Filmemacherin

Diese Wettingerin steckt hinter Grundeinkommens-Experiment in Zürcher Gemeinde

Rebecca Panian ist davon überzeugt, mit ihrem Dokumentarfilm «Dorf testet Zukunft» etwas bewegen zu können.

Rebecca Panian ist davon überzeugt, mit ihrem Dokumentarfilm «Dorf testet Zukunft» etwas bewegen zu können.

Die Wettingerin Rebecca Panian testet mit einer Zürcher Gemeinde das bedingungslose Grundeinkommen – für einen Dokfilm.

Die Wettinger Filmemacherin Rebecca Panian hat in den letzten Wochen schweizweit Bekanntheit erlangt, weil sie mit der Zürcher Gemeinde Rheinau ein Jahr lang das bedingungslose Grundeinkommen testen will und darüber einen Dokumentarfilm dreht. Die Finanzierung steht zwar noch auf wackligen Beinen, aber sie und ihr Team um das Projekt namens «Dorf testet Zukunft» sind felsenfest davon überzeugt, dass sie den gewünschten Betrag von fünf bis sechs Millionen Franken mithilfe der Crowdfunding-Plattform «wemakeit» erreichen werden.

Mitte Oktober soll die «Schwarmfinanzierung» starten. Erst mit diesem Geld wäre es überhaupt möglich, das Grundeinkommen zu finanzieren. «Wie viel wir konkret brauchen, werden wir nächste Woche herausfinden», erklärt die 40-Jährige, die in Wettingen aufgewachsen ist und zwischen Berlin und Wettingen pendelt. Ihr Lebensmittelpunkt befindet sich aber in Wettingen. Hier ist ihre Idee gereift, mit einer Schweizer Gemeinde ein Experiment zu wagen: Was passiert mit einer Gemeinschaft, wenn diese ein bedingungsloses Grundeinkommen, kurz BGE, erhält?

Seit das Projekt konkrete Formen angenommen hat, ist in wichtigen Momenten ein Kameramann dabei. Eine der Hauptprotagonistinnen des Films ist: sie selbst. Manchmal filmt Panian auch mit ihrem Smartphone: «Das gehört zum Konzept.» Und auch wenn es am Ende ein Dokumentarfilm wird, für sie ist es viel mehr als das: «Die Idee kommt nicht von mir als Filmemacherin, sondern als Bürgerin», betont sie.

Ihr habe es 2016 nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten den Deckel gelupft: «Ich war so wütend darüber, dass er gewählt worden ist.» Im gleichen Jahr sei auch die Vorlage des BGE von der Schweizer Bevölkerung klar abgelehnt worden. Per Zufall hatte sie zu diesem Zeitpunkt auch noch ein Angebot einer Produktionsfirma auf dem Tisch, die mit ihr einen Film realisieren wollte. «So begann ich, vertiefter über das Grundeinkommen zu recherchieren und fand: Das muss man doch testen!»

Aufs Bauchgefühl gehört

Mit Wut und Mut im Bauch ging sie es an: «Ich bin Sternzeichen Waage, ich kann nicht mit Ungerechtigkeiten leben. Das macht mich aggressiv», sagt sie schmunzelnd. Und: «Mir macht die Automatisierung und Digitalisierung Angst und ich frage mich: Was werden wir mit den Menschen machen, die irgendwann keine Arbeit mehr finden?» Sie findet es grobfahrlässig, das Konzept des Grundeinkommens nicht näher anzuschauen.

Also begann sie im Januar damit, öffentlich nach einer Gemeinde zu suchen, die sich auf das Experiment einlässt. «Daraufhin hat die Gemeinderätin Karin Eigenheer ihr Dorf Rheinau angemeldet.» Gerne hätte sie «Dorf testet Zukunft» mit einer Aargauer Gemeinde durchgeführt: «Es kamen auch Anmeldungen aus dem Aargau, aber aus der Bevölkerung. Karin Eigenheer war eine der wenigen auf Exekutivebene, die sich dafür bewarben.»

Deshalb war ziemlich schnell klar, dass sie das BGE mit Rheinau testen wollte. Seit letzter Woche, nach über 800 Anmeldungen, ist auch klar, dass die Bevölkerung mitmacht. «Das war eine tolle Bestätigung», sagt Panian stolz. «Viele Menschen dachten, ich fände keine Gemeinde, die mitmacht. Wenn ich aber etwas in diesem Projekt gelernt habe, dann das: Nicht auf negative Stimmen, sondern auf mein Bauchgefühl zu hören.»

Und so funktioniert ihr Projekt: «Am Anfang des Monats wird jedem Teilnehmer ein Grundeinkommen ausbezahlt. Wird im Monat kein eigener Verdienst erzielt, so kann das erhaltene Grundeinkommen behalten werden», ist auf der Projekt-Website zu lesen. Der erhaltene Betrag ist vom Alter abhängig: Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre erhalten 625 Franken, alle über 25 Jahre 2500 Franken.

Viele müssen das erhaltene Geld jedoch Ende Monat wieder zurückzahlen, weil sie mehr verdienen. «Das Grundeinkommen soll eine Existenzsicherung sein und nicht mehr Geld.» Das brauchte Panians Überzeugungsarbeit: «Diese Menschen fragten sich, warum sollen wir dann überhaupt mitmachen, wenn wir gar nicht profitieren? Bis ich erklärte, dass es als Gemeinschaftsprojekt so funktionieren muss. Wir vergessen in unserer Gesellschaft viel zu oft, dass profitieren nicht immer nur mit Geld zu tun hat.»

Sie ist sehr erfreut, wie sich alles entwickelt — entgegen vieler kritischer Stimmen: «Das beginnt schon bei meinen Nächsten hier in Wettingen. Auch wenn sie mein Projekt gut finden, können sie sich gar nicht vorstellen, dass es funktionieren könnte», so Panian. «In uns ist noch viel zu sehr der Gedanke verankert: Man muss doch arbeiten gehen für sein Geld. Und wer einfach so Geld erhält, der wird doch faul.» Ihr Bild sei ein anderes: «Ich kann mir vorstellen, dass es Menschen von Existenzangst befreit und ermutigen kann, ihrem Herzen zu folgen.»

Auf die Kritik, dass es sich bei «Dorf testet Zukunft» nur um einen «unterhaltsamen Zeitvertreib» handelt, wie die NZZ schreibt, dass es mit der beschränkten Dauer von nur einem Jahr und dieser Art der Finanzierung nicht realistisch sei, reagiert sie gelassen: «Jeder darf frei seine Meinung äussern.» Es hätte aber keine Gemeinde mitgemacht, wenn sie ein BGE selbst hätte finanzieren müssen. «Es gibt noch gar kein Richtig oder Falsch, da es das so noch nie gegeben hat.» Zudem werde das Projekt wissenschaftlich begleitet, wenn die Finanzierung zustande kommt. Ganz ihrem Bauchgefühl folgend, ist sie überzeugt, dass hier «wichtige Erkenntnisse gewonnen werden können, die der Welt etwas zurückgeben.»

Meistgesehen

Artboard 1