Freienwil

Dieser Musiker ist dem Ruf der Trommeln und seines Herzens gefolgt

Willi Hauenstein tritt immer wieder bei Festivals auf – und begeistert mit seiner Trommelkunst.

Willi Hauenstein tritt immer wieder bei Festivals auf – und begeistert mit seiner Trommelkunst.

Musiker Willi Hauenstein aus Freienwil feiert in der Stanzerei das 20-Jahr-Jubiläum seiner Afro-Soul-Band Emashie mit der Taufe des neuen Albums «Different But Equal». Als Supplement ist ein Auftritt von 30 seiner Trommel-Schülerinnen und -Schüler angesagt.

Das Haus von Willi Hauenstein liegt abgelegen in Freienwil und ist von Pferdeweiden umgeben. Im spartanisch eingerichteten Wohnzimmer fällt der Blick sofort auf eine prächtige, 1,70-Meter hohe Trommel. Solche sogenannte «Fontomfrom» würden vor allem im Königsensemble der Ashanti gespielt, erklärt der 50-jährige Musiker und lässt seinen Blick lange darauf ruhen. Seit Jahren zieht es ihn immer wieder nach Ghana.

Dort studiert er die komplexen Trommelsprachen der verschiedenen Stämme. «Mit Trommelschlägen werden normal gesprochene Alltagsdialekte nachgeahmt und ganze Melodien gespielt», sagt Hauenstein und seine Augen beginnen zu leuchten.

Westafrika ist zu seiner zweiten Heimat geworden. Die Rhythmen von dort hat er in die Schweiz gebracht und vor 25 Jahren angefangen, Unterricht auf afrikanischen Trommeln zu geben. Die Instrumente für seine Schülerinnen und Schüler baut er zu einem grossen Teil selber. Das dafür notwendige Holz und die Trommelfelle aus Antilopenhaut kann er nach einem langwierigen bürokratischen Hin und Her mittlerweile aus Ghana importieren.

Eigentlich sollte er die Spenglerfirma übernehmen

Als Willi Hauenstein das erste Mal eine afrikanische Gruppe an einer Party trommeln sah, war er hin und weg. «Meine Frau Brigitte spürte meine Begeisterung und schenkte mir ein Bongo. Damit legte sie, ohne es zu wissen, den Grundstein für meine spätere Karriere», erinnert sich der Kahlkopf mit dem Ziegenbärtchen und lacht.

Er übte fortan stundenlang und nahm zusätzlich Unterricht bei dem ghanaischen Meistertrommler Eric Asante in Buchs. Hauenstein hatte seine Bestimmung gefunden, obwohl seine berufliche Zukunft bereits aufgegleist war und in eine ganz andere Richtung führen sollte: Der gelernte Bauspengler war dazu vorgesehen, den Spenglereibetrieb seines Vaters in Endingen weiterzuführen.

Dank Asante kamen erste öffentliche Auftritte zu Stande. Hauenstein machte seine Sache richtig gut. Weil versierte Percussionisten mit afrikanischen Grooves in der Schweiz selten waren, bekam er ständig neue Engagements. Bald war er jeden Abend am Spielen und tagsüber in der Spenglerei beschäftigt. Das ging an die Substanz.

Als seine Frau Tochter Ina Mara Akosua (auf Ghanaisch bedeutet das «am Sonntag geboren») erwartete, entschied er sich, den Spenglerberuf endgültig an den Nagel zu hängen. «Ich wollte alles auf die Karte Musik setzen. Mein Papa war enttäuscht. Aber ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg war», erinnert sich Hauenstein und strahlt.

Er tanzt auf sehr vielen Trommel-Hochzeiten

Denn er sollte recht behalten. Seine Trommelschule «Afropercussion» gedieh prächtig. Heute unterrichtet er bei sich zu Hause in Freienwil und in Zürich-Altstetten rund 60 Schülerinnen und Schüler. Die Jüngsten sind 7, die Ältesten 70. Doch das ist längst noch nicht alles.

1999 gründete Hauenstein mit der brasilianischen Sängerin Sandra Guerini die Band Emashie. Die multikulturelle Formation kreiert ihren ganz eigenen rhythmusbetonten Afrosound mit souligen und funkigen Elementen. Nach Tourneen im In- und Ausland legt Emashie mit «Different But Equal» bereits das vierte Album vor und wird zur Plattentaufe am 30. November 2019 in der Stanzerei durch eine Horn-Section verstärkt. Hauenstein ist aber seit einigen Jahren auch fester Bestandteil in der Band der kenianischen Sängerin Claudia Masika.

Er hat für beide Gruppen das Management übernommen und produzierte die letzten Alben in Eigenregie. Innerhalb des Programms «Kultur macht Schule» besucht der umtriebige Instrumentalist aus Freienwil Schulklassen und bringt ihnen einfache afrikanische Trommelrhythmen bei. Mit seinen Trommel-Schülerinnen und -Schülern tritt er regelmässig an Afro-Pfingsten und anderen grossen Festivals auf; seit vier Jahren inklusive eines Afrochors, für den Hauenstein noch Mitglieder sucht.

Als Spezialist für Trommelkultur in Ghana gibt er zudem Workshops an der aktuellen Ausstellung «Mit Trommeln sprechen» im Völkerkundemuseum Zürich. «Ich trommle täglich stundenlang», sagt der Musiker und fügt lachend hinzu, «deshalb bin ich froh, dass ich so abgelegen wohne.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1