kümmert sich um ihren Lebensraum. Der Mellinger ist praktisch täglich im Wald unterwegs. Verfängt sich ein Tier mit dem Geweih im Zaun eines Bauern, wird er gerufen.

Wenn die Wildschweine die Wiese am Waldrand umgraben auch. Ausserdem ist er verantwortlich, dass das Jagdgesetz befolgt wird. Er kontrolliert zum Beispiel, dass die Schonzeit eingehalten wird. Im März und April gilt sie für fast alle einheimischen Tierarten. «Jetzt ist Kinderstube», sagt Meier. Viele Tiere bringen im Frühling ihren Nachwuchs zur Welt und sollen sich um ihn kümmern können. Heute ist auch er nur mit Fotoapparat und Feldstecher unterwegs.

Der Weg zum Weidmann

Ab Oktober gibt Meier sein Wissen in der eigenen Jagdschule an Jungjäger weiter. Die Jagdschule Reineke-Fuchs in Dättwil ist die vierte im Kanton Aargau und die erste in der Region Baden. Angehende Jäger können hier alles lernen, was sie für die kantonale Jagdprüfung und das weidmännische Werken brauchen. Das ist weit mehr als der Umgang mit dem Gewehr. Wer als Jäger in den Wald will, muss die Waldtiere kennen und beschreiben können sowie Bescheid über deren Lebensraum wissen.

Diese Grundlagen vermittelt Daniel Meier zusammen mit anderen Referenten in wöchentlichen Abendkursen. Die Kurse in Kleingruppen finden während 20 Monaten statt und dauern zwei Stunden. Die Kursgebühr für die Ausbildung beträgt 2000 Franken, Lehrmittel inklusive. Dass seit seiner eigenen Prüfung noch keine zwei Jahre vergangen sind, sieht Meier als Vorteil: «Ich habe den Lehrstoff noch sehr präsent.»

Ein Wald voller Geschichten

Bei jedem Hochsitz fällt Meier eine Anekdote ein: Auf diesem sei er mit seinem Schwager in der Dämmerung gesessen, als plötzlich eine Rotte Wildschweine angerannt kam. Weiter hinten sei er auf dem Hochsitz eingenickt und als er aufwachte, stand ein junger Rehbock vor ihm. Und oben am Wegrand war er während der Herbstjagd stationiert, habe aber, anstatt mit dem Gewehr im Anschlag zu warten, eine Maus gefüttert.

Meier erzählt, dass ihn die Vorurteile gegenüber Jägern zum Handeln motivieren. «Viele denken an grüngekleidete Menschen mit einer Feder am Hut, die mit dem Flachmann in der Hand durch den Wald torkeln und Tiere abknallen.» Gegen solche Vorurteile möchte er kämpfen und dabei auch alte Gewohnheiten hinterfragen. Bei einigen Traditionen, wie zum Beispiel der Herbstjagd, müsse die Art und Weise und die Intensität dringend überdacht werden.

Natürlich gehört das Erlegen von Tieren auch zu den Aufgaben von Meier. Er zeigt, wo er seinen ersten Rehbock geschossen hat. Mindestens so oft sagt er aber: «Ich habe nicht geschossen.» Damit er abdrücke, müsse absolut alles stimmen. Manchmal steht das Tier ungünstig, manchmal ist er mit der falschen Waffe im Wald. «Es wäre verantwortungslos, wenn ich ein grosses Tier mit zu wenig starker Munition erlegen wollte oder auf ein kleines mit viel zu starker schiesse.»

Diese Einstellung möchte er in seiner Jagdschule an die Jungjäger weitergeben. «Sie haben es in der Hand, wie sie von der Öffentlichkeit in Zukunft wahrgenommen werden», sagt Meier. Der Wald ist Lebensraum der Tiere und wird gleichzeitig von Hundehaltern oder Sportlern beansprucht. Als Jäger versuche er, zwischen den verschiedenen Gruppen zu vermitteln, und erledige seine Aufgaben stets so, dass er niemandem unnötig das Leben schwer mache.

Die Sonne verschwindet hinter den Hügeln. Der Blick vom Hochsitz am Waldrand schweift über die Wiese. Im Gebüsch wettern Amseln. «Es kann gut sein, dass sich die Tiere mit der Dämmerung aus dem Wald wagen», flüstert Meier. Mit dem Feldstecher sucht er die Umgebung ab. Er ist still und darauf bedacht, sich möglichst wenig zu bewegen. Im Hintergrund knackt und raschelt es ab und zu. Ein Reh? Im dichten Unterholz ist nichts erkennbar. An diesem Abend traut sich kein Tier auf die Wiese. Die Spuren im Wald verraten aber, dass sie hier sind.